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Marburg „Sind wir Mitarbeiter zweiter Klasse?“
Marburg „Sind wir Mitarbeiter zweiter Klasse?“
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20:00 29.10.2021
Die „Kopfprämie“, die am UKGM Gießen für neue Intensivpflegekräfte gezahlt wird, soll in Marburg nicht kommen.
Die „Kopfprämie“, die am UKGM Gießen für neue Intensivpflegekräfte gezahlt wird, soll in Marburg nicht kommen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die „Kopfprämie“ in Höhe von 5 000 Euro, die das UKGM in Gießen für neue Pflegekräfte auf den Intensivstationen ausgelobt hat, wird es in Marburg nicht geben. Auf Anfrage der OP am Mittwoch wollte der Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung, Dr. Gunther K. Weiß, dazu noch nicht antworten. Doch am Donnerstag trug Weiß nach OP-Informationen die Entscheidung zunächst im Betriebsrat vor – später folgte dann ein Brief an die Mitarbeiter des Klinikums. Darin heißt es, die „Willkommensprämie“ in Gießen solle „zunächst für die Gewinnung von bis zu 15 Vollzeitstellen gelten“ und richte sich lediglich an Bewerber von außerhalb der Asklepios-Gruppe.

„Wir wissen, dass dies eine sehr überraschende und bei vielen von Ihnen auch auf Unverständnis stoßende Entscheidung ist“, heißt es in dem Brief an die Mitarbeiter. Daher wolle man mit dem Schreiben versuchen, die Entscheidung zu erklären – es folgen die Argumente, die auch schon der Ärztliche Geschäftsführer der Uni-Klinik Gießen, Professor Werner Seeger, am Mittwoch auf Anfrage der OP mitteilte.

„Das ist ja wie beim Handyvertrag“

Die Prämie stößt nicht nur bei der Gewerkschaft Verdi auf Kritik (die OP berichtete). Auch Pflegekräfte, die bereits für das UKGM arbeiten, fühlen sich von den 5 000 Euro, die das Uni-Klinikum in Gießen als „Willkommensprämie“ auslobt, zurückgestuft.

„Das ist ja wie beim Handyvertrag“, sagt ein Pfleger im Gespräch mit der OP, der namentlich nicht genannt werden möchte, „da bekommen Neukunden auch die besseren Konditionen. Sollen wir jetzt kündigen und uns neu bewerben?“, fragt er – denn das helfe beim Mobilfunkvertrag ja auch. Im Kollegenkreis werde die Prämie intensiv diskutiert. „Sind wir denn Mitarbeiter zweiter Klasse?“, fragt der Mann.

Doch warum keine Prämie in Marburg, wo ja zahlreiche Pflegekräfte gekündigt haben und beispielsweise immer noch die Station 121 der HNO sowie zahlreiche Betten aufgrund des Pflegekräftemangels geschlossen sind?

Die Situation stößt nicht nur Beschäftigten sauer auf. Aus dem Umfeld des Betriebsrats heißt es, dass am Klinikum in Gießen rund 5 100 Menschen beschäftigt seien – in Marburg indes lediglich 4 500. „Alleine in der Pflege werden in Gießen etwa 200 Beschäftigte mehr als in Marburg beschäftigt. Bemerkenswert ist, dass nach den Angaben im Jahresabschluss an beiden Standorten nahezu die gleiche Anzahl von Betten betrieben werden“, so der Informant. „Vielleicht hat der Landtagsabgeordnete Dirk Bamberger ja recht“, mutmaßt er. Der hatte kürzlich gegenüber der OP geäußert: „Ich habe den Eindruck, dass Asklepios gerade den Standort Marburg sehenden Auges gegen die Wand fährt!“

Warum keine Prämie in Marburg?

Also: Warum keine Willkommensprämie für Marburg? „Hier in Marburg versuchen wir weiterhin, einen anderen Weg zu gehen“, heißt es dazu in dem Schreiben an die Mitarbeiter. Auch in Marburg sei man unter anderem durch die Pandemie „an unsere Belastungsgrenzen und teilweise darüber hinaus gegangen“, heißt es in dem Schreiben, das am Donnerstag verschickt wurde. Daher versuche man nun, „mit konkreten Maßnahmen eine spürbare Entlastung zu erreichen“. Durch eine offene Kommunikation der Situation des UKGM insbesondere gegenüber den niedergelassenen Ärzten „möchten wir erreichen, das Gleichgewicht zwischen einer bestmöglichen Versorgung für unsere Patientinnen und Patienten und dem notwendigen Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einer chronischen Überlastung wieder herzustellen“, heißt es in dem Schreiben.

Zu eben diesen „konkreten Maßnahmen“ habe man in den vergangenen Tagen „bereits viele interne und externe Gespräche geführt und werden dies auch weiterhin tun“, kündigt die Geschäftsführung in dem Brief an. Doch wie diese „konkreten Maßnahmen“ denn auch konkret aussehen – das wird mit keinem Wort erwähnt.

Von Till Conrad und Andreas Schmidt