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Marburg Kurzarbeit weiter auf hohem Niveau
Marburg Kurzarbeit weiter auf hohem Niveau
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11:59 29.01.2021
Die Kurzarbeit bewegt sich immer noch auf hohem Niveau – in Hessen war davon laut Berechnungen der Bundesarbeitsagentur im August jeder elfte Arbeitnehmer betroffen.
Die Kurzarbeit bewegt sich immer noch auf hohem Niveau – in Hessen war davon laut Berechnungen der Bundesarbeitsagentur im August jeder elfte Arbeitnehmer betroffen. Quelle: Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild
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Marburg

Die Corona-Krise trifft nach wie vor viele Arbeitnehmer vor allem in der Industrie. Im Dezember waren die Bundesländer mit hohem Industrieanteil erneut etwas stärker von der Kurzarbeit betroffen als Länder, in denen die Industrie eine geringere Rolle spielt. Den höchsten Anteil an Kurzarbeitern verzeichnete mit geschätzt 7,4 Prozent Hessen, wie das Münchner Ifo-Institut kürzlich mitteilte. Dort waren demnach 196 000 Menschen in Kurzarbeit. An zweiter Stelle lag Baden-Württemberg mit 6,7 Prozent und 321 000 Kurzarbeitern, gefolgt von Niedersachsen und Bremen mit 6,6 Prozent und 223 000 betroffenen Arbeitnehmern. Im Verhältnis am wenigsten Kurzarbeit gab es mit einem Anteil von 4,1 Prozent in Sachsen-Anhalt und Thüringen, das waren 66 000 Beschäftigte.

Belastbare Zahlen nur mit Verzug

Eine Einschätzung, die Volker Breustedt, Leiter der Arbeitsagentur Marburg, differenzierter sieht – vor allem für den Landkreis. Denn: Die Schätzung basiert auf den Meldungen von rund 7 000 Unternehmen bei der monatlichen Ifo-Konjunkturumfrage im Dezember. „Wirklich belastbare Zahlen gibt es jedoch nur mit einem zeitlichen Verzug“, so Breustedt – heißt: Finale Daten liegen aus dem Juni vergangenen Jahres vor.

Jedoch gibt es auch von der Bundesagentur für Arbeit Hochrechnungen – bundesweite Zahlen gibt es von Oktober, Landes-Zahlen von September, „und Hochrechnungen aus dem Landkreis von August“, so Breustedt. In Hessen lag die Kurzarbeit im September „bei einer Quote von 9,0 Prozent – nur Hamburg und Bremen liegen über Hessen, das ist ein Pfund“, so der Agenturleiter. Bei den August-Zahlen, die sowohl für Bund, Land und Kreis vorliegen, „liegt der Bund bei 7,6 Prozent, Hessen bei 9,9 – und Marburg-Biedenkopf bei 8,6 Prozent.“ Zahlreiche Kreise hätten hessenweit schlechter dagestanden – beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet. „Dort hat ganz klar das Thema Flughafen durchgeschlagen“, so Breustedt – in Frankfurt habe die Kurzarbeiterquote bei 15,2 Prozent gelegen.

Denn nicht nur Fraport habe einen Großteil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, „auch 80 Prozent von den Lufthansa-Beschäftigten wurden in Kurzarbeit geschickt. Grob geschätzt könnte man sagen, sieben Prozent aller Kurzarbeiter in Hessen kommen vom Flughafen“, erläutert Breustedt. Und: Es gebe ja noch Nebeneffekte von Zuliefer-Betrieben, „dann lässt sich das aufaddieren auf 15 bis 20 Prozent in Südhessen. Das ist mit einer der Gründe, warum die Kurzarbeit in Hessen so hoch ist.“ Langfristig stelle sich in diesem Zusammenhang das Problem, wie sich der Sektor weiterentwickeln werde, „denn es zeichnet sich bereits ab, dass auch nach der Pandemie viele Geschäftsflüge nicht mehr stattfinden werden“.

Künftig müsse wohl niemand mehr „für ein, zwei Stunden zu einer Besprechung nach Hamburg fliegen“ – Videokonferenzen würden sich wohl weiter durchsetzen.

Im Landkreis spiele sich zwei Drittel der Kurzarbeit im verarbeitenden Gewerbe ab – jedoch gemessen im Sommer. „Damals waren es lediglich sechs Prozent im Gastgewerbe – der Wert ist jetzt wesentlich höher“, sagt der Agentur-Chef, denn seit November habe die Gastronomie ja – mit Ausnahme des Außer-Haus-Geschäfts – geschlossen. Insgesamt hatten im April 1 389 Betriebe Kurzarbeit angemeldet, im Mai waren es 1 145 gewesen, im Juni dann 882. Die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit ging jedoch weniger stark zurück: Im April waren es 14 086 gewesen, im Mai 13 917 und im Juni 11 769. Und: In der Produktion spielte sich die Kurzarbeit hauptsächlich in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie ab – mit mehr als der Hälfte der Kurzarbeiter. „Vieles spielt sich dabei in großen Betrieben ab“, weiß Volker Breustedt.

Dabei sei die Corona-Krise nicht das einzige Problem, „sie überdeckt ja beispielsweise lediglich die Krise in der Automobilindustrie“. Dort gebe es aber zumindest „gefühlt aus dem Einstellungs- und Entlassungsgeschehen den Eindruck, dass die Krise dort zwar nicht überwunden ist, aber die schlimmsten Spitzen sich mittlerweile ein Stück weit reduziert haben“. Die Transformation habe begonnen, „die Krise ist nicht beendet. Aber es gibt Signale, dass es den Betrieben gelingt, sich auf neue Situationen einzustellen.“

Dank Kurzarbeit blieben die Menschen im Betrieb

Doch wie lange reicht das Geld noch, die Kurzarbeit in diesem Stil durchzuziehen? „Die Frage ist ja: Was mache ich sonst?“, so der Agenturleiter. „Zahle ich die Kurzarbeit nicht, muss ich Arbeitslosengeld zahlen“, das sei volkswirtschaftlich ein Nullsummenspiel. Aber: Dank Kurzarbeit blieben die Menschen im Betrieb – sobald die Konjunktur anziehe, müssten die Unternehmen nicht erst wieder langwierige Einstellungsprozesse starten, „sondern können sofort loslegen“.

Von Andreas Schmidt

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