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Marburg Dramatischer Einbruch im Handwerk
Marburg Dramatischer Einbruch im Handwerk
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09:06 24.04.2020
Ein Handwerker beim Fliesenlegen. Quelle: Foto: Martin Schutt/zb/dpa
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Marburg

Es war ein langer Höhenflug – doch nun trifft die Corona-Krise das heimische Handwerk hart: Der Geschäftsklimaindex verliert gegenüber dem Vorquartal satte 54,7 Punkte und fällt somit um nahezu 50 Prozent auf 55,8 Zähler. Der Grund dafür: Die Handwerksbetriebe hätten zum Großteil „rabenschwarze Erwartungen“, teilte die Handwerkskammer Kassel mit. Demnach befürchteten in der aktuellen Konjunkturumfrage deutlich mehr als zwei Drittel der Befragten eine weitere Verschlechterung der aktuellen Lage – wohingegen lediglich 5,4 Prozent eine Besserung erwarten. Einen derart starken Einbruch habe es nicht einmal zur Zeit der Finanzkrise gegeben. Ein kleiner Lichtblick sei die Tatsache, dass knapp 60 Prozent der Betriebe ihre aktuelle Geschäftslage als mindestens zufriedenstellend bewerten.

„Die Corona-Pandemie hat das Handwerk in Nord-, Ost- und Mittelhessen schlimmer als befürchtet getroffen. Die aktuelle Lage wird deutlich schlechter bewertet als im Vorquartal und für die kommenden Monate sehen unsere Betriebe ziemlich schwarz. Auch Umsätze und Auftragseingänge sind regelrecht eingebrochen“, so Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel, zur aktuellen Frühjahrsumfrage. Diese fand von Mitte März bis Anfang April statt – also exakt zu dem Zeitpunkt, als die Ausgangsbeschränkungen und weitere Eingriffe wie etwa Geschäftsschließungen einsetzten. „Die umfangreichen Konjunkturpakete sind dagegen im aktuellen Stimmungsbild noch nicht berücksichtigt, diese wurden in vollem Umfang erst ein wenig später auf den Weg gebracht“, so Gringel.

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Handwerk ist dankbar für Konjunkturprogramme

Für diese Konjunkturprogramme sei man vor dem Hintergrund der dramatischen Verschlechterung dankbar, doch lasse sich deren Wirkung derzeit noch nicht absehen, erläuterte der Handwerkspräsident.

Von dem konjunkturellen Einbruch seien alle Handwerksbranchen betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. So seien das Bauhaupt- und das Ausbaugewerbe noch einigermaßen zufrieden, auch wenn es dort zu erheblichen Einschnitten kam, „da gewerbliche, öffentliche und private Nachfrager Aufträge verschieben oder stornieren oder auch Lieferketten ins Stocken geraten“, erläutert Dr. Matthias Joseph von der Öffentlichkeitsarbeit der Handwerkskammer Kassel.

Katastrophal sei die Lage indes in den Kfz-Werkstätten: Der Autohandel ist komplett zusammengebrochen, die Werkstätten werden wenig aufgesucht. Ähnlich stelle sich die Situation in den Gesundheitshandwerken dar: Augenoptiker und Zahntechniker litten durch Corona-Maßnahmen akut, da die Nachfrage mehr oder weniger zum Erliegen gekommen sei. Auch die Bäcker und Fleischer klagen, da Großaufträge an Schulen und Gewerbe fehlen und das komplette Cateringgeschäft auf null heruntergefahren wurde. Das private Dienstleistungsgewerbe – insbesondere Friseure und Kosmetiker – „haben das ganze Ausmaß zum Befragungsende noch nicht ,eingepreist’, denn die Friseure mussten erst später schließen, aber trotzdem wird auch hier von schlimmen Zuständen in den Geschäften berichtet“, so Joseph.

Die harten Konjunkturindikatoren untermauern demnach die Lage: 53,6 Prozent der Befragten berichten über Umsatzrückgänge, bei knapp 60 Prozent gibt es eine negative Entwicklung der Auftragseingänge – und die gelten als wichtigster Frühindikator der konjunkturellen Entwicklung. Die durchschnittliche Betriebsauslastung ist in der Folge um 8,9 Prozentpunkte auf 71 Prozent gesunken. „Und kaum ein Betrieb hat Hoffnung auf Besserung, im Gegenteil: Der Großteil der Befragten erwartet weitere Einbußen bei Umsätzen und Aufträgen“, berichtet Joseph.

Lediglich die Beschäftigungslage habe sich weniger schlimm entwickelt als es die anderen Indikatoren befürchten ließen: Der Beschäftigungssaldo lag bei einem Minus von 9,6 Prozent. Die meisten Betriebe würden also an ihrem Personalstamm festhalten. Das werde jedoch vermutlich nicht so bleiben, wenn der volle Umfang der Corona-Einschnitte in den Betrieben angekommen sei. Und: Für die kommenden drei Monate plane fast ein Drittel der Befragten Personalkürzungen ein, entweder über Kurzarbeit oder durch Entlassungen.

Von Andreas Schmidt

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