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Marburg Kunst in der Krise
Marburg Kunst in der Krise
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18:43 08.04.2020
Besucherinnen und Besucher bei der Ausstellung von Arbeiten der Marburger Sommerakademie im Jahr 2016. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Kulturförderung und Veranstaltungen – das sind, in ganz groben Zügen, die Hauptgeschäftsfelder des Fachdienstes Kultur der Universitätsstadt.

Was Fachdienstleiterin Ruth Fischer momentan vorrangig auf Trab hält, ist nicht schwer zu raten: „Ja natürlich, Fragen der Förderung stehen jetzt im Vordergrund.“ Wer im Kulturbetrieb tätig ist, braucht neben starken Nerven und Geduld vor allem eines: Geld.

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„Wie wir die Kulturschaffenden unterstützen können, ist die große Frage, die wir uns stellen“, sagt die Fachdienstleiterin auf OP-Nachfrage und verweist in diesem Zusammenhang auf jenes eine Million Euro umfassende städtische Nothilfeprogramm, das Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies unmittelbar nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie angekündigt hatte.

„Ich wäre da auch gern schon viel weiter“

„Es hat ja relativ lange gedauert, bis klar war, wie Staat und Land fördern, und jetzt müssen wir sehen, wie unsere Fördermöglichkeiten mit den anderen Programmen zusammenpassen“, erklärt Ruth Fischer und ergänzt: „Geld und Förderung – das war auch vor Corona ohnehin ein Thema, das das Kulturforum angehen sollte.“

In Planung seien zu diesem Komplex Informationsveranstaltungen mit externen Beratern und Kulturexperten – doch das hilft aktuell natürlich niemandem. „Nein, ich wäre da auch gern schon viel weiter“, räumt Fischer ein. Von städtischen Hilfen können in erster Linie Vereine profitieren, die ohnehin regelmäßig gefördert werden, Land und Staat bieten Unterstützung bei im Kulturbetrieb anfallenden Betriebskosten an.

Ruth Fischer ist Leiterin des Fachdienstes Kultur der Universitätsstadt Marburg. Foto: Manfred Hitzeroth

Durch beide Raster fallen die meisten freischaffenden Künstlerinnen und Künstler, für die auch Ruth Fischer nur einen Rat für die Frage parat hat, wie die nächste Miete oder die nächste Stromrechnung bezahlt werden soll ohne Einnahmen aus Kulturveranstaltungen: staatliche soziale Grundsicherung.

„Mir ist klar, wie schwierig das momentan ist für die Selbstständigen“, sagt die Fachdienstleiterin und denkt laut nach über die Frage, wie – zum Beispiel über die Plattform „Marburg-Liebe“ Künstlerinnen und Künstler während der Corona-Krise noch besser Einnahmen generieren können. „Da gibt es ja schon Beispiele, wir arbeiten daran, das noch auszuweiten – aber wir sollten nicht nur in den Streamingbereich schauen, sondern auch nach analogen Wegen suchen.“

Kunsttüten für Kinder

Gefunden hat einen solchen Weg etwa die Kunstwerkstatt, die „Kunsttüten“ an Haushalte mit Kindern verteilt, damit „die Kunst in die Stadtteile kommt“, wie Ruth Fischer sagt. Auch für das junge Projekt des „Kulturmobils“ sucht der Fachdienst momentan nach Wegen, trotz der Pandemie mit Livemusik auf der Straße präsent zu sein.

Für die „Hörtheatrale“ ist ein Podcast-Format unter dem Motto „Nachts im Museum“ angedacht. Ideen also gibt es viele, nur umsetzen lassen sie sich nicht von einem Moment auf den anderen. „Dazu kommt, dass auch wir hier nur mit reduzierter Kraft arbeiten“, sagt Ruth Fischer, die wie der Rest der Republik mit Spannung darauf wartet, welche Marschroute die Bundesregierung am 20. April ausgibt: „Aber seriös gehe ich davon aus, dass wir vor den Sommerferien keine Veranstaltungen mehr machen und planen für die Zeit nach den Ferien.“

Fragezeichen hinter der Sommerakademie

Mit dieser Zeitschiene ist unter anderem auch die mittlerweile 43. Marburger Sommerakademie infrage gestellt. „Die Kollegin Britta Sprengel ist gerade in Gesprächen mit den Dozenten über die Frage, was sinnvoll zu tun ist“, sagt die Kultur-Fachdienstleiterin. Für den geplanten Termin vom 20. Juli bis zum 7. August gilt das Prinzip Hoffnung, eine Verlegung in den Herbst ist ebenfalls eine Option, die in Erwägung gezogen wird. „Aber entschieden ist noch nichts“, sagt Fischer.

Ebenfalls in den Herbst dieses Jahres werden auch die wichtigen Veranstaltungen des Themenjahres „Hexenglaube und -verfolgung“ verlegt. Eine für das Themenjahr erstellte Studie soll allerdings schon jetzt als Podcast ins Netz gestellt werden, um das Interesse für all das zu wecken, was Marburg rund um das Thema „Hexen“ zu bieten hat.

Hexen-Ringvorlesung findet online statt

Dazu gehört etwa das Unterthema „Magie der Kräuter“: „Dazu entsteht eine Broschüre, die verteilt werden soll, und ich hoffe, dass die Marburgerinnen und Marburger ab Mai in der Innenstadt von Kräutertopf zu Kräutertopf spazierengehen können“, sagt Ruth Fischer.

Mit dem Thema „Hexen, Teufel und Dämonen“ setzt sich auch die interdisziplinäre Ringvorlesung der Philipps-Universität auseinander, die nach dem Ende der vorlesungsfreien Zeit im April nicht in Hörsälen, sondern bis auf Weiteres als Online-Veranstaltungsreihe stattfinden wird.

Musikschule verzichtet vorerst auf Förderung

In noch engerem Kontakt als sonst ist der Fachdienst Kultur in diesen Tagen und Wochen mit den soziokulturellen Zentren der Stadt, mit KFZ, Waggonhalle, dem Café Trauma, aber auch mit der Kunstwerkstatt oder der Musikschule. „Die Musikschule zum Beispiel hat uns signalisiert, dass sie erst einmal versucht, ohne Förderung auszukommen, damit die Kleineren nicht hinten runterfallen“, erzählt die Fachdienstleiterin.

Die „Kleineren“, das sind etwa Chöre, die auch bei ruhendem Probenbetrieb ihre Chorleiter weiterbezahlen wollen. „Die Bezahlung aller, die auf Honorarbasis im Kulturbereich arbeiten, ist eine große Herausforderung“, weiß Ruth Fischer und verweist darauf, dass als Vereine organisierte Chöre an dieser Stelle städtische Hilfen beantragen können.

Von Carsten Beckmann