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Marburg Kurze Geschichte eines Waisenhauses
Marburg Kurze Geschichte eines Waisenhauses
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17:17 01.08.2017
Im Kilian in der Oberstadt war einst ein Waisenhaus der reformierten Gemeinde untergebracht. 1810 wurde es mit dem lutherischen Waisenhaus zusammengelegt. Quelle: Nadine Weigel (Archiv)
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Marburg

Helena Murk hat mit Archivaren gesprochen und sich auf Quellensuche im Staatsarchiv begeben. Ihr Ziel: Sie wollte so viel wie möglich über das einstige evangelisch-lutherische Waisenhaus in Marburg herausfinden. Die Schülerin der Elisabethschule ist auch fündig geworden und hat mit ihrer Geschichtsarbeit einen Förderpreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen.

„Ich habe alte Nachrichten durchgearbeitet“, erklärt die Schülerin. Diese wurden damals fast jährlich gedruckt und informierten über die Entwicklungen in dem Waisenhaus. In Archiven habe sie zudem detaillierte Quellen gefunden – etwa Namenslisten der Kinder. So hat Murk einiges über das Leben der Kinder im Waisenhaus und das allgemeine Leben damals herausgefunden. „Sie ­haben Handarbeit gelernt und wurden religiös erzogen“, weiß die bisherige Zehntklässlerin heute­ vom Alltag der Kinder zu berichten. „Mit der Konfirmation wurden sie dann aus dem Waisenhaus entlassen und gingen in eine Anstellung in Haushalten oder im Handwerk.“

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Die Geschichte des Waisenhauses, die Murk erforscht hat, begann im 18. Jahrhundert mit Krieg, Seuchen und wachsender Armut. Die Zahl der bettelnden und verwahrlosten Kinder nahm zu – meist Waisenkinder. Es wurden Hilfsprojekte organisiert, um die Kinder zu versorgen, um die sich niemand kümmerte, wie Murk erläutert. In Marburg gründete die reformierte Gemeinde bereits 1690 ein Waisenhaus. Das lutherische Haus wurde 1766 eröffnet, wie die Nachforschungen ergaben. Fortan seien die Nachrichten aus dem Waisenhaus entstanden, um Spender zu animieren und Rechenschaft abzulegen.

So fand Murk heraus, dass bei einer feierlichen Eröffnung acht Kinder der Waisenmutter Elisabetha Margaretha und dem Lehrer M. Johann Christian Bange anvertraut wurden. Sie kleideten die Kinder, kauften ein, lehrten sie das Lesen und das Beten. Professor Primarius Michaelis­ übernahm die medizinische Versorgung.

Eine Waisenmutter sorgte für die Kinder

Sie lebten in „der geräumten Wohnung des Kaufmanns Riegelmann“. Das Haus lag, so Murk, in der Untergasse in der Nähe des Lahntors. Es gehörte dem Kaufmann, der es unentgeltlich zur Verfügung stellte.  „Viele Menschen aus der Stadt kamen und schenkten den Waisen Lebensmittel wie Fleisch, Gemüse, Brot und Früchte, und zwar so viel, dass im ersten halben Jahr kaum etwas eingekauft werden musste“, fand die Schülerin heraus. Auch Ausländer und Menschen, die selbst nicht viel besaßen, hätten für die Kinder gespendet.

Der Alltag der Kinder war laut Murk straff durchgeplant. Mädchen und Jungs schliefen in getrennten Kammern, immer zu zweit in einem Bett. Um 7 Uhr begann der Unterricht nach dem Tischgebet – und zog sich über den ganzen Tag. Die Älteren hatten Katechismus-Lehre, die Jungs lernten Latein, Französisch und „Erdbeschreibungen“, für die Mädchen stand Nähen, Sticken und Kochen auf dem Plan. Die Kinder mussten aber auch arbeiten: Sie halfen im Haushalt oder sponnen Wolle für einen Strumpffabrikanten. „Früher wurde es oft als verderblich angesehen, wenn man nicht arbeitete oder lernte,­ der Sonntag war der einzige Ruhetag in der Woche“, erkannte­ Murk. Sonntags gab es dementsprechend mehrere Gottesdienste und Gebetsstunden.

Teure Lebensmittel, weniger versorgte Kinder

Murk fand heraus, dass die Zahl der Kinder erheblich schwankte: Mal lebten rund 25 Kinder dort, mal weniger als 10 – insbesondere, wenn Lebensmittel teuer waren und die Spenden der Marburger zurückgingen. Auch zog die Einrichtung mehrfach um, kaufte sich wenige Jahre später ein Haus in der Judengasse.

1810 schließlich wurde das lutherische Waisenhaus mit dem der reformierten Gemeinde am Lahntor zusammengelegt, laut Murk auf Anordnung der westphälischen Regierung. Einige Kinder mussten vermutlich aus Platzgründen allerdings in Pflegefamilien geschickt werden.

„Ich fand es sehr spannend, Einblicke in ein früheres Waisenhaus zu bekommen“, zieht Murk ihr Fazit. Ihrer Meinung nach hätten die Waisenkinder dort vergleichsweise gut gelebt, seien versorgt und ausgebildet worden. „Leider habe ich keine Tagebucheinträge oder Ähnliches von den Kindern gefunden, um zu erfahren, wie sie sich gefühlt haben“, bedauert die junge Geschichtsforscherin.

von Patricia Grähling