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Marburg Konvoi bewältigt Hindernisse
Marburg Konvoi bewältigt Hindernisse
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10:21 26.07.2021
Freitagabend: Hunderte Helfer beladen 47 Lkws mit gut 500 Tonnen Sachspenden.
Freitagabend: Hunderte Helfer beladen 47 Lkws mit gut 500 Tonnen Sachspenden. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Kein Wunder. Der Mardorfer Brummifahrer aus Leidenschaft hatte die größte private Hilfsaktion aus dem Boden gestampft, die der Landkreis Marburg-Biedenkopf bis dato wohl gesehen hat.

Am Freitagabend waren mehrere Tausend Menschen in ihren vollgepackten Autos zum Messeplatz Afföller gefahren, um Spenden für die Flutopfer in den Katastrophengebieten abzugeben (die OP berichtete). 800 Helfer hatten stundenlang mit angepackt, darunter Freiwillige Feuerwehrleute aus dem ganzen Kreis, Mitarbeiter heimischer Unternehmen und viele, viele Privatpersonen. Zahlreiche Gastronomen hatten kostenlos für die Verpflegung gesorgt, das Ordnungsamt einen Verkehrsinfarkt verhindert.

500 Tonnen Spenden

Bis spät in die Nacht wurden insgesamt 500 Tonnen Sachspenden auf 47 Lastwagen geladen. Eine Mammutaufgabe, die Jung und Alt zusammengeschweißt hat. „Es war überragend zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft ist“, sagt Ralf Kalabis-Schick noch immer bewegt vom Engagement der Menschen.

Nach einer sehr kurzen Nacht brach der Marburger Hilfskonvoi am Samstagmorgen von Goßfelden aus auf in Richtung Flutgebiete. Unter dem Motto „Lkw-Fahrer stehen zusammen“ hatte Kalabis-Schick Brummifahrer aus ganz Deutschland aktiviert. Einer von ihnen war Jens Bernhardt aus Weifenbach bei Biedenkopf. Der 50-Jährige hat zwar eigentlich gerade Urlaub, aber bei so einer Hilfsaktion musste er dabeisein. „Zu sehen, wie die Menschen zusammenhalten in so einer Zeit, das war ein unbeschreibliches Gefühl“, betont der Hinterländer und trifft damit wohl den Nagel auf den Kopf.

Der Marburger Hilfskonvoi hat in der Bevölkerung für hoch emotionale Reaktionen gesorgt. Das Live-Video der OP, das den Start des Hilfskonvois zeigt, haben bis Sonntagabend 154 000 Personen auf Facebook angesehen. Die Kommentare darunter zeigen, wie sehr die Aktion die Menschen bewegt hat: „Der Wahnsinn“, „ich habe Pipi in den Augen“ und „Gänsehaut am ganzen Körper“ sind nur einige der Kommentare.

Doch die Reise des Hilfskonvois ging am Samstag nicht ohne Hindernisse vonstatten. „Eigentlich hatten wir insgesamt zwölf Abladestellen fest zugesagt bekommen“, berichtet Sarah Hedoch, die zusammen mit Kalabis-Schick und dessen Schwester Michaela Kalabis die Hauptorganisation bewältigte. Bei einigen Sattelschleppern habe es auch prima geklappt, 14 wurden zum Beispiel ohne Probleme bei der Koblenzer Tafel entladen. Für 15 Lkw-Fahrer allerdings sei eine regelrechte Tortur losgegangen. Zugesagte Abladestationen hätten bei der Ankunft der Trucks plötzlich doch keinen Platz mehr gehabt. „An einem behördlichen Lager zum Beispiel hatten wohl Mitarbeiter ohne Wissen des Chefs kurz vor uns Lkws reingelassen und wir wurden dann abgewiesen“, ärgert sich Kalabis-Schick. Vor Ahrweiler, dem Epizentrum der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz, sei es zu einem regelrechten Verkehrsinfarkt gekommen. „Die Polizei hat niemanden mehr reingelassen, obwohl Leute vor Ort auf uns gewartet haben“, berichtet der Mardorfer.

Telefonier-Marathon 

Nach einem Telefonier-Marathon und einer hunderte Kilometer weiten Odyssee durch die Krisenregion seien sie über Kontakte dann auf ein Unternehmernetzwerk gestoßen, das die verbliebenen Lkws auf einem Firmengelände entladen habe. „Es ist einfach gut, wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt“, sagt Kalabis-Schick und Sarah Hedoch ergänzt: „Unser Ansinnen war es, unbürokratisch Hilfe zu leisten, und das hat über Umwege dann doch geklappt.“

Hilfe soll weitergehen

Neben der Bewältigung des noch immer anhaltenden Ausnahmezustandes sei es zudem ein großes Problem, dass die meisten Lager der Krisenregion überfüllt seien mit unsortierten Waren. Waren, die vor Ort sortiert werden müssen, würden Hilfskapazitäten und wertvolle Zeit stehlen, ist Hedochs Eindruck. „Deshalb war es uns auch so wichtig, dass nur vorsortierte Sachen, die wirklich gebraucht werden, zu unserem Hilfskonvoi gebracht wurden, die wir dann zu Themenpaletten packen konnten“, betont sie. Die Helfer vor Ort, die direkt mit Krisenstäben und Gemeinden in Kontakt stünden, seien nun in der Lage, sofort alles nutzen und mit kleinen Sprintern in die zum Teil noch immer schlecht erreichbaren Dörfer bringen zu können.

Doch damit soll die Marbuger Hilfe noch nicht abgeschlossen sein. „Wir planen, nachhaltig eine logistische Lösung zu finden, auch weiterhin von hier aus denen helfen zu können, die schnell unbürokratische Unterstützung brauchen“, verrät die Marburgerin, die im „normalen Leben“ Personalreferentin bei der Bundesagentur für Arbeit ist.

Und auch Brummifahrer Ralf Kalabis-Schick hat nach einem Tag Pause schon wieder neuen Tatendrang und überlegt, wie er die 16 000 Euro, die er noch an Spendengeldern gesammelt hat, sinnvoll einsetzen will. „Eins ist wohl klar, ich habe bald Urlaub und ich glaube nicht, dass ich dann einfach mal nichts tun kann.“

Von Nadine Weigel

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