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Marburg Hessen fördert Marburger Arzneimittelforschung
Marburg Hessen fördert Marburger Arzneimittelforschung
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07:56 11.09.2020
Professor Dr. Michael Bölker (von links), Moritz Bünemann, Professor Dr. Peter Kolb, Angela Dorn und Professor Dr. Michael Keusgen bei der Übergabe der Förderbescheide.  Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Gleich zwei „Loewe“-Förderbescheide übergab Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) im Vortragssaal der Marburger Uni-Bibliothek. Sie gingen an zwei Projekte der Arzneimittelforschung, die von Wissenschaftlern der Universitäten in Marburg und Darmstadt geleitet werden.

Wie wirken Medikamente? Und wie kann man deren Wirksamkeit verbessern, damit es kranken Menschen besser geht? Diese beiden Fragen stehen im Mittelpunkt der beiden hessischen Forschungsverbünde, die jeweils vom Landesförderprogramm „Loewe“ gefördert werden.

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„Bessere Medikamente mit weniger Nebenwirkungen für so verbreitete Krankheiten wie Diabetes und Herz- und Gefäßkrankheiten sowie zur Bekämpfung von Tumoren, Schmerzen und Entzündungen können vielen Menschen helfen – sie sind das Ziel der Grundlagenforschung der beiden neuen Loewe-Schwerpunkte“, erklärte Wissenschaftsministerin Angela Dorn.

Beide Projekte arbeiten an unterschiedlichen Schwerpunkten in der Wirkstoffforschung und haben gleichzeitig viele Berührungspunkte. Im Zentrum steht jeweils die Erforschung von Bindetaschen – also bestimmten Bindungsorten – in Proteinen.

Rezeptoren spielen entscheidende Rolle

Arzneistoffe wirken derzeit meist in denjenigen Bindetaschen von Rezeptoren, an die auch körpereigene Botenstoffe andocken. Die räumlichen Anordnungen der bisher genutzten Bindetaschen sind häufig sehr ähnlich, so dass Arzneistoffe oft zu wenig selektiv sind. Dadurch steigt die Gefahr von Nebenwirkungen. Das Forschungsprojekt „Glue“ sucht nun systematisch nach alternativen Bindetaschen an Arzneimittelrezeptoren und erforscht deren Eignung für die Wirkstoffentwicklung. Dies erläuterte der Pharmakologe Professor Moritz Bünemann, Sprecher des „Glue“-Projektes.

Bünemann machte deutlich, dass die in dem Projekt zu erforschenden Rezeptoren eine wichtige Rolle als Arzneimittel-Angriffspunkte spielen, denn ein Drittel aller Wirkstoffe von Arzneimitteln binden an Vertreter dieser „Rezeptor-Familie“. Die Rezeptoren sind in der äußeren Zellhülle angesiedelt und empfangen dort Botenstoffe wie Adrenalin, Duftstoffe oder Licht.

Grundlage der Forschung ist die Kenntnis der dreidimensionalen Struktur ausgewählter pharmakologisch interessanter Rezeptoren. Forscher unterschiedlicher Disziplinen aus vier hessischen Standorten arbeiten bei „Glue“ zusammen an drei ausgewählten Rezeptoren, um Grundlagen von der Wirkstoffsynthese über die Strukturaufklärung bis hin zur Testung an Krankheitsmodellen zu erarbeiten.

Mehr Wirkung, weniger Nebenwirkung

Neben Marburg sind daran auch Forscher der Technischen Universität Darmstadt (TU Darmstadt), des Max-Planck-Institutes für Herz und Lungenforschung in Bad Nauheim sowie der Goethe-Universität Frankfurt beteiligt. Arbeitsgruppen der computergestützten Wirkstoffforschung, der pharmazeutischen Chemie, Biochemie, Strukturbiologie und Pharmakologie arbeiten zusammen. „Glue wird“ mit 4,4 Millionen Euro für eine Laufzeit bis 2023 gefördert.

Im von der TU Darmstadt koordinierten Projekt „Trabita“ geht es darum, die Struktur von flexiblen Bindetaschen zu erforschen, um die Wirkung von Medikamenten zu verbessern. Diese Struktur zu verstehen, sei wichtig für die Verbesserung der Wirkung von Medikamenten oder überhaupt erst für die Ermöglichung neuer Medikamente, erläuterte der Projektkoordinator Professor Felix Hausch. Für das Projekt „Trabita“ gibt es bis 2024 insgesamt 4,5 Millionen Euro.

Landesforschungsförderprogramm „Loewe“

Das Landesforschungsförderprogramm „Loewe“ (Kurzform für Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz) gibt es seit zwölf Jahren. Die hessische Landesregierung will die Mittel für dieses Programm schrittweise von rund 60 Millionen Euro in diesem Jahr auf 100 Millionen Euro im Jahr 2025 erhöhen.

Neben speziellen „Loewe“-Professuren können bei dem Programm „Loewe-Exploration“ Forscher künftig neuartigen, hoch innovativen Forschungsideen nachgehen: Mit zwischen 200.000 und 300.000 Euro werden sie für zwei Jahre unterstützt, um eine unkonventionelle Hypothese oder einen radikal neuen Ansatz zu testen. Ziel ist, mit dem Förderprogramm herausragende Forscher in Hessen zu halten oder nach Hessen zu holen.

Von Manfred Hitzeroth