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Marburg Interesse an Allgemeinmedizin gilt als cool
Marburg Interesse an Allgemeinmedizin gilt als cool
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00:18 15.08.2018
Dr. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit (links), und Finanzminister Dr. Thomas Schäfer im Gespräch mit OP-Redakteur Gianfranco Fain. Foto: Tobias Hirsch
Dr. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit (links), und Finanzminister Dr. Thomas Schäfer im Gespräch mit OP-Redakteur Gianfranco Fain. Quelle: Tobias Hirsch
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Oberhessische Presse: Herr Schäfer, worin sieht die Landesregierung die Ursachen für das Fehlen von Hausärzten auf dem Land und wie soll ­gegengesteuert werden?

Dr. Thomas Schäfer: Die Ursachen sind sehr vielschichtig. Eine sind sicherlich die Berufsvorstellungen der Ärzte. Das Bild des Hausarztes, wie wir es kennen, dass der Arzt rund um die Uhr verfügbar ist, am Wochenende freiwillig seinen Sonntagsdienst macht und dann auch noch freundlich lächelnd zum Hausbesuch kommt, deckt sich nicht mit den Vorstellungen der Lebensgestaltung von jungen Medizinstudenten. Nur die allerwenigsten wollen Haus- oder Landarzt werden und davon wiederum nur die wenigsten selbstständig eine Praxis führen. Das ist, glaube ich, eine der Hauptursachen, weshalb zu wenige Mediziner bereit sind, aufs Land zu gehen. 

OP: Wie können Übernahmen von Praxen befördert werden?

Schäfer: Wir brauchen Modelle, die die Übernahme auf volles Risiko anders gestalten, wie zum Beispiel Praxen als Genossenschaft oder auch die Arbeit als angestellter Arzt in medizinischen Versorgungszentren.

„Für Standardwerte muss der Arzt nicht rausfahren“

OP: Medizinische Versorgungszentren werden als Lösung hoch gehandelt, bedeuten aber für die Landbevölkerung längere Wege zum Arzt. Wird der Arzt vor Ort in Zukunft noch Realität sein?

Schäfer: Wie schon geschildert werden sich die Ein-Mediziner-Praxen in aller Regel nur schwer halten lassen. Unser Ziel muss sein, in einer zumutbaren räumlichen Entfernung die allgemeine Hausarztversorgung sicherzustellen. Gleichzeitig arbeiten wir an weiteren Angeboten: Einfache Hausbesuche können in vielen Fällen auch Gemeindeschwestern übernehmen. Wir testen im Moment, ob ein mobiler Hausarzt in einem Praxisbus eine Variante sein könnte. Und die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung eröffnet viele neue Chancen. Das bedeutet nicht, dass wir bald den Roboter-Arzt haben wollen, aber Standardwerte wie Blutdruck und Zucker können die Praxis auch digital erreichen. Dafür allein muss der Arzt nicht unbedingt rausfahren.

OP: Diese zumutbare Entfernung wären wie viele Kilometer?

Schäfer: Die allermeisten Menschen müssen in Deutschland weniger als 1.000 Meter Luftlinie zum nächsten Mediziner zurücklegen. Das trifft in einer Großstadt mindestens für 95 Prozent der Bevölkerung zu, auf dem Lande immerhin noch für 35 Prozent und weitere 45 Prozent haben maximal 3 oder 4 Kilometer Luftlinie. Das dürfte eine vertretbare und ausreichende Nähe für ein Versorgungszentrum mit zwei oder drei Ärzten sein.

OP: Herr Gerlach, sind medizinische Versorgungszentren auch für Sie eine Lösung?

Professor Ferdinand M. Gerlach: Auch der Sachverständigenrat schlägt solche Team-Praxen vor, weil es dafür viele vernünftige Gründe gibt.

OP: Die da wären?

Gerlach: Für junge Ärzte ermöglicht ein Versorgungszentrum zum Beispiel als Angestellter oder in Teilzeit zu arbeiten und eine Kinderbetreuung lässt sich leichter organisieren. Der Hausarzt der Zukunft wird zumeist eine Hausärztin sein. Diese und ihr Partner haben andere Vorstellungen von der Berufstätigkeit, als das bei jetzt tätigen Ärzten der Fall ist.

OP: Brächte ein Versorgungszentrum auch Patienten Vorteile?

