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Marburg Hausbau-Pläne erzürnen Nachbarschaft
Marburg Hausbau-Pläne erzürnen Nachbarschaft
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19:58 22.03.2020
Richard Kiefer, Hausbesitzer in der Hermannstraße im Marburger Stadtteil Ockershausen, kritisiert gemeinsam mit anderen Nachbarn ein geplantes Bauvorhaben des Kerstin-Heims. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Ockershausen

„Klotz“ und „Kasten“ – das sind noch die nettesten Bezeichnungen, die Nachbarn für das Bauwerk, das im oberen Ockershausen entstehen soll, übrig haben. Einer von denen, die den geplanten Hausbau weder verstehen noch tolerieren wollen, ist Richard Kiefer. Er steht auf dem Balkon seines Wohnhauses in der Hermannstraße und blickt über einen Garten samt Trampolin hinüber auf die Wiese des Nachbargrundstücks. „Das da steht leer und soll weg“, sagt er und deutet auf ein nahes Wohnhaus. Wenn der Abriss des Gebäudes erst einmal geschehen ist, sollen – das bestätigen Pläne, die der OP vorliegen – stattdessen und auch auf den angrenzenden Grünflächen zwei Neubauten entstehen. „Das passt hier so gar nicht hin“, sagt Kiefer.

Was ihn und auch die anderen Nachbarn wie Lydia Merkel, Rudolf Merkel und Doris Hühn aufregt, ist ein Bauvorhaben des Kerstin-Heims – nicht wegen des Inhalts, der Wohnungen und Betreuung für Behinderte vorsehen soll, wie die Ockershäuser betonen – sondern wegen der schieren Dimension der Immobilie. Denn: Laut der Planskizzen soll auf einer Länge von rund 30 Metern ein mehrstöckiges Doppel-Haus gebaut werden. Eines, das so breit wie möglich und so hoch wie irgendmöglich sei, kritisieren die Nachbarn. „Hier wird die große Lösung, das Maximale versucht. Völlig ungeachtet dessen, was drum herum ist“, sagt Lydia Merkel, deren Haus faktisch vom geplanten Neubau-Duo verdeckt zu werden droht.

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„Nicht alles, was möglich ist, darf auch machbar sein“, sagt Kiefer und verweist auf den Charakter der Siedlung. Es sei über Jahrzehnte nicht nur von der Bewohnerschaft, sondern auch von den Bauten eine „sensible gewachsene Struktur“ entstanden. Dieser Struktur drohe Schaden, wenn nun mitten in eine Ein- und Mehrfamiliensiedlung ein Wohnkomplex – zuletzt sah das Bauwerk bis zu 14 Wohnungen vor – „künstlich gepflanzt, nein, regelrecht reingequetscht wird“, wie Rudolf Merkel sagt. „Eine Lagerhalle, wo möglichst viele reingebracht werden sollen.“ Doris Hühn sagt: „Neue Bewohner wären integrierbar, das Bauwerk ist es nicht.“ Doch gerade weil es sich auch von ihren Bedürfnissen her um spezielle Bewohner handele, müsse das Kerstin-Heim-Haus Akzeptanz in der Nachbarschaft erfahren; so, wie es jetzt ist, werde es aber „eben keine Liebesheirat“.

Für „Betreutes Wohnen“ gedacht

Auf OP-Anfrage reagiert das Kerstin-Heim: „Wir haben die Umsetzung ausgesetzt und den Nachbarn zugesichert, die Pläne vorzustellen, bevor die Maßnahme umgesetzt wird“, sagt Martina Strube, Einrichtungsleiterin. Der Neubau sei für den Bereich „Betreutes Wohnen“ gedacht. Junge Erwachsene, die dem Kerstin-Heim entwachsen sind, sollen darin laut Strube einen „guten Lebensraum, in dem sie sehr selbstständig ihren Alltag gestalten“, erhalten – mit Hilfe professioneller Unterstützung. Der Baubeginn stehe noch nicht fest, in diesem Jahr werde es jedenfalls nicht mehr passieren. In der Hermannstraße 111 habe man den Bau eines „freundlichen, nachhaltigen Hauses, das sich in Form und Funktion baurechtlich in den Stadtteil einfügt“, geprüft.

