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Marburg „Lieber den Spatz in der Hand“
Marburg „Lieber den Spatz in der Hand“
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11:59 16.10.2021
Linke Kreisverband Mitgliederversammlung 2021 Bürgerhaus Cappel. Foto: Beatrix Achinger
Linke Kreisverband Mitgliederversammlung 2021 Bürgerhaus Cappel. Foto: Beatrix Achinger Quelle: Beatrix Achinger
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Cappel

Die gute Nachricht zuerst: Die Linke verbuchte in Marburg-Biedenkopf in diesem Jahr fast so viele Neueintritte wie im Rekordjahr 2017. Und noch nie hat die Partei im Kreis in einem Jahr so hohe Spenden erhalten.

Parteimitglied Nico Biver findet die Statistiken „erstaunlich“, denn: „Normalerweise treten die Leute nach einem Erfolgsergebnis ein und springen nicht auf den Zug auf, der an der Klippe fährt.“

Denn ansonsten gab es auf der Mitgliederversammlung im Bürgerhaus Cappel tatsächlich wenig schönzureden: Der Landtagsabgeordnete Jan Schalauske nennt das Bundestags-Wahlergebnis von 4,9 Prozent eine „Katastrophe“ – mehr als zwei Millionen Stimmen habe man verloren und: „Wir haben uns fast überall halbiert.“

Auch Direktkandidat Maximilian Peter, der 4,7 Prozent der Erststimmen erhielt, attestiert ein „bitteres Ergebnis.“ Bei seiner Analyse beginnt Schalauske beim Wahlkampf: „Man hatte in den letzten Monaten den Eindruck, man wählt nicht eine Partei, sondern einen Kanzler oder eine Kanzlerin. Das hat uns als kleine Partei sehr geschadet.“ Die Corona-Pandemie und der Umgang damit habe die Linke „als Partei gespalten.“

„Der Spatz in der Hand“

Bei genauerer Betrachtung hätten die Krisen dieser Zeit – Klima, Corona, Banken und Euro – die Wähler nicht hin zu Alternativen, sondern in die Mitte bewegt. These: „Es gab keine Stimmung für eine fortschrittliche Regierung mit der Linken.“ Wählerinnen und Wähler, die einen Wechsel gewollt haben, haben sich demnach lieber für Rot-Grün als für die Linke entschieden, oder bildhafter: Man habe „lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach“ gewollt. Nachdrücklich fordert er für die Zukunft: „Wir sollten Eigenständigkeit mehr in den Mittelpunkt eines Wahlkampfs stellen.“ Man solle mehr Unterschiede deutlich machen, etwa zum Verfechter der Schuldenbremse Olaf Scholz.

Denn das Verhalten der Linken in diesem Wahlkampf sei wie bei einer Party gewesen, auf der man nicht eingeladen sei, aber unbedingt mitmachen wollte – anstatt sich selbst treu zu bleiben. Jedoch sei die Linke schon vorher in einer schwierigen Situation gewesen. „Personelle Streitigkeiten haben uns demobilisiert“, führt er als Beispiel ins Feld.

Was ist jetzt zu tun? Während SPD und Grüne an den wahrscheinlichen Koalitionspartner FDP wichtige Wahlversprechen opfern werden, werde es für die Linke in diesen Kämpfen darum gehen, „eine konkrete Verbesserung der Lebenssituationen mit einer Kapitalismuskritik zu verbinden.“ Als Beispiel habe die Linke in Marburg die Rückführung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) in öffentliche Hand angestoßen. Aus Maximilian Peters Sicht liegt auch auf kommunaler Ebene hinter der Linken „ein anstrengendes Jahr“:

„Mehr Präsenz“

Die Kommunalwahl im März mit anschließenden Koalitionsverhandlungen und der Umzug ins neue Büro in der Elisabethstraße hätten Kräfte gekostet.

Für die Kreistagsfraktion fordert der Co-Vorsitzende: „Politische Aktion muss auch Substanz haben. Es ist wichtig, dass wir als Kreisverband zum Beispiel verstärkt politische Bildungsangebote organisieren.“

Mehr Präsenz, zum Beispiel durch Haustürgespräche mehr auf Menschen zugehen, hielt er außerdem hoch. Auch aus dem Plenum wurden Stimmen laut wie die von Alexander Kubon: „Jeder kann den Leuten sagen, dass es ihnen schlecht geht. Aber wichtig ist doch herauszustellen, was wir tun, zum Beispiel für Kinderarmut und soziale Teilhabe hier vor Ort.“ Peter Müller als Gast ohne Parteimitgliedschaft meldete zurück: „Mir kam es so vor, dass sich – wenn überhaupt – nur die Deklassierten angesprochen gefühlt haben.“ Menschen, die sich zur Mittelschicht zählen würden, durchaus auch abhängig beschäftigt, oder höher Qualifizierte seien außen vor gewesen. Peter Lob appelliert: „Wir sollten uns anschauen, wo die größte Kluft ist zwischen dem, wo die Menschen Lösungen erwarten und dort, wo sie uns die Kompetenz zutrauen.“

Von Beatrix Achinger