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Marburg Kunsthochschule Weißensee zu Gast
Marburg Kunsthochschule Weißensee zu Gast
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15:59 26.11.2021
Studierende der „weißensee kunsthochschule berlin" stellen im Kunstverein aus. Der emeritierte Professor Stefan Koppelkamm (rechts), Vorsitzender der Mart-Stam-Gesellschaft, ist mit nach Marburg gereist.
Studierende der „weißensee kunsthochschule berlin" stellen im Kunstverein aus. Der emeritierte Professor Stefan Koppelkamm (rechts), Vorsitzender der Mart-Stam-Gesellschaft, ist mit nach Marburg gereist. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Malerei und Mode, Bildhauerei und Bühnenbild, visuelle Kommunikation und Produktdesign – das Spektrum der neuen Ausstellung, die heute Abend um 18 Uhr im Marburger Kunstverein eröffnet wird, ist groß. Zu sehen sind Arbeiten von 16 Studierenden sowie Absolventinnen und Absolventen der „weißensee kunsthochschule berlin“ sowie eines Stipendiaten der Tokio Residency. Sie alle wurden 2019 und 2020 mit dem „Mart Stam Preis“ ausgezeichnet, den die „Mart Stam Gesellschaft“ vergibt. Der Förderverein der Hochschule im Osten Berlins prämiert seit 1997 jährlich die besten Abschlussarbeiten der Studierenden aller Fachgebiete.Der Preis ist benannt nach dem niederländischen Architekten und Designer Mart Stam, der die Schule von 1950 bis 1952 leitete und damals ein fächerübergreifendes Grundlagenstudium einführte, das an der Schule bis heute Gültigkeit hat.

 Gegenentwurf zu bürgerlichen Akademien

„Alle zwei Jahre präsentiert der Marburger Kunstverein eine Kunsthochschule. Es ist eine wunderbare Sache“, sagt der Vorsitzende Dr. Michael Herrmann. Tatsächlich sind diese Ausstellungen von jungen, angehenden Künstlerinnen und Künstlern oft ungemein spannend, weil sie einen anderen, jungen Blick auf unsere Welt werfen.

Beim Presserundgang am Mittwoch war noch nicht so viel zu sehen. Auf die Ausstellungsmacher wartete noch viel Arbeit. Doch das kleine Vorausteam um den emeritierten Professor Stefan Koppelkamm nahm es recht gelassen.

Die Kunsthochschule in Berlin Weißensee, die im Nordosten der Metropole im Bezirk Pankow liegt, wurde 1946 unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Künstlerinnen und Künstlern, die dem Bauhaus nahestanden, in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone als Kunstschule des Nordens gegründet. „Sie wollte ein Gegenentwurf zu bürgerlichen Kunstakademien im Westen sein“, erklärt Koppelkamm.

Sehr internationale Schule mit breitem Spektrum

Heute ist sie nach mehreren Namensänderungen eine sehr internationale Kunsthochschule mit einem äußerst vielseitigen Ausbildungsspektrum. Im Wintersemester 2019/20 zählte sie mehr als 800 Studierende, von denen ein Drittel aus dem Ausland kommt. Betreut werden sie von 35 Professorinnen und Professoren. Angeboten werden der Diplomstudiengang Freie Kunst mit den Fachgebieten Bildhauerei, Bühnen- und Kostümbild und Malerei, sowie die Bachelor- und Masterstudiengänge Mode-Design, Produkt-Design, Textil- und Flächen-Design sowie Visuelle Kommunikation. Zudem gibt es nach Auskunft von Koppelkamm seit 2016 eine Foundation-Class für Geflüchtete. Bekannteste Absolventen der Hochschule sind der Künstler Georg Baselitz und der Theaterregisseur Einar Schleef.

Vom Tiny House bis zur Graphic Novel

Was zu sehen sein wird, war am Mittwoch beim Aufbau nur in Teilen zu erkennen. Koppelkamm spricht von „fließenden Positionen“, die alle Fachbereiche der Hochschule umfassen. Das reicht von ganz praktischen Arbeiten wie dem Bau eines Tiny Houses, also eines dieser oft mobilen Kleinsthäuser, die derzeit auch als Reaktion auf den Ressourcenverbrauch unserer Konsumgesellschaft Furore machen und zudem bezahlbar sind. Als Gegenentwurf ist laut Koppelkamm die Inneneinrichtung eines eher dystopischen Minihauses zu sehen, das sich als Smarthome komplett von der Realität, der umgebenden Welt abkoppelt.

Großformatige Hinterglasmalerei der Spanierin Paula Carralero Bierzynska war schon zu entdecken und eine etwa 25-minütige Videoarbeit des Bildhauers Sebastian Weise. Und auf einer Wand dokumentiert die Japanerin Nozomi Horibe, die sich selbst als Weltbürgerin definiert, eine Reise in die brandenburgische Provinz als Graphic Novel. Dort habe sie sich erstmals als Außenseiterin gefühlt. „ich hätte an einen coolen Ort fahren können. Nach Kolumbien oder so. Aber nein, es musste ausgerechnet fucking Brandenburg sein“, wird sie im Katalog zitiert.

Diese Arbeiten sind nur ein Bruchteil dessen, was es in den kommenden Wochen im Kunstverein zu entdecken gibt.

Die Ausstellung wird heute Abend um 18 Uhr unter den derzeit geltenden 2G-Regeln eröffnet. Zugang haben also nur Geimpfte und Genesene. Sie ist bis zum 13. Januar zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Jeden Samstag gibt es ab 16 Uhr kostenlose Führungen mit Saskia Schäfer.

Von Uwe Badouin