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Marburg Konjunkturumfrage: Lage gut – Aussicht gedämpft
Marburg Konjunkturumfrage: Lage gut – Aussicht gedämpft
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07:50 27.10.2021
Blick in die Halbleiterfertigung: Durch den derzeit herrschenden Chipmangel kommt es beispielsweise in der Auto-Industrie zu Produktionsstopps – und somit auch zu Ausfällen bei den Zulieferern.
Blick in die Halbleiterfertigung: Durch den derzeit herrschenden Chipmangel kommt es beispielsweise in der Auto-Industrie zu Produktionsstopps – und somit auch zu Ausfällen bei den Zulieferern. Quelle: Daniel Karmann
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18 000 – diese Zahl verdeutlicht den Wahnsinn, dem heimische Unternehmen sich derzeit stellen müssen. Denn: 18 000 US-Dollar kostet derzeit ein 40-Fuß-Container, wie er Standard im Warentransport per Schiff ist. „Diese Container haben vor einiger Zeit noch zwischen 1 600 und 2 000 Dollar gekostet“, sagt Désirée Derin-Holzapfel, frisch gewählte Vizepräsidentin der IHK Kassel-Marburg und Geschäftsführerin der friedola 1888 GmbH.

Das Unternehmen bietet nicht nur kunststoffbasierte Interieur- und Exterieur-Ausstattungen für den Heimtextil-, Sport- und Freizeitmarkt an, sondern agiert auch als Zulieferer für technische Folien und Schäume für die Automobil- und Bauindustrie. Dadurch ist friedola gleich von mehreren Faktoren betroffen, die die Weltwirtschaft derzeit bewegen: Entweder, Rohstoffe sind nicht verfügbar – oder immens im Preis gestiegen. Metalle, Mineralien, Kunststoffe, Holz – alles teure Mangelware. Und dann habe man noch gar nicht über die Chipkrise gesprochen, „wodurch weniger Autos gebaut werden“, so Derin-Holzapfel – und somit auch weniger ihrer Produkte für die Automobil-Industrie benötigt würden. „Gerade in der Industrie, aber zunehmend auch in anderen Branchen wird die Erholung durch Preissteigerungen für Rohstoffe sowie durch Unterbrechungen internationaler Lieferketten oder komplette Lieferausfälle zunehmend gebremst.“

Denn eigentlich geht es der heimischen Wirtschaft im Kammerbezirk wieder gut, wie die aktuelle Herbst-Konjunkturumfrage zeigt. Der IHK-Klimaindex, in dem befragte Unternehmen ihre gegenwärtige und zukünftige Lage beurteilen beziehungsweise einschätzen, stieg über alle Branchen hinweg auf 118 Punkte. „Und somit über den für uns wichtigen Wert von 100 Punkten“, wie Dr. Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg, erläutert. Zum Vergleich: Im Frühsommer hatte der Index noch bei 105,6 Zählern gelegen – und im Vorjahr nur bei 90,5 Punkten.

Einzelhandel und Gastronomie

Selbst die durch Corona-Lockdowns krisengeschüttelten Branchen Einzelhandel und Gastronomie sehen endlich wieder den berühmten Silberstreif am Horizont: Im Einzelhandel steigt der Klimaindex von 83,7 Punkten im Frühsommer auf 105,7 Zähler. Dort beurteilen gut 30 Prozent der befragten Geschäftsleute ihre Lage als „gut“, 54,5 Prozent als „befriedigend“. Und die Mehrzahl – nämlich gute 66 Prozent – erwartet auch ein zukünftig mindestens befriedigendes Geschäft, 15,2 Prozent gar ein gutes.

Noch deutlicher ist der Sprung im Gastgewerbe: Gab es da im Frühsommer „mit 28,1 Punkten noch einen historischen Tiefststand“, so Klein-Zirbes, ist der Klima-Index nun auf 128,9 gestiegen. Das Ende des Lockdowns habe geradezu entfesselnd gewirkt, die Gastronomen berichten zudem von einer guten aktuellen Geschäftslage und erwarten auch in der Zukunft eine weiterhin positive Entwicklung. „Die Menschen holen nun nach, was sie während des Lockdowns vermisst haben“, sagt Klein-Zirbes.

Doch trotz der positiven Geschäfte gibt es auch im Gastgewerbe Probleme: Neben zahlreichen fehlenden Fachkräften und Aushilfen (die OP berichtete) beklagen die Gastronomen eine überbordende Bürokratie. Lukas Frankfurth vom Parkhotel Emstaler Höhe in Bad Emstal-Sand zählt einige davon auf: „Ich bin dafür verantwortlich, dass mein Lieferant die Kühlkette nicht unterbrochen hat. Wenn eines unserer Zimmer für drei Tage nicht benutzt wurde, müssen wir aus Schutz vor Legionellen eine halbe Stunde das heiße Wasser laufen lassen – obwohl wir gar keinen 500-Liter-Wasserspeicher haben, in dem sich die Legionellen vermehren könnten.“ Er fügt hinzu: „Rund 14 Stunden die Woche müssen wir uns bürokratischen Anforderungen stellen. Dabei lässt sich sicher mit einfachen Maßnahmen das Zeitbudget reduzieren.“ Wie stark die Belastung ist, zeige sein ehemaliger Küchenchef. „Der hat gekündigt, weil ihm die Bürokratie zu viel wurde – und lieber bei VW in der Kantine angefangen.“

Wenn die Fachkräfte fehlen

Das Thema Fachkräftemangel zieht sich durch alle Branchen, wie die Konjunkturumfrage zeigt: Mehr als jeder zweite Betrieb gab an, offene Stellen nicht besetzen zu können. Und doch sehen die Unternehmer den Fachkräftemangel nicht mehr als größten Hemmschuh in der Entwicklung. Denn: Zwei von drei befragten Unternehmen sehen in den Energie- und Rohstoffpreisen aktuell das größte Risiko für die Konjunktur.

Stabilisator der Konjunktur bleibt im Kammerbezirk die Industrie mit rund 124 Indexpunkten – auch, wenn der Index im Vergleich zum Frühsommer um drei Punkte zurückgegangen ist. Zusätzlich haben die Investitionen und der Arbeitsmarkt an Schwung gewonnen.

Klein-Zirbes bilanziert: „Besonders erfreulich ist, dass die konjunkturelle Lage sich in nahezu allen Branchen verbessert hat.“ 40,3 Prozent der befragten Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage als gut – nach 32 Prozent im Frühsommer. Rund jedes vierte Unternehmen rechnet mit einer weiteren konjunkturellen Erholung. Aber: 15 Prozent der Betriebe gehen auch von einer Eintrübung der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung aus.

Die weitere Entwicklung der regionalen Konjunktur, so die IHK, hänge nun stark vom weiteren Infektionsgeschehen und der Konsumlaune der Verbraucher kurz vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft ab. Die IHK gehe von einem Wirtschaftswachstum von 2,5 bis 3,0 Prozent für dieses Jahr aus – bei einer Teuerungsrate von knapp über zwei Prozent.

Von Andreas Schmidt

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