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Marburg Krebs reißt Familie auseinander
Marburg Krebs reißt Familie auseinander
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20:00 22.01.2020
Riesengroß war die Freude, als die Familie nach sechs Jahren Trennung Tochter Suela am Flughafen begrüßen konnte.  Quelle: Privatfoto
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Marburg

Überglücklich sitzt Suela am Tisch neben ihren Eltern, der kleinen Schwester und ihrem Bruder und genießt sichtlich das große Familienfrühstück. Es ist ihr 13. Geburtstag – und den darf sie in Deutschland und mit ihrer Familie feiern. Was nicht wirklich ungewöhnlich klingt, ist für die Halili‘s ein lange ersehnter Festtag. Denn die Familie hat sich seit fast sechs Jahren nicht mehr getroffen. Grund ist die Krebserkrankung der kleinen Schwester.

Rückblick: 2014 erhielten die Eltern die schlimme Diagnose,­ die alles ausgelöst hat: Die jüngste Tochter Sumeja – damals erst vier Jahre alt – war an Leukämie erkrankt. Eine Behandlung im Kosovo war für das Mädchen nicht möglich, die Eltern versuchten im Ausland eine Krebstherapie zu erhalten. Erste Versuche, einen Behandlungsplatz zu bekommen, etwa in Albanien, scheiterten. Schließlich erhielt Sumeja in Deutschland einen Platz und die Chance, die lebensbedrohliche Krankheit zu bekämpfen. Das Problem: Die Eltern durften zwar mitkommen, die ältere Schwester Suela aber nicht. Die damals Siebenjährige musste bei den Großeltern im Kosovo bleiben, lebt dort bis heute.

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Seit Jahren versuchen die verzweifelten Eltern, ihre Tochter­ nachzuholen, was das Gesetz nicht zulässt. Denn es geht dabei nicht um ein Asylverfahren, „der Familiennachzug greift in diesem Fall nicht“, bestätigte Rechtsanwalt Karl Otto Beckmann auf Nachfrage. Die jüngere Tochter hat durch die Krankheit eine sogenannte Behandlungsduldung, die Eltern durften als Begleitpersonen einreisen, auf Suela trifft dieser Status aber nicht zu. Für die Eltern unfassbar, die ihre Tochter schmerzlich vermissen: „Wir haben oft am Telefon miteinander gesprochen oder uns per Skype gesehen, aber das ist einfach nicht dasselbe, das reicht einfach nicht“, erzählt Mutter Venera Halili unter Tränen.

Wiedervereinigung geht nur auf Zeit

Dann klappte es endlich, und Suela kam kurz vor Weihnachten für wenige Wochen zu Besuch. Als sich alle am Flughafen wiedersahen, war die Freude riesig, „es war ein unglaubliches Gefühl, meine Tochter wiederzusehen“, ergänzt Vater Gazmend Halili noch immer ergriffen. Noch ist seine Tochter da, aber der 41-Jährige hat schon jetzt Angst davor, sie in wenigen Tagen wieder gehen lassen zu müssen. Doch sie darf nicht bleiben. Auch Karl Kreh von der Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder findet es „unbegreiflich, wie man eine Familie so lange getrennt lassen kann, sie wurden auseinandergerissen“, ärgert er sich. Der ­Verein begleitete Sumea und die Eltern schon während der Krebsbehandlung, setzten sich für ein Besuchervisum und generell für die langfristige Familienzusammenführung ein. Die gestaltet­ sich schwierig. Nach zweijähriger Dauertherapie geht es ­Sumea wieder besser, doch sie brauche­ weiterhin Nachsorge, die sie im Kosovo nicht erhalten würde. Daher dürfen die jüngste Tochter, Bruder Daris, vor drei Jahren in Deutschland geboren, und die Eltern weiterhin in Deutschland bleiben, würden gerne dauerhaft in Marburg leben dürfen, nur eben mit Suela. Sie haben längst die Sprache gelernt, Sumea geht zur Schule, der Vater bestreitet mit verschiedenen Jobs selbständig den Lebensunterhalt der Familie.

Und das könnte tatsächlich den Ausschlag für ein Happy End für die Halili‘s geben. Denn wenn die Eltern sechs Jahre im Land leben, sich zudem eigenständig ohne staatliche Hilfe finanzieren, können sie per Gesetz bleiben, quasi aufgrund des Gewohnheitsrechts. „Dann hätten sie ein Bleiberecht und dann wäre ein Familiennachzug der Tochter aus humanitären Gründen möglich“, teilt Beckmann mit. Eben das ist die große Hoffnung der Familie.

Mädchen lernt zum ersten Mal Bruder kennen

Beim gemeinsamen Geburtstagstreffen in den Räumen der Elterninitiative fließen bei dem Thema immer wieder Tränen, so ganz fassen können es Kinder und Eltern noch immer nicht, dass sie wieder zusammen sind. Und vielleicht die Chance auf ein normales Familienleben besteht.

Dann auch zu fünft, ihren kleinen Bruder Daris konnte Suela bei ihrem Besuch überhaupt erst kennenlernen. Für die 13-Jährige gebe es noch die Möglichkeit, die letzten Monate zu überbrücken, indem sie einen Asylantrag stellt, wenn auch mit wenig Aussicht auf Erfolg. Doch so sehr sie ihre Tochter auch bei sich haben möchten, aus ihrem Umfeld im Kosovo überstürzt herausreißen wollen sie die Eltern nicht, Suela soll erst das laufende Schuljahr beenden. Doch dann wollen die Eltern ein Bleiberecht für alle erwirken, die Möglichkeit dazu haben sie im März. Die Aussichten, dass alle fünf doch noch gemeinsam leben können, stünden gut, „wenn die Situation der Eltern geklärt wird, ist es ziemlich sicher, dass die Tochter nachkommen kann“, ist auch Beckmann zuversichtlich.

von Ina Tannert