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Marburg „Wir haben nichts zu verlieren“
Marburg „Wir haben nichts zu verlieren“
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09:57 20.02.2021
Die Kölner Band Gong Wah: Schlagzeuger Nima Davari (von links), Gitarrist Felix Will, Sängerin Inga Nelke, der aus Marburg kommende Bassist Giso Simon und Gitarrist Thorsten Dohle 
Die Kölner Band Gong Wah: Schlagzeuger Nima Davari (von links), Gitarrist Felix Will, Sängerin Inga Nelke, der aus Marburg kommende Bassist Giso Simon und Gitarrist Thorsten Dohle  Quelle: Foto: Saba Moghadami
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Köln

Fuzz Wave nennen sie ihre Musik. Den Bass spielt ein Marburger: Giso Simon. Die OP sprach mit dem Gitarristen Thorsten Dohle und Sängerin Inga Nelke.

Warum nennen Sie sich Gong Wah?

Thorsten Dohle: Wenn ich durch die Stadt laufe und die Umgebung aufnehme, finde ich eigentlich immer Inspirationen für Song-Titel und Texte, Album-Cover oder Band-Namen. Habe einen China-Imbiss gesehen, der hieß King Wah oder so, ich dachte sofort: klingt wie ne Band. King durch Gong ersetzt und fertig! Gong Wah klingt gut, man kann ihn sich, einmal gesehen, sofort merken, und er hat keine tiefere Bedeutung. Und das Tollste ist: Der Name würde in nahezu jedem Genre funktionieren.

Haben Sie Berührungspunkte nach Marburg?

Dohle: Ja. Unser Bassist Giso kommt aus Marburg und wohnt, nach ein paar Jahren in Köln, jetzt auch wieder dort. Ich bin mit meiner alten Band mehrmals in Marburg aufgetreten und habe an die Stadt sehr positive Erinnerungen. Abgesehen davon ist es da total schön, ich kann Giso gut verstehen, dass er wieder dorthin gezogen ist.

Und was bedeutet das Albumcover mit der Frau und dem stechenden Blick?

Dohle: Das Cover ist ein Rätsel. Warum schießt die Frau Strahlen aus ihren Augen? Hat es was mit dem Stein zu tun, den sie auf der Rückseite in der Hand hält? Aber es transportiert auch die Stimmung der Musik ganz gut, wie ich finde. Es ist irgendwie bedrohlich und düster, aber auch hell und voller positiver Kraft, die Figur an sich wirkt schon fast anmutig und schön. Aber eine Interpretation des Ganzen möchten wir lieber dem Zuhörer und Betrachter überlassen.

Inga Nelke: Gong Wah ist Klang!

Die einen sagen leichtsinnig, die anderen nennen es mutig, dass man in einer Corona-Pandemie eine neue Band gründet. Wie sehen Sie es?

Dohle: Die Band gab es ja schon ein Jahr vor der Pandemie. Was die Veröffentlichung des Albums angeht, haben wir uns nicht um Corona geschert. Und auf ein Ende der Pandemie zu warten, wurde noch nicht mal angedacht. Hauptsache, das Ding ist raus. Wir haben ja auch nichts zu verlieren. Klar, es wäre von Vorteil, die Platte mit Konzerten bewerben zu können, aber das geht ja aktuell nicht. Aber: Lieber eine Platte veröffentlichen, als gar nix zu machen.

Wie kam es zur Entstehung der Band?

Nelke: Im Grunde knüpft die Entstehung der Band direkt an die Namensgebung an: Thorsten kam eines Tages zu mir und sagte: „Hey, Inga! Würdest du in einer Band spielen wollen, die Gong Wah heißt? Deine Stimme wäre perfekt!“ Und ich so: „Gong Wah? Find ich gut, mach ich mit!“

Dohle: Ursprünglich war geplant, als Duo mit Drum-Machine und so Zeugs aufzutreten. Dann haben wir gedacht, zu dritt macht es mehr Spaß und haben Felix bei einem oder mehreren Bieren ins Konzept mit einbezogen. Gleiche Frage, gleiche Antwort. Lallend und mit großen Plänen haben wir uns verabschiedet und uns ein paar Tage später in einem höhlenartigen Proberaum im Kölner Süden getroffen.

