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Marburg Kostenexplosion: Am Bau wird Material knapp
Marburg Kostenexplosion: Am Bau wird Material knapp
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13:58 08.05.2021
Dachdecker bei der Arbeit. Viele Baustoffe sind derzeit knapp und das treibt die Preise hoch.
Dachdecker bei der Arbeit. Viele Baustoffe sind derzeit knapp und das treibt die Preise hoch. Quelle: Falk Heller
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Marburg

Die Entwicklungen auf dem Rohstoffmarkt sorgen für teils drastische Probleme bei vielen Unternehmen. Vor allem Zimmerer- und Dachdeckerbetriebe sowie Bau-Unternehmen sehen sich nicht nur mit erheblichen Lieferverzögerungen konfrontiert, sondern müssen auch enorme Preissteigerungen verkraften. Darauf weist die Betriebsberatung der Handwerkskammer Kassel hin, denn das führe bei den Betrieben sowohl zu einer geringeren Planungssicherheit und Verzögerungen auf den Baustellen als auch zur Unsicherheit bei der Preiskalkulation. Das den Kunden zu vermitteln, ist für die Unternehmen nicht einfach.

„Steigerungen der Rohstoffpreise sind gegenwärtig offenbar flächendeckend im Handwerk gegeben und stellen die Betriebe, gerade in den Bau- und Ausbaugewerken, vor erhebliche Kalkulationsprobleme“, erläutert Bernd Blumenstein, Leiter der Betriebsberatung der Kammer. Er bezeichnet die Probleme für die Betriebe als erheblich. Denn sie müssen die kurzfristigen Steigerungen bei den Einkaufspreisen bei den oft monatelangen Angebotsvorläufen, die die meisten Bauvorhaben mit sich bringen, berücksichtigen, um zu verhindern, dass sie auf den gestiegenen Materialkosten sitzen bleiben. „Aus diesem Grund wird es für die Unternehmen immer schwieriger, ihre durch die Corona-Pandemie teils arg strapazierte Liquidität in vernünftigem Umfang aufrecht zu erhalten“, führt der Diplom-Ökonom aus.

Normaler Preisanstieg bei Eiche

Eine Einschätzung, die Hartmut Pfeiffer, stellvertretender Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Marburg und Obermeister der Zimmerer-Innung, teilt. „Meinen Betrieb betrifft das Problem nicht so hart“, sagt Pfeiffer. Denn da ein großer Schwerpunkt seines Betriebes in der Restaurierung beispielsweise von Fachwerk liege, benötige er hauptsächlich Eiche als Baustoff. „Dort gab es nur einen recht normalen Preisanstieg“, so Pfeiffer.

Doch für seine Zimmerer-Kollegen, die beispielsweise für Dachstühle oder den Holzrahmenbau von Häusern auf Vollkonstruktionsholz aus Fichte angewiesen seien, „stellt sich die Situation dramatischer dar: Sie berichten von Preisaufschlägen von 100 Prozent und mehr“, sagt er. Auch Leimschichtholz oder OSB-Platten seien mitunter schwer bis gar nicht beziehungsweise nur mit erheblichen Lieferzeiten zu bekommen, „weil nicht nur das Holz, sondern auch der Leim fehlt“, erläutert Pfeiffer.

Leim fehlte durch Suez-Kanla-Blockierung

So sei ihm berichtet worden, dass bei der jüngsten Blockade des Suez-Kanals auch ein Containerschiff mit Vorprodukten für die chemische Industrie festgesteckt habe – mit der Folge, dass eben der entsprechende Leim für die Holzkonstruktionen nun fehle.

Doch woran liegt die Knappheit? Noch dazu, wo ja im vergangenen Jahr mehrfach berichtet wurde, dass gerade Fichte wegen Borkenkäferbefalls zuhauf gefällt worden und der Holzpreis drastisch gesunken sei. „Viel Holz wurde damals nach China verkauft“, weiß Pfeiffer – und das fehle jetzt, da der Bedarf immens gestiegen sei.

Verwerfung am Holzmarkt

Neben diesen Verwerfungen am weltweiten Holzmarkt gibt es auch „zu wenige reine Sägewerke: Im Altkreis Marburg zum Beispiel nur noch eins in Schönstadt“, sagt Pfeiffer. Die Folge: Die verbleibenden Werke liefen aufgrund der gestiegenen Nachfrage am Limit, „und die Lager sind leer, denn Lagerhaltung kann sich heute niemand mehr leisten“, weiß Pfeiffer.

So sehe es laut Handwerkskammer auch bei Zwischenhändlern und verarbeitenden Betrieben aus. Die Betriebsberater sehen als Ursache für die sprunghaft gestiegene Nachfrage auch den großen Trend zum nachhaltigen und ökologischen Holz- und Fertighausbau in ganz Europa.

Weltmarktpreise für Holz steigen

Aber auch coronabedingt habe sich die Nachfrage erhöht, weil viele Kunden ihr Haus renovieren statt in den Urlaub zu fahren. Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Hessen-Thüringen, malt ebenfalls ein düsteres Bild: „Die Bauwirtschaft war während der Corona-Pandemie bisher ein Motor für die deutsche Konjunktur, jetzt drohen Verzögerungen bei Bauprojekten oder sogar Baustopps“, sagt er.

Die Branche verzeichnet neben den immensen Preissteigerungen bei Holz auch einen Kostenanstieg bei Dämmstoffen, Bitumen, Stahl und Blechen, aber auch bei Dachpappe und Schrauben, Kunststoffen, PVC sowie Farben und Lacken. Innerhalb von zwölf Monaten seien die Weltmarktpreise für Holz um über 300 Prozent, Preise für Betonstahl in Stäben um knapp 26 Prozent, für Bitumen um gut 21 Prozent, bei Kanalgrundrohen um 50 Prozent und bei Kunststoffen um etwa 17 Prozent gestiegen.

Hoher Preisanstieg bei Baustahl

Die Preise für Baustahl sind seit Jahresbeginn sogar um 40 Prozent gestiegen. Grund für den deutlichen Anstieg der Stahlpreise ist unter anderem die begrenzte Lieferkapazität chinesischer Stahlhersteller sowie eine erhöhte Nachfrage in China. „Die höheren Preise werden sich in Angeboten künftiger Ausschreibungen niederschlagen“, schätzt der Siebert. Bauleistungen würden deutlich teurer.

Die Bundesvereinigung Bauwirtschaft rechnet in absehbarer Zeit nicht mit einer Erholung. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Materialversorgung in den nächsten Wochen leider nicht normalisieren wird“, teilte der Verbandsvorsitzende Marcus Nachbauer am Donnerstag mit. „Es wird daher vermehrt zu Behinderungen im Baustellenbetrieb kommen. Eine zunehmende Anzahl unserer Unternehmen erwartet, Kurzarbeit anmelden zu müssen.“

Von Andreas Schmidt

08.05.2021
07.05.2021