Die Zweckbauten- und Ignoranz-Kritik der Ockershäuser steht in einer Linie mit den Vorgängen im Alten Pfarrgarten in Cappel und den Wirren um die Neubauplanung der Jugendherberge in Weidenhausen. Doch welche Gestaltungsmöglichkeiten hat die Stadtverwaltung bei Bauanträgen wie nun jenem in der Hermannstraße überhaupt?

Grundsätzliche Voraussetzung für die Ablehnung eines Bauantrags ist, dass das geplante Bauvorhaben nicht dem öffentlichen Baurecht entspricht. So widerspricht es dem öffentlichen Baurecht beispielsweise, in einem Wohngebiet einen Industriebetrieb bauen zu wollen. Legt ein Bebauungsplan beispielsweise fest, dass in dem Gebiet maximal zwei Vollgeschosse gebaut werden dürfen, dann wird ein Bauantrag auf mehr als zwei Vollgeschosse abgelehnt. Hier gibt es dann beispielsweise für den Bauherrn noch die Möglichkeit, einen Befreiungsantrag von Punkten im Bebauungsplan zu beantragen – ob ein solcher Befreiungsantrag dann positiv oder negativ entschieden werden kann, wird im einzelnen Fall von der Verwaltung geprüft.

Gebäude muss zur Umgebung passen

Die Art der Nutzung werde nach Angaben der Stadtverwaltung bei der Prüfung eines Bauantrags „immer beachtet“, die Optik spiele bei der Prüfung dann eine Rolle, wenn es im Bebauungsplan bestimmte optische Vorgaben gebe, etwa für die Farbe der Dachziegeln. Auch in Bereichen mit denkmalgeschützten Gebäuden spiele die Optik eine Rolle.

Ein Bebauungsplan könne aber in verschiedene Zonen unterteilt sein, in denen auch verschiedene Arten der Bebauung ermöglicht würden – so wie es etwa für den Hasenkopf im Gespräch sei, verschiedene Geschosshöhen und sowohl Ein- und Mehrfamilienhäuser als auch Gebäude mit Mietwohnungen unterschiedlicher Größen in verschiedenen Bereichen des geplanten Baugebiets zu ermöglichen. Gibt es keinen Bebauungsplan, gelte die Vorgabe, dass „der geplante Bau sich in das Umfeld einfügen muss“ – sowohl in der Art der Nutzung als auch in der Bauweise und im Maß der baulichen Nutzung wie Anzahl der Geschosse, Höhe des Gebäudes. Grundsätzlich: „Das Gebäude muss städtebaulich zur Umgebung passen.“ Und wie ist es in der Hermannstraße? Kompliziert, denn: Dort gibt es für verschiedene Abschnitte verschiedene Bebauungspläne mit unterschiedlichen Festsetzungen. Im konkreten Fall liege aber kein Bebauungsplan vor. Die Genehmigung vor fast genau einem Jahr sei daher entsprechend des Paragrafen für einen unbeplanten Innenbereich erteilt worden. Man geht bei der Stadt also davon aus, dass sich das Kerstin-Heim-Haus in den Bereich zwischen Hermannstraße und „In der Wann“ einfügt.

Die Ockershäuser sehen das ganz anders und lassen sich angesichts der erteilten Baugenehmigung rechtlich beraten, wollen noch Widerspruch gegen das Bauprojekt einlegen und übergeordnete Behörden wie das Regierungspräsidium Gießen einschalten.

Im Kerstin-Heim hofft man indes, dass der eigenen integrativen und inklusiven Arbeit stadtnah „eine neue Heimat geboten werden kann“. Das Kerstin-Heim ist ein gemeinnütziger Verein mit Schule und Wohngruppen zur individuellen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. Es wurde im Jahr 1962 gegründet. 100 Mitarbeiter kümmern sich um bis zu 54 Kinder und Jugendliche.

Von Björn Wisker

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