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Marburg Aufschwung mit Unsicherheiten
Marburg Aufschwung mit Unsicherheiten
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15:58 03.06.2021
Monika Schlick (rechts) von Bonita in der Wettergasse berät eine Kundin. Auch wenn die Geschäfte wieder Kunden empfangen können, leidet der Handel noch unter den Corona-Auswirkungen (Themenfoto).
Monika Schlick (rechts) von Bonita in der Wettergasse berät eine Kundin. Auch wenn die Geschäfte wieder Kunden empfangen können, leidet der Handel noch unter den Corona-Auswirkungen (Themenfoto). Quelle: Thorsten Richter
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Kassel

Zweigeteiltes Bild bei der Konjunkturumfrage unter den Betrieben der IHK Kassel-Marburg: Während vor allem die Industrie den vorsichtigen Aufschwung in der heimischen Wirtschaft trägt und optimistisch in die Zukunft schaut, leiden Gastronomiebetriebe, Einzelhandel und die körpernahen Dienstleistungen, wie etwa Fitnessstudios, weiterhin immens unter den Corona-Auswirkungen.

Dennoch erholt sich die Wirtschaft in Marburg und Nordhessen langsam weiter: Der IHK-Klimaindex, der gewichtete Faktor aus gegenwärtiger und zukünftiger Lagebeurteilung, steigt über alle Branchen hinweg auf 105,6 Punkte. Im Vorbericht hatte er noch bei 95,7 Punkten gelegen, im vergangenen Herbst gar nur bei 90,5 Zählern.

Viel Bewegung

Dr. Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg, erläutert, dass insgesamt sehr viel in Bewegung sei. „Uns treibt jedoch sehr stark das Thema Rohstoffpreise und Lieferkettensituation um.“ Es gebe bereits Überlegungen von Unternehmen, „dass man zukünftig den Westbalkan ins Auge nimmt statt Asien, um Abhängigkeiten zu verkleinern“, so Klein-Zirbes. Und: Plötzlich sei auch das „Gespenst Inflation“ wieder da, „das ja lange Zeit verbannt erschien“. Die Region stehe am Anfang eines Aufschwungs – der aber von vielen Unsicherheiten geprägt sei.

In der Industrie ist der Klimaindex auf 126,9 Punkte gestiegen. Dort bewerten 43 Prozent der befragten Unternehmen ihre derzeitige Lage mit gut, 14,8 Prozent mit schlecht. Und für die Zukunft erwarten knapp 40 Prozent, dass die Lage gut bleibe, 12,5 Prozent erwarten eine Eintrübung. Im Baugewerbe steigt der Klimaindex leicht auf 96,2 Zähler – dort machen sich der Anstieg der Rohstoffpreise und das schmalere Budget der öffentlichen Hand als Auftraggeber negativ bemerkbar.

Klimaindex im Großhandel steigt

72,7 Prozent bewerten ihre derzeitige Lage als befriedigend, 27,3 Prozent gar als gut – und die zukünftige Lage sehen ebenfalls 72,7 Prozent als unverändert befriedigend, die 27,7 Prozent „gut“ erwarten jedoch künftig eine Verschlechterung.

Während im Großhandel der Klimaindex auf 104,3 Zähler steigt, sinkt er im Einzelhandel auf 83,6 Punkte – mit wenig Hoffnung auf Besserung: Gut 38 Prozent der Befragten erwarten gar eine weitere Verschlechterung ihrer Situation. Im Gastgewerbe sinkt der Klimaindex gar auf den historischen Tiefstwert von 26,1 Punkten.

61,1 Prozent erwarten schlechtere Lage in Zukunft

Die Gastronomen berichten von einer sehr angespannten finanziellen Situation, mehr als die Hälfte (61,1 Prozent) erwarten eine noch schlechtere Lage in der Zukunft. Und: 11,1 Prozent gaben an, sie seien von einer Insolvenz bedroht.

Immerhin: Der starke Einbruch bei den Beschäftigtenzahlen schwächt sich ab. Gingen in der Umfrage zu Jahresbeginn noch 24,3 Prozent der Unternehmen von einem sinkenden Beschäftigungsniveau aus, sind es aktuell 19,7 Prozent. Ihnen stehen 15,9 Prozent Befragte gegenüber, die zusätzlich Mitarbeiter einstellen möchten.

Nur ein Viertel plant, Investitionen auszubauen

Die Investitionsabsichten sind im Saldo leicht gestiegen – auf minus 1,6 Punkte gegenüber minus 7,3 Punkte im Vorbericht. „Trotz verbesserter Perspektive fahren viele Unternehmen derzeit nur auf Sicht. Das resultiert in zurückhaltender Investitionstätigkeit, und derzeit planen nur knapp 25 Prozent der Unternehmen, die Investitionen auszubauen“, sagt Dr. Hans-Friedrich Breithaupt, Geschäftsführer der F.W.W. Breithaupt & Sohn GmbH & Co KG.

Bedenklich sei auch, dass es sich hierbei in erster Linie um Ersatz- und Rationalisierungsinvestitionen handele. „Es braucht dringend Rahmenbedingungen und Anreize für die Industrie, wieder vermehrt in Produktinnovationen zu investieren, was dann in der Folge auch Investitionen in Kapazitätsausweitungen nach sich zieht“, sagt Breithaupt, der auch Vizepräsident der IHK Kassel-Marburg ist.

Esterer: „Geschäft auf null gesunken“

Reagiert hat Julia Esterer, Geschäftsführerin der Dr.-Ing. Ulrich Esterer GmbH & Co und Mitglied des IHK-Präsidiums. Das Unternehmen stellt Aufbauten für Tankwagen her – zwischen 40 und 50 Prozent des Umsatzes macht dabei das Geschäft mit Tankwagen an Flughäfen aus. „Dieses Geschäft ist auf null gesunken“, sagt Esterer – denn die Flugaktivitäten seien durch Corona auf ein Minimum gesunken. Dennoch hat das Unternehmen investiert und einen elektrifizierten Aufbau entwickelt. Denn: Bei der Betankung – ob auf dem Vorfeld oder beim Befüllen heimischer Öltanks – werde die Pumpe durch den Dieselmotor angetrieben.

Das hat Esterer verändert und auf elektrischen Antrieb umgestellt – inklusive eigener Akku-Entwicklung. Und um das Geschäft anzukurbeln, hat sie heimischen Öl-Lieferanten Testfahrzeuge zur Verfügung gestellt. Für Klein-Zirbes steht fest: „Die Corona-Beschränkungen in den kontaktintensiven Branchen gehen an die Substanz der Unternehmen.“ Umso wichtiger, so der IHK-Hauptgeschäftsführer, sei es, bei kontinuierlich sinkenden Inzidenzzahlen möglichst zügig zu Öffnungen zu kommen.

Von Andreas Schmidt

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