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Marburg Läden offen: Oberstadt-Händler atmen durch
Marburg Läden offen: Oberstadt-Händler atmen durch
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21:56 20.04.2020
Sabine von Elkan in ihrem Bekleidungsgeschäft. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Geschäftiges Gewusel statt gelangweiltes Geschlender durch eine Geisterstadt – darauf haben viele Einzelhändler in Marburgs Oberstadt am Montag, 20. April, gehofft.

Und auch wenn der ganz große Andrang am ersten Laden-Öffnungstag seit dem Corona-Notstand ausgeblieben ist, sind viele Gewerbetreibende erleichtert und hoffnungsvoll. „Jetzt hat man sein Geschäft endlich wieder in der eigenen Hand“, sagt Lukas Wahl, Inhaber des Schuhgeschäfts „Lucki Lucki“ in der Barfüßerstraße.

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In den vergangenen vier Wochen sei er mit seinem von jetzt auf gleich eröffneten Online-Shop „jedem Brotkrumen hinterhergerannt“ und habe sich „bis zur Decke gestreckt, um einen ganz harten Aufprall zu vermeiden“. Im vergangenen Jahr seien für ihn speziell März und April umsatzstarke Monate gewesen, also genau jene Hoch-Zeit, die ihm nun durch die Corona-Schließung verhagelt wurde.

Platte Parolen in Richtung helfen nicht

„Viel länger wäre das alles nicht durchzuhalten gewesen, dann hätte ich dichtmachen können“, sagt er. Umso glücklicher ist er, dass schon Minuten nach der Shop-Öffnung die ersten Kunden in seinem 60 Quadratmeter großen Laden standen und trendige Turnschuhe oder Kappen kauften.

„Es ist top, dass man sich auf einige Kunden echt verlassen kann. Das hilft, nicht nur finanziell“, sagt er. Denn platte Parolen in Richtung Wirtschaft, dass diese nun eben mal zurückzustecken habe und Selbstständige für Krisenzeiten eben Rücklagen hätte bilden müssen, sei „leicht und schnell gesagt“, dabei sei Geschäftemachen speziell in der nicht gerade von kaufkräftigen Kunden überrannten Oberstadt schwierig.

„Marburg Liebe“ bringt 195.000 Euro ein

„Man zieht hier keine Reichtümer raus.“ Eben deshalb hält Wahl es für entscheidend, dass die Stadt Marburg die Gewerbesteuer für das laufende Jahr senkt: „Ware, Personal, Steuern – das sind die drei wesentlichen Kosten für uns Händler. Am Wareneinsatz können wir schrauben, am Personal sollen und wollen wir nicht schrauben, aber die Steuersätze werden anderswo gemacht.“

Die private Unterstützung gibt es bereits – die Aktion „Marburg Liebe“ hat Gewerbetreibenden binnen dreieinhalb Wochen 195.000 Euro eingebracht. „Das zeigt die Verbundenheit und Treue der Bürger zum heimischen Handel und wir hoffen, dass damit den einzelnen Geschäften effektiv über die Runden geholfen werden kann, das Geld die Folgen der Schließungszeit abfedert“, erklärt Daniela Maurer vom Stadtmarketing auf OP-Anfrage.

Einige Geschäfte hätten so mehr als 5.000 Euro Vorab-Einnahme erzielt, neben – weiterhin und auf unabsehbare Zeit geschlossenen – vielen Gaststätten gebe es in den Unterstützer-Top-Ten auch kleinere Einzelhändler.

Trauen sich die Leute wieder raus?

Erleichterung ist nicht nur bei „Lucki Lucki“ spürbar, sondern auch im Bekleidungsgeschäft Sabine von Elkans. „Ich bin am Morgen mit gemischten Gefühlen zur Arbeit gekommen, mir war schon etwas mulmig, wie es denn werden wird“, sagt sie.

