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Marburg Kostenlose Corona-Tests: Patienten müssen ihre Reisedaten offenlegen
Marburg Kostenlose Corona-Tests: Patienten müssen ihre Reisedaten offenlegen
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17:56 06.08.2020
Dr. Ulrike Kretschmann nimmt bei Carina Groß einen Corona-Abstrich vor. Die Medizinische Fachangestellte wird regelmäßig getestet.
Dr. Ulrike Kretschmann nimmt bei Carina Groß einen Corona-Abstrich vor. Die Medizinische Fachangestellte wird regelmäßig getestet. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Nun gibt es sie, die kostenlosen Corona-Tests: Wer aus dem Ausland zurückkehrt und in einem Risikogebiet war, muss sich testen lassen. Wer aus dem Ausland zurückkehrt oder sich in Deutschland in einem Gebiet mit erhöhtem Infektionsrisiko aufgehalten hat, kann sich kostenlos testen lassen – und hat Anspruch auf einen Wiederholungstest. Eigentlich also eine gute Sache, findet auch die Marburger Medizinerin Dr. Ulrike Kretschmann.

„Aber die konkrete Umsetzung gestaltet sich schwierig und die bürokratischen Hürden sind immens hoch. Es reicht nicht mehr, dass die Patienten gegenüber dem Arzt ihre Urlaubsorte vortragen, sondern sie sollen jetzt ihre Angaben mit Dokumenten beweisen“, erläutert die Ärztin. Der Arzt müsse diese Dokumente dann im Detail auf Richtigkeit prüfen und in der Krankenakte abspeichern. Und: „Gleichzeitig wird den Ärzten vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung die eventuelle Prüfung der Dokumente angedroht“, so Kretschmann.

Zeitaufwand und Ärger

Diese Beweisnotwendigkeit belaste die Arzt-Patienten-Beziehung stark und führe jetzt schon zu langen Diskussionen in der Praxis. „Der Zeitaufwand und der Ärger sind für Patient und Ärzte völlig unnötig und unzumutbar“, findet die Ärztin.

Ärger sei beispielsweise vorprogrammiert, „wenn Patienten mit dem Auto im Ausland waren und Verwandte besucht haben und damit keine beweisenden Dokumente vorlegen können. Die Konsequenz ist, dass sie keinen kostenfreien Test bekommen.“

Auf der anderen Seite könne jedoch jeder Patient durch falsche Angaben über Symptome – wie etwa Kratzen im Hals – einen kostenfreien Test für sich beanspruchen. „Das ist absurd“, findet die Hausärztin. Die Patienten seien alle hoch motiviert, „mit freiwilligen Testungen dazu beizutragen, eine zweite Coronawelle zu verhindern“, weiß sie. „Die Tests sind gerade wichtig, um Infizierte ohne Symptome zu finden und sie von weiteren sozialen Kontakten fernzuhalten.“

Ärzte müssen Nachweis abfragen

Speziell zu diesem Thema hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen nun die Ärzte angeschrieben. Wörtlich heißt es in dem Brief, der der OP vorliegt: „Voraussetzung ist, dass der Test innerhalb von 72 Stunden nach der Einreise durchgeführt wird. Darüber hinaus muss der Auslandsaufenthalt nachgewiesen werden.“ Die Ärzte müssten diesen Nachweis abfragen – etwa in Form von Boarding-Pässen, Bahn- oder Bustickets, Hotelrechnungen oder ähnlichen Dokumenten. Dazu schreibt die KV: „Bitte erwarten Sie hierzu von uns keinen Hinweis, wie Sie das bei sich vor Ort dokumentieren sollen. Das wissen wir nämlich nicht.“ Gleichzeitig weist die KV jedoch darauf hin, dass nicht auszuschließen sei, „dass Ihre Dokumentation irgendwann einmal überprüft wird“, so schreibt die Organisation an ihre Mitglieder.

„Offenbar hat die Bundesregierung noch nicht einmal die Ärztevertretung mit einbezogen, denn dieses Konstrukt ist realitätsfern“, findet Dr. Kretschmann: „Es ist offenkundig, dass die KV mit der Vorgabe des Bundesgesundheitsministeriums ebenfalls nicht einverstanden ist, diese aber 1:1 an die Mitglieder weiterreicht.“

Keine Standard-Vorgehensweise

Die Ärztin hat schon die ersten Diskussionen über diese Regelung in der Praxis geführt. „Nicht alle Patienten haben Verständnis dafür, dass sie ihre Reiseunterlagen offenlegen sollen“, sagt sie im Gespräch mit der OP. „Dass diese Art Kontrolle das Arzt-Patienten-Verhältnis stören dürfte, ist klar! Dass es endlose Diskussionen in der Praxis auslösen kann und auch schon hat, ist auch klar“, verdeutlicht sie. Da es keine Standard-Vorgehensweise gibt, hat Kretschmann in ihrer Praxis folgende Vorgehensweise erarbeitet: Patienten müssen vorab per Mail die eingescannten oder abfotografierten Dokumente über ihren Auslandsaufenthalt schicken. „Denn wir wollen keine Papierbelege, auf denen sich vielleicht Viren befinden – die Sicherheit geht vor“, sagt die Ärztin. Das Team würde die Unterlagen dann auf Richtigkeit prüfen und diese dann entsprechend archivieren – das alles koste Zeit, die letztlich für den Umgang mit Patienten fehle.

Und die Zeit könne eine enorme Rolle spielen – denn noch sei völlig unklar, wie groß denn der Patientenansturm ausfallen könne. Die KV betont, dass eine seriöse Aussage darüber, „wie hoch die Inanspruchnahme durch die Reiserückkehrer tatsächlich sein wird, absolut nicht möglich“ sei. „Stellen Sie sich und Ihre Mitarbeitenden daher bitte auf alles ein“, so der Rat der KV.

Rückkehrer stehen faktisch unter Quarantäne

Die Vereinigung ist mit dem Vorgehen des Bundesgesundheitsministeriums nicht einverstanden – nicht nur, was die rasant schnelle Umsetzung der Tests ohne weitere Vorgaben angeht, sondern auch in Sachen Vergütung: Anfangs seien zehn Euro je Test im Gespräch gewesen, was laut KV „allein schon als Idee eine absolute Frechheit und Unverschämtheit“ darstellt. Am Ende seien es 15 Euro je Test geworden. „Allein das zeigt schon die grenzenlose Verachtung ärztlicher Tätigkeit durch den Herrn Bundesminister, das Gesundheitsministerium und den GKV, der in Berlin wohl inzwischen die Preise diktiert“, heißt es in dem Schreiben. 15 Euro seien zu wenig – auch vor dem Hintergrund, dass Rückkehrer aus Risikogebieten formal unter Quarantäne stehen und bei denen „faktisch Einzeltests bei erhöhtem Infektionsrisiko“ vorgenommen werden müssten.

Von Andreas Schmidt