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Marburg Licht und Schatten im heimischen Handwerk
Marburg Licht und Schatten im heimischen Handwerk
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17:51 27.10.2020
Vor allem das Friseurhandwerk hat bisher stark unter der Coronakrise gelitten. Quelle: Angelika Warmuth/dpa
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Kassel

Nach zwei Corona-bedingten schwierigen Quartalen sind die Handwerksbetriebe in Nord-, Ost- und Mittelhessen wieder deutlich zufriedener. „Unsere aktuelle Konjunkturumfrage bei 820 Betrieben zeigt, dass die große Mehrheit der Umfrageteilnehmer die aktuelle Geschäftslage wieder ordentlich einschätzt, allerdings gibt es erhebliche Branchenunterschiede“, so der Präsident der Handwerkskammer Kassel, Heinrich Gringel, zur Herbstumfrage.

Laut der Umfrage gibt es immense Unterschiede in den einzelnen Branchen. So sind die personenbezogenen Dienstleistungsgewerke – also etwa Friseure, Fotografen oder Kosmetiker – von der Corona-Krise weiterhin stark betroffen. Der Geschäftsklimaindex dort liegt bei 88 Punkten – vor einem Jahr lag der Index noch bei 97,3 Punkten.

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Auch das Kfz-Gewerbe hat es laut Umfrageergebnissen schwerer erwischt, als andere Handwerksbranchen: Der Index liegt dort bei 83,9 Zählern – im Vorjahr waren es noch 93,8. Knapp jeder Dritte der Befragten bewertet seine Geschäftslage als schlecht. Der Verkauf von Fahrzeugen sei deutlich gesunken und von hoher Unsicherheit der Kaufabsichten geprägt, heißt es.

Im Baugewerbe „brummt es“

Gut geht es dagegen dem Bauhaupt- und dem Ausbaugewerbe (117,8 beziehungsweise 128,4 Punkte – Vorjahr: 119,9 und 119,3 Zähler), die sich einer sehr lebhaften Nachfrage erfreuen und deren Kapazitätsauslastung wieder Spitzenwerte erreicht hat. Die Gesundheits­hand­werke (113 Punkte, Vorjahr: 131,9 Punkte) konnten sich wieder deutlich erholen, nach dem auch hier die Nachfrage mehr oder weniger zum Erliegen gekommen war. Etwas unter den Vorjahresergebnissen liegen die Bäcker und Fleischer (116 Punkte, Vorjahr: 121,1 Zähler), da immer noch viele Großaufträge fehlen und das Cateringgeschäft heruntergefahren ist. Aber insgesamt herrscht hier wieder mehr Zufriedenheit.

„Nachdem der Geschäftsklimaindex im April auf einen historischen Tiefst­stand von 55,8 Punkten gefallen war, ist er im Berichtsquartal wieder auf 109,2 Punkte geklettert“, erläutert Gringel. Angesichts der „gesamtwirtschaftlichen Talfahrt“ erweise sich das Handwerk somit als krisenfest. „Aber ob das angesichts der aktuellen Corona-Entwicklung so bleibt, muss bei den derzeitigen Entwicklungen bezweifelt werden“, so der Präsident.

Aufschwung ist ein zartes Pflänzchen

Insgesamt 83,1 Prozent der Betriebe sind laut der Konjunkturumfrage mit ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zufrieden. Gegenüber der Frühjahrsumfrage ist das ein Anstieg von 24,6 Prozentpunkten. Aktuell bewerten 44,1 Prozent (Frühjahrsquartal: 24,1 Prozent) ihre derzeitige Geschäftslage mit gut, weitere 39 Prozent (Frühjahr: 34,3 Prozent) mit befriedigend. Die Geschäftserwartungen der Betriebe sind ein wenig verhalten: Knapp jeder fünfte Betriebsinhaber (18,6 Prozent) erwartet zum Jahresende eine Verschlechterung der Lage, 12,4 Prozent eine Verbesserung.

Auch Indikatoren wie Beschäftigungs- oder Umsatzentwicklung sowie Kapazitätsauslastung unterstreichen die wirtschaftliche Erholung. Doch verdeutlichen die Zahlen laut Handwerkskammer, „dass die Stimmung besser als die Lage ist“. Immer noch 28,3 Prozent der Betriebe berichten demnach über Umsatzrückgänge, 19,6 Prozent melden steigende Erlöse. Eine negative Entwicklung gab es bei den Auftragseingängen, was nicht nur jahreszeitlich bedingt sei. Während gut jeder fünfte Betrieb steigende Eingänge verbuche, ging es bei 28,7 Prozent der Befragten wieder bergab. Bei den Investitionen zeigen sich viele Betriebe ebenfalls zurückhaltend, „auch das zeigt die momentane Unsicherheit vieler Betriebe“, so die Kammer.

Betriebsauslastung auf hohem Niveau

Die durchschnittliche Betriebsauslastung bleibt mit 77,8 Prozent auf hohem Niveau, was insbesondere auf das Baugewerbe zurückgeführt werden kann. Im Durchschnitt wartet man derzeit 8,1 Wochen auf einen Handwerker – im Vergleich zum Vorjahr ist das nur ein leichter Rückgang um 0,6 Wochen. Im Ausbaugewerbe müssen die Kunden indes immer noch mehr als zehn Wochen auf einen Handwerker warten.

„Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Monaten wird sein, wie sich das Pandemiegeschehen weiterentwickelt“, sagt Handwerkspräsident Gringel. Die aktuellen Zahlen der Corona-Infizierten stimmten das Handwerk nicht sehr optimistisch. „Auch die Folgen der Corona-Krise dürfte die deutsche Wirtschaft – und damit auch das Handwerk – noch deutlich länger beschäftigen. Leere Staatskassen, steigende Verschuldung der öffentlichen Körperschaften und eine zurückgehende Konsumnachfrage werden nicht absehbare Folgen haben“, ist er sich sicher. Der Boom im Handwerk werde trotz der aktuell günstigeren Entwicklung „mittel- und langfristig wohl keine Fortsetzung erfahren“, so Gringel.

Die Konjunkturumfrage

Vierteljährlich befragt die Handwerkskammer Kassel etwa 820 repräsentativ ausgewählte Betriebe aus Nord-, Ost- und Mittelhessen zur aktuellen Konjunkturentwicklung. Dabei werden sowohl weiche Indikatoren, wie etwa die Geschäftslageneinschätzung, als auch harte Indikatoren wie Auftragseingänge, Umsätze, Beschäftigte oder Investitionen und mehr abgefragt. Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem geometrischen Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen.

Von Andreas Schmidt

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