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Marburg Mächtige Revue zeigt das häufig Verschwiegene
Marburg Mächtige Revue zeigt das häufig Verschwiegene
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17:43 13.09.2021
Maja (links, Eyleen Grisar) und Hannes (Ramin Hakimzada) sind zwei Insassen der Tötungsanstalt in Haddamar in der NS-Zeit, die sich im Angesicht ihrer Ermordung anfreunden.
Maja (links, Eyleen Grisar) und Hannes (Ramin Hakimzada) sind zwei Insassen der Tötungsanstalt in Haddamar in der NS-Zeit, die sich im Angesicht ihrer Ermordung anfreunden. Quelle: Ramin Hakimzada
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Marburg

„Man kann die Zeit des Nationalsozialismus nicht erzählen, ohne auch die Zeit der 1920er-Jahre mit zu erzählen“, sagt Willi Schmidt als Lupus, Wirt des früheren Marburger Wirtshaus’ an der Lahn, bevor er mit der von Nina Kiefer gespielten Marie eine Zeitreise unternimmt. „Himmel und Hölle“ heißt Schmidts neues Theaterstück als zweiter Teil der Trilogie „Unter dem Fluss“, mit dem die Waggonhalle in Kooperation mit dem Theater im Grund am Freitag (10. September) Premiere feierte.

„Weltuntergangs-Auferstehungs-Revue“

Erzählerin Marina Wagner hieß die rund 30 Besucherinnen und Besucher willkommen zur „Weltuntergangs-Auferstehungs-Revue“. Filmsequenzen als Rückblicke zeigen zwischendurch die rauschende Zeit der 1920er-Jahre im Wirtshaus an der Lahn, in dem Lupus – halb Wirt, halb Zuhälter – mit seinem Freudenmädchen Vicky, gespielt von Eyleen Grisar, über dem Geschehen thront. Dem heimischen Theaterautor Willi Schmidt war es bei dieser historischen Aufarbeitung mit regionalem Bezug wichtig, für lange Zeit totgeschwiegene Themen nicht zu überspringen – zum Beispiel die Schicksale derer, die als psychisch Kranke oder Menschen mit Behinderung in der als Nervenklinik bezeichneten Tötungsanstalt in Haddamar bei Limburg der Euthanasie zum Opfer gefallen sind. Ein zweites Augenmerk legt Schmidt auf die Zwangsprostitution in den Konzentrationslagern.

Die Figur Marie ist zu Beginn Krankenschwester in Haddamar und der erste Teil des Stücks erzählt auch die Geschichte von Hannes alias Ramin Hakimzade und Maja, auch von Eyleen Grisar gespielt. Sie sind zwei Insassen der Anstalt in Haddamar, die sich im Angesicht ihres Todes kennenlernen und ihre Freundschaft aufbauen. Als sich Hannes und Maja aneinander klammern, holt Schwester Marie sie und schaufelt symbolisch Erde über die beiden – es ist der Moment, in dem Marie die Grausamkeit ihres Tuns bewusst wird, in dem sie beginnt, sich aufzulehnen.

Kurz danach wird sie unter anderem von Heinrich in ein Lager gebracht. Der frühere Wirt Lupus genießt Heinrichs Schutz und, weil dieser sich an Lupus’ Zuhälter-Vergangenheit erinnert, soll Lupus bei der Selektion der Frauen helfen, die KZ-Aufsehern und gut geführten Häftlingen als Prostituierte zur Verfügung gestellt werden sollen. Da lernt Lupus Marie kennen und bringt sie im früheren Wirtshaus unter. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Marie, die durch Lupus und das gewachsene Vertrauen die Zeit hindurch überlebt, findet am Schluss Lupus an der Lahn, der an Altersschwäche gestorben war und beide tauchen am Bühnenrand im Boot als zeitreisende Geister wieder auf.

Von Beatrix Achinger

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