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Marburg Kündigungen am UKGM: „Situation war der Geschäftsführung lange bekannt"
Marburg Kündigungen am UKGM: „Situation war der Geschäftsführung lange bekannt"
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14:00 07.10.2021
Nahezu alle Pflegekräfte einer Station am UKGM haben zeitgleich gekündigt – wegen der Arbeitsbedingungen.
Nahezu alle Pflegekräfte einer Station am UKGM haben zeitgleich gekündigt – wegen der Arbeitsbedingungen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Nachdem auf der chirurgischen Station 235 am UKGM Marburg 15 von 16 Pflegekräften gekündigt haben, schlägt nun auch der Betriebsrat Alarm: „Es ist zu befürchten, dass die Kündigungen von anderen unzufriedenen Beschäftigten als Signal gesehen werden, ebenfalls zu gehen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Frank Eggers.

Dadurch könne es „zu einer Abwärtsspirale kommen, dass immer mehr Kräfte gehen und die Arbeit von anderen aufgefangen werden muss“, so Eggers – mit der Folge, dass für diese die steigende Belastung zur Überlastung werde und es zu weiteren Kündigungen komme. „Da müssen wir als Betriebsrat auf die Geschäftsführung einwirken“, sagt Eggers; es müsse mit mehr Personal zu einer spürbaren Entlastung kommen.

Derzeit sei am Klinikum das Gegenteil der Fall: Die Zahl der monatlichen Überlastungsanzeigen durch das Personal habe sich in manchen Monaten nahezu verdreifacht, von etwa 170 dieser Anzeigen auf 500, wie es vonseiten des Betriebsrats heißt. „Und die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch wesentlich höher. Denn vielen Mitarbeitern fehlt einfach die Zeit, auch noch die Anzeigen zu schreiben“, sagt Betriebsratsmitglied Peter Ducke.

Insgesamt wehrt sich das Gremium gegen die Darstellung der Geschäftsführung, es habe einen speziellen Anlasse für die Kollektiv-Kündigung gegeben. „Die Situation auf der Station war lange bekannt“, sagt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Erika Hallenberger. Die Kräfte hätten „mehrfach Überlastungsanzeigen geschrieben, haben sich an die Pflegedienstleitung gewendet – wurden aber mit ihren Problemen alleine gelassen.“

Pflegekräfte wollten als Team zusammenbleiben

Und: Die Darstellung eines Radiosenders, dass die Stationsleitung, die das UKGM verlasse, die Pflegekräfte quasi mitnehme, sei falsch, „sie hat das Team nicht abgeworben“. Vielmehr würden die Mitarbeiter schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Da sich niemand um ihre berechtigten Klagen gekümmert habe, hätten sie die Gelegenheit genutzt und sich kollektiv an dem anderen Haus beworben, „um auch weiter als Team zusammenzuarbeiten“.

Doch was war das Problem auf der Station? „Stetige Überlastung. Die Mitarbeiter wurden aus dem Frei geholt, waren stellenweise so fertig, dass sie weinend zum Dienst kamen – oder zu Hause völlig erschöpft nichts mehr tun konnten.“

Es habe gar die Situation gegeben, dass sich eine Kollegin krank gemeldet habe, weil ihr Kind krank gewesen sei – „und dann wurde sie bedrängt, zum Spätdienst zu kommen, wenn das Kind durch den Partner versorgt sei“. Solche Wünsche würden nicht nur Druck auf die Pflegekräfte aufbauen, sondern auch zusätzlich Kraft rauben.

Klinikleitung hat Zahl der Betten nicht reduziert

Dabei habe es Lösungsmöglichkeiten gegeben: Nämlich die Bettenanzahl zur zumindest vorübergehenden Entlastung auf der Station temporär von sechs auf drei zu reduzieren. Doch sei dies nicht geschehen – mit dem bekannten Ergebnis. Und: Auch jetzt werde die Bettenzahl auf der chirurgischen Station nicht reduziert.

Insgesamt sind wegen Personalmangels am Standort Marburg derzeit 104 Betten gesperrt, sagt der Betriebsrat, „so viele waren es noch nie“. Der Betriebsratsvorsitzende Frank Eggers warnt: „Wir müssen aufpassen, dass kein Strudel entsteht.“ Die Arbeitgeberseite müsse die Signale jetzt endlich ernst nehmen.

Der Ball für eine grundlegende Entlastung des Personals liege aber im Feld der Landesregierung, sagt Eggers. Sie müsse die Rahmenbedingungen für ordentliche Arbeitsbedingungen schaffen. Auf die Petition zur Entprivatisierung des Uni-Klinikums, für die tausende Unterschriften gesammelt worden seien, wollte der Betriebsrat nicht eingehen.

Von Andreas Schmidt und Till Conrad