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Marburg Der Schmerzfalle entkommen
Marburg Der Schmerzfalle entkommen
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21:00 17.01.2021
Rückenschmerzen sind weiterhin die Volkskrankheit Nummer eins – wer unter chronischen Schmerzen leidet, dem kann die multimodale Schmerztherapie im DGD-Diakonie-Krankenhaus Wehrda helfen.
Rückenschmerzen sind weiterhin die Volkskrankheit Nummer eins – wer unter chronischen Schmerzen leidet, dem kann die multimodale Schmerztherapie im DGD-Diakonie-Krankenhaus Wehrda helfen. Quelle: dpa
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Zahlreiche Menschen leiden unter chronischen Schmerzen. Das heißt, sie haben nicht nur dann und wann ein Zwicken hier und ein Zwacken dort – vielmehr sind diese Schmerzen mitunter so gravierend, dass sie jede wache Minute der Menschen beeinflussen. Für chronisch Schmerzgeplagte kann die stationäre Schmerztherapie am DGD-Diakonie-Krankenhaus Wehrda eine echte Hilfe sein.

„Multimodale Schmerztherapie“ heißt das stationäre Angebot. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich der Ansatz, dass sich Mediziner nicht nur um die rein physische Ursache des Schmerzes kümmern – sondern das Team der Schmerztherapie den Menschen ganzheitlich betrachtet. „Wir schauen also auch auf das soziale Umfeld oder die psychologische Disposition“, erläutert Chefarzt Dr. Timon Vassiliou. Denn all diese Faktoren hätten auch einen Einfluss auf den Verlauf der Schmerzkrankheit. Schmerzerkrankungen seien durchaus komplex, denn „es stellt sich ja immer auch die Frage, warum bei einem Patienten eine Verletzung folgenlos ausheilt – und ein anderer mit derselben Verletzung dann einen chronischen Schmerz entwickelt“, erläutert Vassiliou.

„Wir wollen den Patienten zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, die Schmerzkrankheit zu beherrschen und die Symptome zu verbessern“, erläutert der Mediziner, „insbesondere durch Bewegung und spezielle Übungen“. Darauf fuße dann auch die zweite Säule, die in dem Konzept einen großen Raum einnehme: die Physiotherapie. „Und die dritte Säule ist der Umgang mit Schmerz und die Schmerzverarbeitung – darum kümmern sich Psychologen, die ausschließlich auf diesem Gebiet arbeiten und eine entsprechende Erfahrung haben.“ Vervollständigt wird das Angebot beispielsweise durch Kunst- oder Musiktherapeuten.

Dr. Timon Vassiliou ist Chefarzt am DGD-Diakonie-Krankenhaus in Wehrda. Quelle: DGD StiftungDGD Stiftung

Bei der Therapie werde also nicht nur auf allen medizinischen Ebenen gearbeitet, sondern auch der Alltag mit einbezogen. „Letztlich geht es darum, dass die Patienten lernen, im Alltag mit dem Schmerz umzugehen“, erläutert der Mediziner. Und das vor allem mit dem Ziel, „dass die Menschen auch wieder ins Alltagsleben zurückkehren können – und in vielen Fällen auch ins Berufsleben“. Häufig würden Menschen, die unter starken chronischen Schmerzen leiden, nämlich starke, opiathaltige Schmerzmittel einnehmen. „Dann sind sie zwar schmerzfrei, können aber nicht mehr wirklich am Alltag teilnehmen. Unser Ziel ist es, den Patienten Wege zu zeigen, aus dieser Situation herauszukommen“, verdeutlicht Vassiliou.

Etwa die Hälfte der Patienten leide unter Rückenschmerzen, gefolgt von weiteren Gelenkerkrankungen. „Es kommen aber auch Patienten zu uns, die unter Fibromyalgie leiden, chronische Kopfschmerzen sind ein Thema – oder Schmerzen aufgrund einer Tumor-Erkrankung“, weiß der Arzt. Doch was macht der Schmerz mit den Menschen? „Wenn konventionelle Behandlungen nicht anschlagen und keinen Erfolg zeigen, hat der Patient häufig schon das Gefühl, dass er mit seinem Leiden nicht ernstgenommen wird.“ Aufgrund der Schmerzen würden sich die Menschen dann nach und nach aus dem Alltagsleben zurückziehen, was auch zu einer starken psychischen Belastung werden könne. „Und was man nicht unterschätzen darf, ist, dass es auch zu Existenzängsten kommen kann, weil die berufliche Tätigkeit eingeschränkt wird oder sogar nicht mehr wahrgenommen werden kann“, sagt Vassiliou. Die Folge: Die Patienten sind verzweifelt, die psychischen Belastungen nehmen zu, das Sozialleben ist immens gestört. „Eine klassische Indikation für die multimodale Schmerztherapie“, sagt der Mediziner.

