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Marburg „Weder die Hamas noch Israels Regierung tragen zur Lösung des Konflikts bei“
Marburg „Weder die Hamas noch Israels Regierung tragen zur Lösung des Konflikts bei“
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20:58 15.05.2021
Ein Panzer des israelischen Militärs ist im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen postiert.
Ein Panzer des israelischen Militärs ist im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen postiert. Quelle: Foto: Ilia Yefimovich
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Marburg

Seit Ende 2008 haben Israel und die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas sich drei Kriege geliefert. Mehr als 2100 Palästinenser und mehr als 70 Israelis wurden 2014 im 50 Tage langen Gaza-Krieg nach Angaben beider Seiten getötet, rund 18 000 Häuser im dicht besiedelten Gazastreifen zerstört oder beschädigt. Seit Tagen eskaliert die ohnehin instabile Lage in Israel wieder: Die Hamas hat tausende Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert, die israelische Armee reagierte mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss auf den Gazastreifen. In dem Gebiet, das etwas größer ist als Bremen, leben etwa zwei Millionen Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 18 Jahren (zum Vergleich: In Deutschland liegt er bei 44,5 Jahren).

Der Marburger Islamwissenschaftler Professor Dr. Albrecht Fuess vom Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) der Philipps-Universität Marburg führt die aktuellen Auseinandersetzungen auf eine „beiderseitige Radikalisierung“ zurück. Der Konflikt schwele seit 2014 und er eskaliere, weil „es auf beiden Seiten keine Gesprächsbereitschaft gibt“.

„Der Konflikt wäre meiner Ansicht nach zu lösen, wenn man konstruktiv diskutieren würde und zu Kompromissen bereit wäre“, sagte er gestern der OP. „Nicht alle Palästinenser stehen hinter der Hamas, und nicht alle Israelis stehen hinter der israelischen Regierung.“

Der Gazastreifen stehe unter der Kontrolle der Hamas, die Zivilbevölkerung komme bei der Auseinandersetzung unter die Räder. Denn die Grenzen seien dicht, es sei fast unmöglich hinaus- und hineinzukommen.

Inzwischen hat der kriegerische Konflikt zwischen dem israelischen Militär und den Hamas-Milizen das israelische Kernland selbst erreicht. „Ich verurteile die Raketenangriffe auf Israel, das Existenzrecht Israels ist nicht antastbar“, sagte Professor Fuess. Er sieht aber auch die Nöte der Palästinenser, deren Gebiete durch die israelische Siedlungspolitik beschnitten würden. „Es wäre schön, wenn der Konflikt enden würde, weil man den Sinn nicht versteht. Alle müssen an den Verhandlungstisch. Man müsste einen Prozess der Versöhnung angehen. Weder die Hamas noch die israelische Regierung tragen im Moment zur Lösung bei“, sagte er.

Unterdessen nehmen in Deutschland anti-israelische Demonstrationen zu – vor allem in Großstädten. Die jüdischen Gemeinden fordern Schutz. Auswirkungen des Konflikts auch auf Marburg erwartet Professor Fuess jedoch nicht. „Ich bin dankbar, dass sich die Marburger Verantwortlichen der jüdischen und der islamischen Gemeinde schon seit Jahren zusammengetan haben, um solche Konflikte hier nicht aufkommen zu lassen.“

Islamische Gemeinde „ist sehr bedrückt“

Professor Dr. Bilal Farouk El-Zayat, der Vorsitzende der islamischen Gemeinde in Marburg, berichtet vom Freitagsgebet, in dem viele Gemeindemitglieder bedrückt waren und entsetzt waren vom Schicksal der Menschen im aktuellen Nahost-Konflikt. „Gemeindemitglieder mit Familien im Gazastreifen haben Angst um das Leben ihrer Angehörigen, einige haben auch schon Angehörige verloren“, sagt El-Zayat der OP. „Die Gemeinde ist sehr bedrückt.“

Gerade zum Ende des Ramadan und vor den jüdischen Feiertagen schockiere die Eskalation von Gewalt besonders. „Sie trifft auf beiden Seiten Unschuldige zwischen den Fronten“, sagt El-Zayat. Er betont, dass die Islamische Gemeinde Marburg an der Seite aller zivilen Opfer steht. Ihrer wurde im Freitagsgebet gedacht. „Die Bilder der vergangenen Woche von israelischen Soldaten, die betende, muslimische Gläubige im drittgrößten Heiligtum der Muslime der Al-Aqsa Moschee mit Blendgranaten und Gummigeschossen beschießen, sind mehr als verstörend“, sagt er.

Diese Feststellung habe nichts mit Antisemitismus zu tun, aber Kritik am Handeln des israelischen Staates müsse erlaubt sein. Ihm ist auch wichtig, dass „unser gutes Verhältnis zu unseren jüdischen Mitbürgern von den Ereignissen im Nahen Osten unberührt bleibt.“ Und er verurteilt alle antisemitischen Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen der letzten Tage in Deutschland und anderswo. „Wir müssen aufpassen, dass wir diesen politischen Konflikt nicht nach Deutschland und zwischen unsere Religionen holen“, so El-Zayat. Er wünscht sich, dass ein gutes Zusammenleben zwischen den Religionen in Zukunft auch im Nahen Osten möglich sein wird. So wie es seine Heimatstadt Marburg bereits vorlebt.

Von Uwe Badouin

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