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Marburg Tropfen aus dem Meer der Erinnerung
Marburg Tropfen aus dem Meer der Erinnerung
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17:36 30.04.2019
Die Marburger Autorin Kristina Lieschke stellte ihr neues Buch bei einer Lesung im Rahmen von „Marburg b(u)y Night“ vor. Jetzt erschien die zweite Auflage. Quelle: Privatfoto
Marburg

Einzelne, scheinbar zufällig ausgewählte „Zeittropfen“ aus dem Meer der Erinnerung hat die Autorin herausdestilliert und unter die Lupe genommen. Die Anordnung der ­Geschichten in dem Erzählband von Kristina Lieschke hat eine Besonderheit: Beginnend mit der Jahreszahl 2019 „fließen“ sie mit der Macht der Gedanken zurück in die Zeit bis in das Jahr 470 v. Chr. Das Buchcover zeigt eine malerische Lahnansicht. Und Marburg spielt in einem Großteil der Geschichten eine wichtige Rolle.

Neben Kurzkrimis, Geschichten und Stimmungsbeschreibungen aus der Gegenwart nehmen Texte rund um Ereignisse aus der Marburger Geschichte wichtigen Raum ein. Denn die Autorin lebt und arbeitet seit Jahren in Marburg. In der Geschichte „Rübezahlsüppchen“ kommt es zu einer Familienzusammenführung am Rande der Lahn, auf den Franzosenwiesen im Burgwald spielt sich eine mörderische Auseinandersetzung ab, und ist es nicht im Strandkorb Nummer 7 – an der Nordsee, in die über den Rhein auch die Lahn mündet – auch zu einem Mord gekommen?

Autorin lebt und 
arbeitet in Marburg

Protagonisten der Geschichten sind aber nicht nur Menschen. Auch Tiere melden sich in imaginären Monologen zu Wort. Der Marburger Rathausgockel macht sich so seine Gedanken über den Wert von Herrschaft. Und eines von Emil von Behrings „Tetanus-Pferden“ räsoniert in einem bitteren Aufschrei über den Lauf der Welt. Es zieht den Gang auf das Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg dem Dasein als Versuchstier im Behring-Stall, wo es andauernd zur Ader gelassen wird und unfreiwillig Blut spenden muss, bei Weitem vor.

Und wie fühlt sich die Hunderte von Jahren alte Donar-Eiche, als sie von dem christlichen Missionar Bonifatius gefällt wird? Auch die Baumperspektive steht im Mittelpunkt eines der Texte. Geschichte aus der Sicht hochgestellter Frauen wird lebendig, wenn Sophie von Brabant oder Äbtissin Gertrud, die beiden Töchter der Heiligen­ Elisabeth, aus ihrem Leben erzählen und dabei immer wieder auch Bezug auf ihre überlebensgroß erscheinende und so jung verstorbene Mutter nehmen.

Dabei sind es nicht nur die heldenhaften Momente, die im Mittelpunkt von Kristina Lieschkes Betrachtungen aus der Marburger Geschichte stehen: So zieht Landgraf Philipp der Großmütige nach einer verlorenen Schlacht in der kaiserlichen Haft eine resignative Bilanz seines Lebens. Der einst so mächtige Landgraf fühlt sich jetzt nur noch alt, müde und machtlos. Bis zurück zu Orpheus und Eurydike sowie ­Homer und Sappho geht die abwechslungsreiche Zeitreise.

Dichterische Freiheit 
und historische Wahrheit

Wie sich die Protagonisten der Erzählungen­ an ihr Leben erinnern, beruht einerseits auf einem gehörigen Maß an dichterischer Freiheit. Andererseits schöpft Kristina Lieschke dabei auch aus ihrem als langjährige Stadtführerin erworbenen Wissen um die Stadtgeschichte und hat zudem zu den ­dahinterliegenden historischen Begebenheiten ausführlich 
recherchiert.

Am Schluss des Bandes mit historischen und gegenwärtigen Momentaufnahmen begegnen sich berühmte Marburger aus verschiedenen Jahrhunderten in einem fiktiven Dialog in der „Himmelslounge“: Da trifft die Heilige Elisabeth auf Wolfgang Abendroth, und die Brüder Grimm parlieren mit Hannah Arendt über Gott und die Welt und ganz prosaische Dinge aus dem Marburger Alltag.

Das Buch ist nicht nur für ­Geschichtsinteressierte lesens­wert. Letztlich ergibt sich ein stimmiges Zeitenpuzzle, mal melancholisch und grüblerisch, dann wieder heiter und zukunftsgewandt.

von Uwe Badouin

Das Buch

Kristina Lieschke: „Im Fluss der Zeit“, zweite Auflage, Marburg, 153 Seiten, 12,90 Euro.