Therapie wird stationär angeboten

Die Therapie wird stationär am Diakonie-Krankenhaus angeboten, dauert drei Wochen mit 15 bis 16 Therapietagen. Für jeden einzelnen Teilnehmer wird ein abgestimmtes Behandlungskonzept entwickelt.

Nicht jedem Patienten kann in der Therapie der Schmerz genommen werden. „Erklärtes Therapieziel, das wir auch offen kommunizieren, ist: Die Patienten sollen lernen, den Schmerz zu kontrollieren, mit ihm zu leben – und natürlich auch eine deutliche Schmerzreduktion zu erzielen.“

Wunder könne die Therapie nicht vollbringen. „Aber es gibt für jeden ein realistisches Therapieziel. Denn Enttäuschungen wollen wir auf jeden Fall vermeiden“, verdeutlicht Vassiliou. Vielmehr gelte es, dem Teufelskreis der Schmerzfalle zu entkommen. „Viele Patienten haben ein Schonverhalten erlernt, sind sehr inaktiv, weil sie Angst haben, dass es zu einem neuerlichen Schmerzereignis kommt“, verdeutlicht der Arzt. Aus Angst vor dem Schmerz, der den Patienten ereilen könnte, weil er ihn schon einmal erfahren habe, mache er nichts mehr, damit das Ereignis nicht eintrete. „Und: Durch die Schonhaltung kommt es zu Fehlbelastungen – was zu neuerlichen Schmerzen führt“ – eben der Teufelskreis.

Patient muss aktiv an Therapie teilnehmen

Zu Beginn der Therapie wird geschaut, welche Medikamente der Patient nimmt und welche reduziert werden können. Außerdem evaluieren die Psychologen, welches Verhalten „in besonderer Weise das Schmerzerleben provoziert“. Wichtig sei auch, dass der Patient aktiv an der Therapie teilnehme, denn: „Ein Patient, der von der Therapie nicht überzeugt ist, wird auch nicht erfolgreich behandelt werden können. Denn er ist gefordert, zu lernen, das ist der Kern der Therapie.“ Egal, ob bei der Physio- oder Ergotherapie, aber auch bei der Kunsttherapie: „Sie werden schon aufgefordert, die Dinge, die sie dort lernen, auch selbst durchzuführen.“

Und wie erfolgreich ist die Therapie? „Die Erfolgsquote ist ja beispielsweise die, dass wir schauen können, wie viele Patienten wir zurück ins Berufsleben bekommen. Da ist die Quote schon recht hoch“, sagt Dr. Timon Vassiliou. „Wenn wir allerdings nicht erfolgreich sind, bekommen wir Rückfragen vom Rentenversicherungsträger – das kommt bei den rund 120 Patienten, die wir jährlich haben, etwa in fünf oder sechs Fällen vor“ – eine gute Quote also.

Wichtig sei jedoch, dass sich der Patient nach Abschluss der Therapie nicht zurücklehne, „er muss weiter für seine Schmerzfreiheit arbeiten“, sagt Vassiliou. Denn es handele sich um funktionelle Störungen, „die sich in langer Zeit entwickelt haben oder die man sich selbst angewöhnt hat“. Der Arzt verdeutlicht dies am Beispiel Bandscheibenvorfall: „Der kommt irgendwann, aber bis dahin sind ja schon viele Jahre vergangen. Dann kommt das akute Ereignis, der Patient leidet danach einige Jahre an akuten Schmerzen und kommt dann erst in die Therapie.“ Innerhalb der drei Wochen könnten die Jahrzehnte vorher nicht einfach vergessen gemacht werden, „auch nach Abschluss muss der Patient weiterarbeiten. Und es kommt noch etwas hinzu: Man wird ja nicht jünger – die Reserve des Körpers, sich zu regenerieren, wird ja mit jedem Tag weniger. Das nennt sich Alter“, so Vassiliou lachend.

Von Andreas Schmidt

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