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Marburg Künftige Retter lernen digital
Marburg Künftige Retter lernen digital
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17:00 06.03.2021
Dozentin Katharina Halbrucker beim Distanzunterricht im Marburger Bildungszentrum des DRK Rettungsdienstes Mittelhessen.
Dozentin Katharina Halbrucker beim Distanzunterricht im Marburger Bildungszentrum des DRK Rettungsdienstes Mittelhessen. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Wie läuft die Ausbildung künftiger Retter in Pandemiezeiten? Wie andere Schülerinnen und Schüler auch lernen angehende Notfall- und Rettungssanitäter vermehrt über Digitalunterricht. Und das klappt in der Ausbildung so gut, dass die Rettungsdienstschulen und der DRK-Landesverband nun erst recht eine stärkere Gewichtung beim e-Learning fordern.

Ein Besuch am Standort Marburg zeigt, der Fernunterricht läuft dort am Montag flüssig: Laptop, Tablet, Handy und die richtige Software, mehr brauchen Dozentin Katharina Halbrucker und ihre Klasse an dem Tag nicht, um gut im Stoff voranzukommen. Während die Ausbilderin im DRK-Bildungszentrum in Cappel vor dem Bildschirm sitzt, verfolgt ihre Klasse von angehenden Notfallsanitätern im zweiten Ausbildungsjahr – alle Anfang 20 – den Unterricht von zu Hause aus. Gerade geht es um ein besonders heikles Thema: Kindernotfälle und Verletzungsmuster bei Kindern, ob verursacht durch Unfälle oder durch die Anwendung von Gewalt. Auch damit werden künftige Retter im Berufsalltag konfrontiert. Und es gibt Unterschiede im Verletzungsbild – die zu erkennen und bei Verdacht auf eine Misshandlung richtig zu handeln, dabei rechtliche Grundlagen zu kennen, ist wichtiger Teil der Ausbildung.

Notfall- und Rettungssanitäter müssen sich mit Kindeswohlgefährdung, Anzeichen von Vernachlässigung oder Gewalt auseinandersetzen, auch emotional. Per Videoschalte zeigt die Dozentin eine Präsentation, hält Kontakt, fragt nach, wie es den Azubis mit den Bildern ergeht und stellt klar: „Es geht hier ganz klar um Prävention, damit das auf gar keinen Fall wieder passiert.“

Danach gehen die virtuell vernetzten Schüler in die Kleingruppenarbeit, befassen sich mit den Kinderschutzleitlinien des Rettungsdienstes, lernen, eine mögliche Gefährdung einzuschätzen. Im Notfall müssen Polizei und Jugendämter mit einbezogen werden, auch wenn der Kontakt zu einem verletzten Kind für die Retter meist in der Kinderklinik endet. „Wir sind aber einfach der erste Kontakt für das Kind, im Sinne der multiprofessionellen Arbeit ist es wichtig, dass wir uns vernetzen“, erklärt Halbrucker.

Sie bleibt online, die Klasse arbeitet nun für zwei Stunden eigenständig, „sie organisieren sich selber und tauschen sich aus, jeder kann in seinem eigenen Tempo arbeiten“. Am Donnerstag steht dann die Simulation eines realen Notfalls im Zentrum an, wo das Gelernte in der Praxis angewandt werden soll.

Das virtuelle Lernen erfährt an den Schulen des Rettungsdienstes viel Zuspruch, dem Mix aus Präsenzunterricht, Simulationsübungen und digitalen Lerneinheiten werden dabei „besonders gute Lernerfolge“ zugeschrieben.

Schulen wollen mehrDigitalunterricht

Das ist bei den Rettungsdienstschulen indes kein neues Thema, doch nun mache spätestens die Erfahrung nach einem Jahr Pandemie einen „dringenden Handlungsbedarf“ sichtbar. In einem aktualisierten Positionspapier an die Landesregierung setzen sich der DRK-Landesverband Hessen und die vier DRK-Rettungsdienstschulen (Frankfurt, Gelnhausen, Kassel, Marburg) für eine dauerhafte Anpassung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung ein.

Schon Anfang April 2020 wurden durch das Hessische Sozialministerium Regelungen getroffen, um durch digitalen Unterricht die Lehrgänge der Notfall- und der Rettungssanitäter-Ausbildung trotz Pandemie aufrechterhalten zu können. Statt reinem Präsenzunterricht, mehr digitale Lehreinheiten. Für die Schulen kein Problem, die seit Jahren in der Fort- und Weiterbildung stärker auf virtuelles Lernen setzen, „wir haben uns damit schon länger befasst, das kam uns an der Stelle sehr zugute“, sagt Christoph Tögel, stellvertretender Schulleiter des Bildungszentrums. Es gab bereits Konzepte, wie das „Blended Learning“, eine Kombination aus Präsenzveranstaltungen und e-Learning.

Die Ausbildung läuft über Lehrvideos, virtuelle Klassenzimmer oder simulationsgestützte Ausbildungsformen in Präsenz, etwa im heimischen Simulationszentrum, „um möglichst real am Patienten üben zu können“. Grundlagen wie Berufsrecht, Anatomie oder Gesundheitslehre werden digital unterrichtet, mit „begleiteten Selbstlernphasen“. „Das läuft sehr gut, Unterrichtseinheiten werden besser verstanden und es wird ein hohes Maß an Selbstreflektion gefördert“, betont Tögel.

Der Prüfungsanspruch bliebe der gleiche, die Ergebnisse während der Pandemiezeit seien sogar besser ausgefallen als zuvor. Die Schulen sehen sich in ihrem Konzept nun durch die Pandemielage bestätigt, wollen den Unterrichts-Mix auch künftig, auch nach Corona, beibehalten.

Fünf Forderungen richten Verband und Schulen an die Hessische Landesregierung, mit dem Ziel, den Digitalunterricht standardisiert als Lehrmittel fest zu verankern, die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen anzupassen und vom Digitalpakt Hessen zu partizipieren. „Blended Learning“ solle bei der Aus- und Fortbildung eingesetzt werden können: Bei der Notfallsanitäterausbildung bis zu 20 Prozent, bei der Rettungssanitäterausbildung bis zu 50 Prozent und bei der Praxisanleiterausbildung bis zu 25 Prozent der Gesamtstundenzahl, so die konkrete Forderung.

Von Ina Tannert