Gerlach: Ja, denn die Medizin wird deutlich komplexer. Gerade chronisch Kranke brauchen eine umfassende Versorgung, bei der auch andere Berufsgruppen im Team zusammenarbeiten, etwa Physiotherapeuten und Pflegende oder die Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH), die Ärzte in der Praxis unterstützt und Routine-Hausbesuche übernimmt.

Zur Person

Professor Ferdinand M. Gerlach ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität in Frankfurt und „Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“. Das unabhängige, interdisziplinär mit Medizinern, Ökonomen und Pflegewissenschaftlern zusammengesetzte Gremium berät Bundestag und Bundesrat.

OP: Wie nah sind Sie noch an der Medizinertätigkeit dran?

Gerlach: Ich war 20 Jahre in der Praxis, in den vergangenen Jahren allerdings nur noch in Teilzeit, weil ich als Universitätsprofessor in Frankfurt und als Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen sehr vielfältige Aufgaben habe.

OP: Sie wissen also die Praxisarbeit zu schätzen. Woran liegt es, dass laut einer Erhebung der Landesärztekammer nur acht Prozent der Medizinstudenten in Hessen sich vorstellen können, als Hausarzt tätig zu sein?

Gerlach: Eine neuere bundesweite Befragung kommt zu einem anderen Ergebnis. Laut dieser können sich von über 11.000 Medizinstudierenden immerhin 34,5 Prozent vorstellen, Allgemeinmediziner zu werden. Unser Problem ist, dass es tatsächlich nur etwa 10 Prozent auch umsetzen. Aktuell qualifizieren sich rund 90 Prozent der Ärzte als Spezialisten und nur etwas mehr als 10 Prozent werden Generalisten. Wir benötigen aber zirka 25 bis 30 Prozent eines Jahrgangs, um die allgemeinmedizinische Grundversorgung in Deutschland sicherzustellen.

OP:  Die Bedarfslücke wird also größer?

Gerlach: Es entstehen Lücken an mehreren Stellen: Es werden nur ein Drittel derjenigen, die sich das vorstellen können, Allgemeinmediziner und wir haben regionale Fehlverteilungen.

Fehlverteilung: zu viele Fachärzte am falschen Ort

OP:  Es fehlen also Mediziner?

Gerlach: Wir haben keinen absoluten Ärztemangel. Die Zahl der berufstätigen Ärzte nimmt jedes Jahr um 6.500 zu. Mit 385.000 gibt es so viele Ärzte in Deutschland wie noch nie zuvor. Wir erkennen aber eine doppelte Fehlverteilung: Neben einem unausgewogenen Verhältnis von Spezialisten zu Generalisten sind die meisten Ärzte dort tätig, wo sie am wenigsten benötigt werden – in gut versorgten, wohlhabenden Vierteln der Großstädte, während wir in ärmeren Stadtteilen und im ländlichen Raum Versorgungsprobleme haben.

OP:  Wie ist dieses Versorgungsproblem zu lösen?

Gerlach: Wir brauchen andere und intelligentere Lösungen als in der Vergangenheit. Die Eins-zu-eins-Nachbesetzung bestehender Einzelpraxen wird in Zukunft ohnehin die Ausnahme sein.

OP: Wäre eine andere Verteilung von Arztsitzen eine Lösung?

Gerlach: Ja, aber nicht mit Zwang, sondern mit attraktiven Angeboten für den Ärzte-Nachwuchs. Zum Beispiel „Wohnen in der Stadt, praktizieren auf dem Land“, konkret in einem Gesundheitszentrum, wo ich in einem Team in Teilzeit oder als Angestellter arbeiten kann und die Kinderbetreuung gesichert ist. Dafür kann es auch finanzielle Anreize, etwa Zuschläge für Landärzte, geben, was ähnlich auch von der Bundesregierung beabsichtigt wird. Die Rechtsform – Versorgungszentrum oder Gemeinschaftspraxis – ist dabei zweitrangig.

OP:  Wo sollten solche Versorgungszentren entstehen?

Gerlach: Sie könnten dort angesiedelt werden, wo die Menschen auch einkaufen, wo die Apotheke ist, wo der Pflegedienst angesiedelt wird und auch die Physiotherapie. Solche Zentren können sogar eine Alternative zu Kliniken sein, die man in manchen Regionen nicht unbedingt benötigt. Wir plädieren dafür, dezentrale ambulant-stationäre Zentren gemeinsam mit den Krankenhäusern der Region zu gestalten und dort auch Haus- und Fachärzte zusammenzubringen.

