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Marburg Pandemie und Klimawandel verändern die Wirtschaft
Marburg Pandemie und Klimawandel verändern die Wirtschaft
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20:00 02.11.2021
3. Marburger Wirtschaftsforum im Cineplex Marburg am 28.10.21. Zum Thema "Megatrend New Work" sprachen v.l. Dr. Nicole Pöttgen (Stadt Marburg), Moderatorin Bärbel Schäfer, Michael Schröder (CSL Behring) und Martin Lacroix (Lokschuppen).
3. Marburger Wirtschaftsforum im Cineplex Marburg am 28.10.21. Zum Thema "Megatrend New Work" sprachen v.l. Dr. Nicole Pöttgen (Stadt Marburg), Moderatorin Bärbel Schäfer, Michael Schröder (CSL Behring) und Martin Lacroix (Lokschuppen). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Manchmal ändert eine Krise die Spielregeln – zum Beispiel in der Arbeitswelt. Dass Beschäftigte in vielen Berufen zum Arbeiten nicht in den Betrieb kommen müssen, konnten sich noch vor zwei Jahren viele Vorgesetzte und Angestellte nicht vorstellen. „Es kam ein kleines Virus, und plötzlich war es möglich, von zu Hause zu arbeiten“, fasste CSL-Behring-Geschäftsführer Michael Schröder die Entwicklung beim Marburger Wirtschaftsforum zusammen. Heute sehen viele mobiles Arbeiten oder Homeoffice nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Chance. Und genau darum ging es am Donnerstagabend beim Wirtschaftsforum – um Mega-Trends, also den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, der oft durch Krisen voranschreitet. „Jede Herausforderung ist eine Chance“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Das gelte nicht nur für die Pandemie, sondern auch für die Klimakrise.

Über drei Mega-Trends diskutierten Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Universität und Verwaltung mit Moderatorin Bärbel Schäfer: „New Work“, also der Wandel der Arbeitswelt, Wissenstransfer und Neo-Ökologie. Rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren laut Stadtverwaltung angemeldet, davon rund 100 für die Präsenz-Veranstaltung im Kino, die unter 2G-Corona-Regeln stattfand (also nur für Geimpfte und Genesene), und 30 im Livestream.

Vom mobilen Arbeiten bis Jobsharing

„Die Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt“, sagte Start-up-Gründer Martin Lacroix mit Blick auf den Wandel in der Arbeitswelt. „Ich denke, dass es nicht wieder zurückzudrehen ist.“ Das sieht Dr. Nicole Pöttgen, Leiterin des Fachbereichs Zentrale Dienste bei der Stadt Marburg, ähnlich. Vor der Pandemie hätten von 1 600 städtischen Beschäftigten nur 30 Heimarbeitsplätze gehabt. Jetzt seien es zehnmal so viele. „Und es gibt keinen einzigen Mitarbeiter, der während der Pandemie Homeoffice gemacht hat und seinen Homeoffice-Arbeitsplatz komplett zurückgibt.“ Arbeitsagentur-Leiter Volker Breustedt, der im Publikum saß, fragte Pöttgen, Schröder und Lacroix, wie sie über das Vorurteil denken, dass Beschäftigte zu Hause weniger leisteten. Alle drei betonten, dass sie diese Bedenken nicht haben. „Wenn jemand annimmt, er kann jemanden vor Ort besser kontrollieren, würde ich die Frage stellen: Ist das die richtige Führungskraft?“, spitzte es CSL-Behring-Geschäftsführer Schröder zu. Es fehle dann offenbar das Vertrauen.

Zu „New Work“ gehört aber noch mehr als nur Homeoffice: Dass die Arbeit sinnstiftend ist und dass es Möglichkeiten zu Teilzeitarbeit und Jobsharing gibt, nannte Pöttgen als Beispiele. Lacroix berichtete vom Co-Working, wie es in Zukunft auch im Marburger Lokschuppen geplant ist – dabei arbeiten kleine Start-up-Unternehmen in größeren Räumen und profitieren so voneinander. Schröder nannte „aufgabenorientierte Arbeitsplätze“: „Mal brauche ich einen Schreibtisch, mal einen ruhigen Raum, mal eine große weiße Wand.“ Schröder sieht die künftige Bundesregierung in der Pflicht, die Arbeitsgesetze zu reformieren: „Für die Arbeitsstättenverordnung ist ein Arbeitsplatz ein Schreibtisch und ein Stuhl. Die Gesetzeslage ist derzeit so, dass es schwierig ist, New Work legal umzusetzen.“

Gründer wünschen sich mehr Unterstützung

Mehr Unterstützung für innovative Ideen wünschten sich auch Sonja Krause (Kaufs lose), Ruth Werwai (Raincloud & Sage) und Lorenz Schaible (LieferMa). Die Gründerinnen und der Gründer diskutierten über das neue Zusammenspiel von Ökonomie und Ökologie. Die gelernte Erzieherin Krause erzählte, dass sie sich schon lange mit der Vermeidung von Plastik beschäftigt hatte, bevor sie 2019 mit ihrem Partner in Marburg einen Unverpackt-Laden gründete. „Ich würde mir mehr finanzielle Unterstützung wünschen, wenn jemand einen guten Gedanken hat“, sagte sie.

Der Grafik-Designer Schaible ist einer der Mitgründer der Gastronomie-App „LieferMa“. Sie soll Restaurants eine faire Alternative bieten – indem sie weniger Provision verlangt als große Konkurrenten und zudem einen Teil an die Tafel spendet. Schaible sagte aus seiner Erfahrung als Gründer: „Ich würde mir in der Schule mehr Aufklärung zu Selbstständigkeit wünschen.“ Auch Ruth Werwai wünscht sich mehr Bewusstsein für die Chancen von Unternehmensgründungen. „Ich bin am Anfang von vielen gefragt worden: Bist du sicher, dass du das machen willst?“, berichtete sie. Ihre Idee, aus der das Unternehmen „Raincloud & Sage“ entstand: Sie lässt die Wolle heimischer Schafe spinnen – daraus entsteht nachhaltige Wolle, die sich zum Beispiel zum Stricken eignet.

In der Runde zum Thema Wissenstransfer waren sich Geographie-Professorin Simone Strambach, der neu gewählte Marburger Uni-Präsident Professor Thomas Nauss und Dr. Peter Stumpf, Geschäftsführer der Transmit Gesellschaft für Technologietransfer mbH, einig: Es müsse mehr Zusammenarbeit zwischen universitärer Forschung und Unternehmen geben – und zwar auch in den Geisteswissenschaften. Stumpf sagte mit Blick auf die Virologie und die Pharma-Industrie in Marburg: „Die Potenziale bei Pharma sind sehr stark, aber wenn wir nicht aufpassen, sind wir am Ende des Zuges.“ Es brauche die Zusammenarbeit von kleinen Start-ups mit großen Unternehmen – das habe auch die Corona-Pandemie gezeigt, in der Lösungen vor allem von jungen, kleinen Unternehmen wie dem mRNA-Impfstoffhersteller Biontech gekommen seien.

Von Stefan Dietrich

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