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Marburg Zwischen Unverständnis und Offenheit
Marburg Zwischen Unverständnis und Offenheit
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19:01 20.05.2018
Mina Safi (links) und Berfin Akyüz sind zwei Marburger Studentinnen, die sich für das Tragen des Kopftuchs als Zeichen ihrer Religiösität entschieden haben. Quelle: Simone Schwalm
Marburg

Immer wieder gibt es Debatten um religiöse Zeichen, besonders im öffentlichen Raum, in Behörden und Schulen. So sollen in Bayern ab Juni mehr christliche Kreuze aufgehangen werden, in Nordrhein-Westfalen erregte kürzlich ein erwogenes Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 Jahren Debatten.

Auch das Kopftuchtragen muslimischer Lehrerinnen – was das Bundesverfassungsgericht 2015 an staatlichen Schulen grundsätzlich erlaubte – sorgt seit Jahren für kontroverse Diskussionen. Und in Nahost verschärft sich seit der Botschafts-Eröffnung in Jerusalem der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Wie fühlen sich Gläubige in Marburg, speziell Muslime und Juden, dabei? Gläubige wie Mina Safi. Die Studentin befürchtet, nach ihrem Studium keine Stelle zu bekommen, weil sie als gläubige Muslima ein Kopftuch trägt. Sie studiert an der Philipps-Universität Erziehungs- und Bildungswissenschaften und würde gerne mit Kindern beziehungsweise Jugendlichen zusammenarbeiten.

„Eine selbstbestimmte Frau trägt kein Kopftuch“

Als sich die 27-Jährige, die ­ursprünglich aus Afghanistan stammt, dafür entschied, ihre­ Religiösität sichtbar zu machen, stellte das für ihre Familie einen Rückschritt dar. Ihrer Studiumskollegin Berfin Akyüz­ ging es ähnlich. Die 24-Jährige konvertierte vor acht Jahren zum Islam. Die junge Frau, die ursprünglich aus der Türkei kommt, sagt: „Für mich ist das Kopftuch Teil meiner Identität. Mir hat immer das Zugehörigkeitsgefühl gefehlt, jetzt fühle ich mich angekommen.“

Von religiösem Fanatismus grenzen sie sich ab. „Diese Taten haben nichts mit dem Islam zu tun“, sagt Safi. Dass viele Menschen ihre Entscheidung nicht verstehen können, kennen beide jungen Frauen – ebenso wie die 18-jährige Samah Hefny, die in Marburg Politik studiert. „Schon wieder so eine Unterdrückte“, „Ist dir nicht heiß?“ oder „Eine selbstbestimmte Frau trägt kein Kopftuch“ – das sind nur einige der Sätze, die sie mehr als einmal gehört hat, jedoch eher in Großstädten. Die Menschen in Marburg seien Kopftuch tragenden Frauen gegenüber recht offen, sagen die drei Muslima.

„Toleranz ist ein Lernprozess“

Auch Vertreter der Jüdischen Gemeinde sagen, dass in der Universitätsstadt das öffentliche Tragen religiöser Zeichen relativ problemlos sei. Marburg sei ein „Raum, der sich von vielen anderen unterscheidet“, sagt etwa Nathan Rosemann. Er ist häufig auch in anderen Städten unterwegs und der Ansicht: „Dort, wo es Menschen gewohnt sind, auf kulturelle Vielfalt zu treffen, kann auch Toleranz erlernt werden – es ist ein Lernprozess.“ Dass dies in Marburg schon gut funktioniere, unterstreicht Monika Bunk, die Zweite Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Mit Anfeindungen habe es bisher wenig Probleme gegeben. Ausschlaggebend dafür sind für sie die persönliche Begegnung und Gespräche.

Dennoch hielten es die Islamische Gemeinde und die Jüdische Gemeinde für notwendig, mit einem Aktionstag einschließlich Kundgebung und Demonstrationszug ein Zeichen für religiöse Vielfalt und Toleranz zu setzen (die OP berichtete). Denn auch wenn die Mehrheit der Marburger sehr offen gegenüber dem Tragen religiöser Zeichen in der Öffentlichkeit ist, so ist die Akzeptanz dafür keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

von Simone Schwalm