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Marburg Kritik an Tabakindustrie per Plakat
Marburg Kritik an Tabakindustrie per Plakat
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17:58 16.06.2020
Im Eisenacher Weg kritisiert eine manipulierte Tafel vor der Kita die Zigaretten-Industrie. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Nachts um 2.47 Uhr erreichte die OP-Redaktion eine E-Mail der Aktionsgruppe „Die Erziehungsberechtigten“. Darin berichteten sie von einer Guerilla-Aktion in der Nacht zu Samstag, bei der „mehrere Tabakwerbeplakate an Bushaltestellenwartehäuschen verändert wurden“.

Insgesamt acht Bushaltestellen hat die Aktionsgruppe „umdekoriert“, darunter an der Potsdamer Straße, am Eisenacher Weg, am August-Bebel-Platz und In der Gemoll – alles Haltestellen in der Nähe von Schulen, Kindertagesstätten oder Jugendeinrichtungen.

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Statt der Werbebotschaft des Originalplakates kann man nun dort lesen: „Die Tabakindustrie trifft genau ihre Zielgruppe am Jugendhaus.“ Laut Mitteilung der Gruppe sind ihr „die vielen Plakate für Tabak und Alkohol schon lange ein Dorn im Auge“. Besonders das Plakatieren in unmittelbarer Nähe zu Schulen, Kindertagesstätten, Jugendtreffs und dem Getrudisheim findet die Gruppe skandalös.

Deswegen wurde auch hier ein Plakat mit entsprechender Botschaft „korrigiert“. Mit einem Rohrsteckschlüssel aus dem Baumarkt habe man die Schaukästen „geöffnet und entsprechend verändert und wieder sachgerecht verschlossen. Dabei entstand kein Sachschaden und die Plakate wurden ebenfalls nicht entwendet“.

Verstoß gegen Werbekodex?

„Die Erziehungsberechtigten“ kritisieren auch die Stadt Marburg: „Es ist skandalös, wie freigiebig die Stadt Werbeflächen an die schlimmsten Tabakkonzerne hergibt. Die Tabakindustrie versucht, vor allem Kinder und Jugendliche ganz gezielt mit Tabakwerbung anzusprechen.“

So soll Tommie Sandefuhr, Geschäftsführer des Tabakkonzerns Brown und Williamson einmal gesagt haben: „Wir müssen sie jung an den Haken kriegen und dann ein Leben lang.“ Auch dieses Zitat ziert die umgestalteten Plakate der Aktionsgruppe.

Weiterhin bezieht sich die Gruppe auf den Werbekodex des Deutschen Zigarettenverbandes. Der besagt, „dass es grundsätzlich unzulässig ist, im werblichen Wirkungskreis von Schulen und Jugendzentren zu werben“. Das heißt, dass im Umkreis von 100 Metern vom Haupteingang der Schulen und Jugendzentren nicht plakatiert werden soll.

Aktion zeigt Wirkung

Darauf beruft sich auch Philipp Hofmann von der Firma Ströer, die die Außenfläche als Auftragnehmer der Stadt Marburg vermarktet. „Es gibt sogenannte Bannmeilen für Zigarettenwerbung und dazu gehören in Marburg unter anderem die Haltestellen Eisenacher Weg sowie August-Bebel-Platz. Hier hing definitiv vorher keine Zigarettenwerbung“, betonte der Gebietsmanager auf OP-Nachfrage.

Dass das eingehalten wird, „darauf legen auch die Tabakfirmen großen Wert“, ergänzte er. Die Aktion sei kein Einzelfall und würde immer mal wieder passieren. „Zum Glück werden dabei selten die Schaukästen beschädigt. Aber für uns entsteht natürlich trotzdem ein finanzieller Schaden. Denn wenn den werbenden Unternehmen nicht der komplett gemietete Zeitraum zur Verfügung steht, dann fordern sie unter Umständen Geld zurück“, erklärte er.

Auch wenn die Aktivisten jetzt Anti-Tabakwerbung in Kita- und Schulnähe plakatiert haben, wo vorher keine war, so hat die Aktion doch noch etwas Gutes gebracht: „Für den Hinweis zum Standort am Jugendheim ,Getrudisheim’ bin ich sehr dankbar, dort werde ich noch heute ein Tabakwerbeverbot im System einrichten lassen“, informierte Philipp Hofmann.

Von Katja Peters

16.06.2020
16.06.2020