Plan: Allgemeinmedizin als obligatorisches Prüfungsfach

OP:  Nochmal zur Ausbildung. Muss sich innerhalb des Studiums, der Fortbildung etwas ändern, damit junge Mediziner motiviert sind, Allgemeinmediziner zu werden?

Gerlach: Ja, da gibt es ein ganzes Maßnahmen-Bündel. So haben die Gesundheits- und Wissenschaftsministerien der Länder sowie des Bundes bereits einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ vereinbart. Danach soll die Ausbildung zukünftig praxisnäher, die Allgemeinmedizin gestärkt und der Zugang zum Studium neu geordnet werden.

OP: Ein Beispiel?

Gerlach: Alle Studierende sollen zukünftig ein Quartal in einer ambulanten Praxis verbringen. Allgemeinmedizin wird für alle als Prüfungsfach obligatorisch.

OP:  Ab wann wird dies der Fall sein?

Gerlach: Dazu berät gerade eine Kommission noch wichtige Details. Ich rechne im nächsten Jahr mit dem Beschluss und im übernächsten mit dem Beginn.

OP:  Sind weitere Veränderungen geplant?

Gerlach: Ja, neben der Ausbildung von Medizinstudierenden auch in der Weiterbildung von zukünftigen Fachärzten für Allgemeinmedizin. In Hessen haben wir an den Universitäten in Frankfurt und Marburg ein gemeinsames Kompetenzzentrum für die Weiterbildung etabliert, dessen Konzeption Vorbildfunktion auch für andere Länder hat und jetzt sogar bundesweit übernommen wird.

OP:  Was bedeutet das konkret?

Gerlach: Wir bringen in Frankfurt wie in Marburg mehr Praxisrealität in die Ausbildung und übrigens auch unsere Forschung. Unsere Studierenden in Frankfurt haben zum Beispiel die Wahl zwischen 140 Lehrpraxen und wir kooperieren darüber hinaus mit mehr als 400 Forschungspraxen.

OP:  Wie geht das vor sich?

Gerlach: Die Kompetenzzentren begleiten die jungen Ärztinnen und Ärzte mit praxisnahen Seminaren sowie mit Mentoring-Gruppen, in denen sie sich gegenseitig unterstützen und durch erfahrene Ärzte gefördert werden. Zudem gibt es eine gezielte Weiterbildung für die Weiterbilder und – etwa in Biedenkopf und Marburg – auch regionale Weiterbildungsverbünde, die Ärzten in Weiterbildung eine nahtlose Rotation durch verschiedene Kliniken und Praxen erleichtern.

OP:  Und das führt zu mehr Landärzten?

Gerlach: Das alles zusammen ergibt deutlich attraktivere Perspektiven. Wir sind sehr zuversichtlich, so die Zahl der Allgemeinmediziner zu steigern. Schon jetzt gibt es einen leichten Anstieg und bei den Studierenden deutlich mehr Interesse an der Fachrichtung. Heute gilt es im Gegensatz zu früher fast schon als cool, sich für Allgemeinmedizin zu interessieren.

OP:  Zurück zur Ärztinnenquote. Der Anteil der Frauen an Medizinern nimmt stetig zu. Diese möchten aber mehr Teilzeit arbeiten. Das heißt, zwei oder drei Mediziner für einen Arztsitz. Brauchen wir, um diese zu erhalten mehr Studienplätze?

Gerlach: Wir rechnen bei den Hausärzten, dass wir zwei alte zukünftig durch drei junge ersetzen müssen. Wenn die Umsteuerung zu mehr Generalisten funktioniert, kommen wir mit der jetzigen Zahl an Studienplätzen aus.

OP:  Funktioniert das so einfach?

Gerlach: Ein Kernproblem wird sein, junge Ärzte für die Regionen, in denen wir Bedarf haben, zu begeistern. Ein Weg dazu ist, sie im Rahmen von Schwerpunktprogrammen auch in ländlichen Regionen auszubilden, damit sie über „Klebeeffekte“ dort bleiben, wo wir sie brauchen.

von Gianfranco Fain