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Marburg Ein Zufluchtsort für Obdachlose
Marburg Ein Zufluchtsort für Obdachlose
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18:00 13.04.2022
Das Vinzi-Dorf für Obdachlose mit Einraum-Minihäusern in Wien. Ein ähnliches Angebot für obdachlose Männer plant auch die Stadt Marburg. In einem Workshop ging es um Kriterien für den Standort.
Das Vinzi-Dorf für Obdachlose mit Einraum-Minihäusern in Wien. Ein ähnliches Angebot für obdachlose Männer plant auch die Stadt Marburg. In einem Workshop ging es um Kriterien für den Standort. Quelle: Koenigshofer
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Marburg

Es soll ein „Zufluchtsort für Wohnsitzlose“ sein, ein „Ort, wo sie sein dürfen“: So erklärte Jürgen Rausch, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbau (Gewobau) Marburg am Donnerstagabend (7. April), warum die Stadt ein Vinzi-Dorf plant. Nach dem Vorbild des Wiener Vinzi-Dorfs sollen in Marburg zehn Mini-Häuser für obdachlose Männer entstehen. Dort sollen Obdachlose, die häufig auch unter psychischen Erkrankungen, Drogen- und Alkoholsucht leiden, unbefristet wohnen dürfen – und zwar ohne den Druck, ihre Lebenssituation ändern zu müssen.

Die Verantwortlichen wissen, dass der Erfolg eines solchen Vorhabens davon abhängt, dass das Vinzi-Dorf akzeptiert wird – einerseits von den potenziellen Bewohnern, andererseits auch von den Menschen in der Nachbarschaft. „Es kann ganz schwer sein, Menschen aus der Obdachlosigkeit wieder in Wohnungen und soziale Bezüge hineinzubringen“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). „Man braucht viele Informationen und Aufklärung, wenn man Menschen gewinnen möchte, ein solches Projekt zu unterstützen.“

Verschiedene Angebote für Obdachlose

Genau das war das Ziel des Workshops im Technologie- und Tagungszentrum: Die Stadt will Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in das Projekt einbinden. Rund 70 Interessierte nutzten die Chance, sich zu informieren und mitzureden. Viele von ihnen möchten sich auch selbst einbringen: In einer Arbeitsgruppe für ehrenamtliches Engagement boten sie unter anderem handwerkliche, organisatorische sowie medizinische Unterstützung für das künftige Vinzi-Dorf an.

Hintergrund des geplanten Vinzi-Dorfs ist: Die städtische Obdachlosenunterkunft im Ginseldorfer Weg, in der aktuell noch acht Männer und drei Frauen leben, müsste ohnehin modernisiert werden. Stattdessen plant die Stadt nun neue Angebote für Obdachlose, wie Sozialplanerin Monique Meier erläuterte: Für männliche Betroffene soll es das Vinzi-Dorf geben, für obdachlose Frauen, Paare und Familien richtet die Stadt ein Haus in Ockershausen her. „Frauen haben ein ganz anderes Sicherheits- und Rückzugsbedürfnis“, erklärte Meier zur Begründung. Zudem gibt es das Angebot „Probe-Wohnen“, durch das Obdachlose in reguläre Mietverhältnisse kommen können.

Vinzi-Dorf

Der Name „Vinzi-Dorf“ geht auf den französischen katholischen Priester Vinzenz von Paul (1581 bis 1660) zurück, der sich insbesondere der Armenfürsorge und Krankenpflege gewidmet hat.

Das erste Vinzi-Dorf wurde 1993 in Graz von der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg gegründet. Dort leben obdachlose alkoholkranke Menschen dauerhaft in Wohncontainern. Das Besondere ist, dass kein Veränderungsdruck auf sie aufgebaut wird. Aus der Vinzenzgemeinschaft Graz sind inzwischen nach Angaben der Vinzenzgemeinschaft 40 Vinzi-Werke entstanden. Der Gründer der Vinzenzgemeinschaft, Pfarrer Wolfgang Pucher, wurde für sein soziales Engagement unter anderem mit dem silbernen Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet.

Für das 2017 erbaute Wiener Vinzi-Dorf, an dem sich die Stadt Marburg orientiert, hat der Architekt Alexander Hagner kleine Häuschen mit 7,2 Quadratmetern Fläche entworfen.

Für das Vinzi-Dorf aus zehn Mini-Häusern und einem Gemeinschaftsgebäude werde ein Grundstück von etwa 40 mal 40 Metern benötigt, sagte Rausch. Auf Fragen, ob Obdachlose auch selbst Häuser bauen oder gar in dem Vinzi-Dorf in einem Bauwagen leben könnten, sagte Rausch: „Es gibt einen Rahmen für individuelle Lösungen – aber wir müssen den Rahmen berücksichtigen.“ Der konkrete Standort ist noch offen, im Workshop ging es zunächst darum, welche Kriterien er erfüllen müsste.

Aus einer Befragung von acht obdachlosen Männern sowie Vorschlägen im Workshop kristallisierte sich eine Reihe von Wünschen heraus:

Lage: Die befragten Obdachlosen wünschen sich eine zentrumsnahe Lage, möglichst in einer ruhigen Gegend im Süden der Stadt, in der Nähe eines Supermarktes und mit guter Nahverkehrsanbindung. Im Workshop kam der Hinweis hinzu, es dürfe keine Ghettobildung geben.

Mini-Häuser: Die Obdachlosen wünschen sich eigenständige, abschließbare, barrierefreie Häuser. Es soll Regeln des Zusammenlebens (Hausordnung) geben. Von Workshop-Teilnehmern kam der Hinweis, dass Haustier-Haltung möglich sein muss.

Einrichtung: Alle Häuser sollen Bett, Stuhl, Schrank, WC und Dusche haben. Die Betroffenen wünschen sich zudem Mini-Küchen und Fernseher.

Gemeinschaftsgebäude: Die befragten Obdachlosen wünschen sich Lagerräume, einen Arbeitsplatz mit PC, Waschmaschinen sowie einen Fitnessraum. Im Workshop vorgeschlagen wurden Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher.

Freifläche: Die Obdachlosen wünschen sich einen sichtgeschützten Gemeinschaftsgarten. Im Workshop vorgeschlagen wurden Sitzgruppen und eine Feuerstelle.

Angebote: Im Vinzi-Dorf könnte es eine Sozialberatung sowie Angebote von Volkshochschule und Tafel geben.

Nun stehen die Verantwortlichen vor einer „ganz großen Herausforderung“, wie Rausch sagte, nämlich der Standortsuche. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir so eine Veranstaltung wie diese wiederholen könnten, um konkrete Standortvorschläge zu präsentieren“, sagte Rausch.

Am 18. Mai soll es zunächst ein Gespräch mit den Ortsbeiräten geben. Auch die künftige Nachbarschaft soll eingebunden werden, verspricht die Stadt.

Von Stefan Dietrich

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