Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Keramik-Kunst bringt Altar zum Schweben
Marburg Keramik-Kunst bringt Altar zum Schweben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 03.07.2021
Keramik-Künstlerin Kyra Spieker gestaltet Teil zwei der Gottesdienst-Reihe in der Universitätskirche.
Keramik-Künstlerin Kyra Spieker gestaltet Teil zwei der Gottesdienst-Reihe in der Universitätskirche. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

„Macht Liebe alles neu? Vom Stückwerk zum Werkstück“: Das ist der Titel eines Gottesdienstes und einer Ausstellung an diesem Sonntag, 4. Juli, ab 11 Uhr in der Marburger Universitätskirche. Die Keramik-Künstlerin Kyra Spieker bringt mit ihrer Kunst-Intervention den massiven Altar der Kirche mit Hilfe einer Verhüllung aus bedrucktem Mesh-Gewebe gewissermaßen optisch zum Schweben.

Der Aufdruck des Gewebes zeigt historische Keramikscherben, die die Künstlerin in der Nähe ihres Wohnortes Höhr-Grenzhausen in der Nähe einer der ältesten Töpfereien entdeckt hat.

Eine hoffnungsvolle Erfahrung

Und auch ansonsten steht ihr Kunst-Objekt ganz im Zeichen dieses Fundes. Und so beschreibt Kyra Spieker selbst ihr Objekt: „Auf dem Altar befindet sich ein filigranes Objekt aus Einzelteilen, Weiß und Silber reflektierend, die zusammengesetzt eine Ganzheit ergeben“. Darüber hängen die gleichen Formteile, deren Fragmente ein Mobile ergeben.

Wie das zusammengeht mit dem Gottesdienst und biblischen Texten und welche neuen Erfahrungshorizonte sich daraus ergeben können, das wird die Kölner Pfarrerin Susanne Zimmermann erklären. Sie will dabei anknüpfen an eine biblische Geschichte aus dem Alten Testament, die in Jeremia 18, 3-4 steht. „Die hoffnungsvollste Geschichte des Alten Testaments erzählt, wie ein Töpfer sein Geschirr zerbricht und er daraufhin aus dem Stückwerk ein völlig neues Werkstück erschafft“, macht Zimmermann deutlich.

Die biblischen Erfahrung

Es geht also um Fragmente und Zweifel, um Unvollkommenheit und um die Sehnsucht nach Ganzheit. So wie in der Kunst stehe auch in der biblischen Erfahrung die Möglichkeit des Neu-Werdens des Zerbrochenen im Mittelpunkt. Nur die Liebe vermöge, das Vollkommene im Stückwerk zu erkennen. Hiermit ist wiederum der Bogen geknüpft zu dem Generalthema „Liebe“ der Veranstaltungsreihe des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in diesem Sommersemester. Erster künstlerischer Blickfang war der riesige buntschillernde Neonschriftzug „Love“ des Schweizer Künstlers Tizian Baldinger gewesen (die OP berichtete).

Und jetzt steht vom 4. Juli bis zum 29. August das Kunstwerk der 1957 in Marburg geborenen Kyra Spieker im Mittelpunkt. Für sie ist es auch eine gedankliche Rückkehr zu ihrer Jugendzeit, wo sie als Schülerin einst in Marburg das Gymnasium Philippinum damals noch am Fuße des Schlossbergs besuchte.

Eigene Vorliebe

„Ich hatte schon immer eine Vorliebe fürs Fragmentarische“, berichtet Spieker im Gespräch mit der OP. Denn es lasse Räume für Ideen und Träume und Gebete. Und ihre Arbeitsweise mit Modulen habe sie auch auf das aktuelle Projekt angewendet. Zu der Kooperation kam es nach einer Begegnung bei einer Kirchenbau-Tagung mit Professor Thomas Erne, dem Leiter des Marburger Institutes und Macher der Performance- und Ausstellungsreihe „Liturgic Specific Art“.

Als besonders schön empfand es die Künstlerin, dass sie jetzt die über viele Jahre aufgehobenen Keramikscherben, die sie als kleine Schätze betrachtet, für ihre Installation verwenden konnte. Für sie war es auch symbolisch betrachtet ein Wiedersehen mit den eigenen Zweifeln. Und so schlägt sie von dem Werkstück auch wieder den Bogen zum Stückwerk, denn sie meint: „Wir fühlen uns oft auch als Stückwerk“. Dieses Spannungsfeld interessierte die Künstlerin auch im Gespräch mit den Kirchenmenschen im Vorfeld der gemeinsamen Veranstaltung.

„Macht Liebe alles neu?“

Wichtig war es für Spieker auch, auf die räumlichen Gegebenheiten in der Universitätskirche zu reagieren. So wolle sie dem dominanten, gewichtigen Altar auch ein Stück weit Leichtigkeit und Helligkeit entgegensetzen.

Und wie passt das Gottesdienst-Motto „Macht Liebe alles neu?“ zu ihrer künstlerischen Arbeit? Kyra Spieker betont, dass sie mit einem liebevollen Blick und mit Respekt auf die Dinge und die Scherben schaue und ihre starke Wahrnehmung der Fundstücke in ihre künstlerische Arbeit mit einbezogen habe.

Gottesdienst und Aufstellung

Finden am Sonntag, 4. Juli, ab 11 Uhr statt, begleitet von Musik eines Celloquartetts mit Valeska Schulz. Die Ausstellung ist bis zum 29. August in der Kirche täglich von 9 Uhr bis 19 Uhr zu sehen. Zudem wird eine Online-Ausstellung unter der Adresse liturgyspecific.art vom 4. Juli bis zum 31. Oktober freigeschaltet, in der auch weitere Arbeiten der Keramik-Künstlerin Kyra Spieker zu sehen sind, die auch in einen poetischen Dialog mit Gedichten von Studierenden und dem Lyriker Heinz Kattner treten.

Von Manfred Hitzeroth