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Marburg „Wir haben den Weckruf verstanden“
Marburg „Wir haben den Weckruf verstanden“
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20:13 08.10.2021
Die Klinikspitze des UKGM räumte zum Thema Massenkündigungen Fehler ein.
Die Klinikspitze des UKGM räumte zum Thema Massenkündigungen Fehler ein. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Selten in der Geschichte des UKGM ist es vorgekommen, dass der komplette Vorstand angetreten war, um eine Teilschuld an einem Missstand am UKGM einzuräumen.

Am Freitag war dies der Fall. Man habe die Probleme auf der chirurgischen Station zwar angesprochen, danach sei aber nichts gefolgt, sagte die kaufmännische Direktorin am UKGM, Dr. Sylvia Heinis, in einem Gespräch mit der OP. Die Gespräche mit der Pflegedienstleitung auf der Station seien zu spät aufgenommen worden, sagte die ärztliche Direktorin Professor Dr. Rita Engenhart-Cabillic. Insgesamt, so Vorstandschef Dr. Gunther K. Weiß, sei die Engpass-Situation im Sommer mehr zutage getreten, „als wir uns das hätten vorstellen können“.

15 der 16 Pflegekräfte kündigten

Ende Juli hätten Heinis und Engenhart-Cabillic „konstruktive Lösungsansätze erarbeitet und die auch mit der Pflegedirektion abgestimmt“, erläuterte Heinis. Doch seien diese dann nicht umgesetzt worden. „Auf der Station ist dann der Eindruck entstanden, dass man zwar miteinander gesprochen habe – doch dann sei nichts passiert“, so Heinis. Dadurch sei es „zu einem Riss gekommen“, sagte Heinis. Denn bei den Kräften sei hängen geblieben, dass ihre Situation der Klinikleitung egal sei. Die bekannte Folge: 15 der 16 Pflegekräfte haben gekündigt und beim Evangelischen Krankenhaus in Gießen angeheuert. „Wir haben den Weckruf verstanden“, versichert Weiß.

Auch habe es Warnsignale gegeben – in Form der Überlastanzeigen. Die seien laut Weiß zu Beginn des zweiten Quartals auf der Station noch bei drei gewesen. Mittlerweile seien es mehr als 20 – das habe auch damit zu tun, so der Vorstand, dass „viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschöpft durch die Corona-Epidemie“ seien.

Als Haus der Maximalversorgung habe das UKGM zahlreiche Corona-Patienten versorgen müssen – und auch die Patienten, die andere Häuser quasi ans Klinikum „abgeschoben“ hätten.

Hinsehen und hinhören

Auch in einem Brief an die Belegschaft des UKGM gibt die UKGM-Führung Fehler zu: Man könne zwar jetzt sagen, dass „solche Abwanderungen und Abwerbeaktionen gerade im Pflegedienst zu unserem Alltag gehören und wir damit leben müssen, dass andere Kliniken sich gerade bei uns, als großem Universitätsklinikum und größtem Ausbildungsbetrieb in der Region, auf die Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern machen“, heißt es darin. Damit kritisieren sie die Praxis, dass beispielsweise „Headhunter“ eingesetzt werden und offenbar auch Prämien von Kliniken gezahlt werden, um Personal aus dem UKGM abzuwerben.

„Doch das wäre viel zu kurzsichtig und falsch. Denn die Kündigung eines so erfahrenen Teams wie dem auf der Station 235 stellt einen Einschnitt dar, der uns auffordert, genauer hinzusehen und vor allem hinzuhören“, so die Klinikspitze.

Weiß kritisiert in diesem Zusammenhang gegenüber der OP auch den „Pflegebonus“, der von der Politik beschlossen worden sei. Dieser führe zur „Entsolidarisierung“ des Krankenhauspersonals, denn es entstehe der Eindruck, dass andere Berufsgruppen weniger Wert seien.

Doch wie geht es nun konkret weiter – auch vor dem Hintergrund, dass zahlreiche Pflegeschüler durch die Prüfungen fallen und somit nicht als Pflegekräfte zur Verfügung stehen?

„Wir werden die Pflegedienstleitung unterstützen und sie zweiteilen, um die zahlreichen Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen“, kündigte Weiß an. Mit dem Ziel, dass sich der derzeitige Pflegedirektor Michael Reinecke künftig um die schulische Ausbildung kümmern soll. Und auch die Kliniken am Ortenberg mit den Neubauten fallen in seinen Beritt.

Für den Standort Lahnberge soll eine zweite Pflegedirektionsstelle eingerichtet werden, die mit allen Klinikdirektoren, Pflegedienst- und Stationsleitungen sowie dem Kollegium engen Kontakt halten soll. „Wir werden für die zeitnahe Besetzung dieser Position jetzt in Gespräche mit geeigneten Persönlichkeiten von intern oder extern eintreten und uns dafür umfassend informieren und beraten lassen“, verspricht die UKGM-Spitze in ihrem Brief.

Und: Man werde alles dafür tun, neue Kräfte zu gewinnen – und wolle diesen auch attraktive, zukunftssichere Arbeitsplätze bieten. „Aber wir beteiligen uns nicht an der Abwerbestrategie anderer Häuser, mit denen wir sonst eng zusammenarbeiten. Denn es gehört sich nicht, sie mit einem solchen Verhalten zu schwächen“, so Weiß.

Von Till Conrad und Andreas Schmidt

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