Die große Angst war die vor der Angst: „Trauen sich die Leute wieder raus? Wie reagieren sie auf die neue Situation und die Vorhaben? Das kann man ja alles nicht abschätzen. Aber als die erste Kundin dann reinkam, sie sich richtig über die Wiedereröffnung freute und wir uns unterhielten, war ich einfach froh und erleichtert.“ Sogar auf die laufende Prozent- und Rabattaktion wollten Kunden am Montag verzichten – eben weil sie um die Einnahemeinbrüche auch bei Sabine von Elkan wissen.

„Ich bin ein positiver Mensch“

„Hier oben hat es immer bessere und schlechtere Zeiten gegeben, aber ich bin ein positiver Mensch und habe die Hoffnung, dass alles wieder wird wie vorher.“ Im „Cocon“ haben Wolfgang Flauger und Jutta Meise die Tür wieder aufgeschlossen – nach „dem längsten Urlaub, den wir je hatten“, wie Flauger sagt.

Ihr Geschäft lebe maßgeblich von Tagestouristen, von Stadtbummlern, die angesichts der Corona-Kontakt- und Reisebeschränkungen aber weiterhin fern bleiben. „Von jetzt auf gleich wird das weder bei uns noch bei anderen wieder anlaufen“, sagt er.

Hoffen auf Aufschwung im Mai

Da die mehr als 25.000 Studenten samt ihrer Kaufkraft quasi auch ins Home-Office verbannt seien, die Gaststätten dicht hätten und es in der Oberstadt ohnehin an Frequenzbringern mangele, werde dieses Geschäftsjahr „mit Sicherheit kein rosiges“. Verschärft werde das von der Absage aller Veranstaltungen, vom Marburger Frühling bis zum Stadtfest „3 Tage Marburg“.

„Das wird jeder in der Kasse spüren.“ Aber: „Wo es bergab geht, geht es auch wieder bergauf“, sagt Flaugler und hofft auf einen Aufschwung ab Mai, wenn es eventuell auch wieder mehr Ausflugstätigkeiten aus dem Umland, aus Nordrhein-Westfalen geben könnte.

Auf die Stammkunden ist Verlass

„Ich hatte schon so meine Befürchtungen, ob die Menschen kommen und kaufen, ob sie etwa bei Neuerscheinungen noch Geduld haben“, sagt Thomas Noyal vom Comicladen. Denn die große Sorge, wie auch im Buchhandel, generell war, dass Kunden eben doch verstärkt bei Amazon und im Online-Handel kaufen, sich gar daran gewöhnen und so das Aus der Vor-Ort-Läden besiegelt wäre.

Auf Stammkundschaft sei am Eröffnungstag jedenfalls Verlass gewesen, sie ergatterten dann bei Noyal die neuen Titel. Auch von „Marburg-Liebe“ profitiere man, die Einnahmen milderten die Folgen. „Wenn der Zustand noch länger angehalten hätte, wären wir in echte Schwierigkeiten gekommen“, sagt er. Da man schon sehr von Laufkundschaft lebe, schaue man im Comicladen auch stets auf das Wetter – und da Sonnenschein die Oberstadt belebt, „belebt sie auch das Geschäft. Das brauchen wir jetzt.“

Drang nach draußen

„Ich glaube, die Leute wollen einfach wieder raus und einkaufen“, sagt Annette Weinhauer von Juwelier Klein. Ihrem Eindruck nach habe sich die Oberstadt bereits am Montag „ganz gut gefüllt“, eben weil es einen „Drang nach draußen und zu persönlichen Gesprächen, wozu Beratung ja auch zählt, gibt“.

Wie ihre Kollegin Corinna Hansmann ist sie positiv gestimmt, dass der Konsumwille trotz Kurzarbeitergeld und somit Einkommenseinbußen bei Tausenden in der Region zurückkehrt. „Ich sehe nicht schwarz, es muss kein komplett verlorenes Jahr sein. Wir müssen einfach das Beste aus der Situation machen.“

Von Björn Wisker

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