Fuzz Wave beschreiben Sie Ihren Sound. Dieses Genre hat man selten gehört. Shoegaze, New Wave, Punk, Kraut- und Psychodelic-Rock. Klingt nach einem wilden Mix ...

Dohle: Mit Fuzzwave haben wir tatsächlich ganz frech unser eigenes Genre begründet! Da wir ständig gefragt wurden, was wir denn da eigentlich für Musik machen, haben wir überlegt, was unseren Sound ausmacht. Fuzz ist der Sound unserer Gitarren, Wave ist das Kühle, düster-poppige Element in unseren Songs.

Der Start war bei Ihnen vor zwei Jahren sehr außergewöhnlich. Es passierte bei einem Gig. Erzählen Sie mal . . .

Nelke: Nachdem Thorsten, Felix und ich ein paar Monate im Loch gedröhnt, gefrickelt und gerumpelt haben, fragte uns Sergej Sperling, ein guter Freund, Maler und Künstler, ob wir eine Vernissage in seinem Atelier beschallen möchten. Ja klar, machen wir!

Dohle: Ja, wir sind dann hin und haben unser Tapedeck angeschlossen, auf der Kassette die Bass- und Drum-Machine Tracks, zu denen wir dann Gesang und Gitarren live gespielt haben. Ein Riesen Spaß …

Nelke: … bis das Tape auf einmal anfing zu leiern und sehr merkwürdige Klänge von sich gab …

Dohle: … die Älteren von uns können sich bestimmt noch mit Grauen an den Sound erinnern, den ein Tapedeck von sich gibt, wenn es das Band auffrisst…

Nelke: Also haben wir einfach weiter gemacht, nur jetzt halt Freestyle! 20 Minuten Lärm! Geil!

Dohle: Aber bei dem Gig waren auch Giso und Nima da, und als der Krach vorbei war, kamen die beiden zu uns und meinten, sie würden gerne das Tapedeck ersetzen.

Nelke: Ab da waren wir zu fünft.

Es gibt so viele gute Indie-Bands. Was lässt Sie hoffen, dass Sie das nächste große Ding werden? Oder wollen Sie das nicht?

Dohle: Wir würden uns bestimmt nicht dagegen wehren, solange uns künstlerisch keiner in die Suppe spuckt. Aber mal ehrlich, unsere Erwartungen sind sehr realistisch. Wenn sich unsere kleine Auflage verkauft, dann sind wir schon zufrieden.

Aber die vielen guten Kritiken in der Fachpresse lassen uns hoffen, dass wir dieses Ziel erreichen. Wichtiger als die Next-Big-Thing-Frage ist uns, dass wir Spaß an unserer Band haben und die Platten komplett zu unserer Zufriedenheit gestalten, musikalisch wie optisch. Das steht über allem.

Nelke: Wenn sich irgendjemand, den ich nicht kenne, zuhause unsere Platte auflegt, sich freut und dazu tanzt, dann ist das für mich ein Riesen Erfolg!

Gibt es Bands, an denen Sie sich orientieren?

Nelke: Nein! Aber bei uns kommen sehr viele verschiedene Einflüsse zusammen, die in der Summe unseren Sound ergeben.

Dohle: Es wäre auch albern zu sagen: Wir machen jetzt so was wie xy, und dann macht man halt so was wie xy, und nach dem Gig sagt das Publikum: Hey, das klingt ja genau wie xy. Da kann man auch gleich eine Tribute-Band gründen.

„I hate you“ ist ein Beziehungssong. Über wen handelt das Lied und warum ist da dieser große Hass?

Nelke: Wenn du damit eine Liebesbeziehung meinst, dann nein. Da geht es um Leute, die einfach nur toxisch sind und um sich herum nur Ärger verbreiten. Was ich von denen halte, singe ich da. Mehrmals.

Sie sind privat ein Paar. Wie kam das und ist das förderlich in einer Band oder auch mal hinderlich?

Dohle: Wir haben uns vor ein paar Jahren bei einer Aufnahmesession kennengelernt und kurz darauf wurden wir ein Paar. Wir sind quasi schon per se eine Band. Keine Hindernisse, im Gegenteil.

Die Radiolandschaft wird für Bands wie Gong Wah immer schwieriger. Was macht Sie dennoch zuversichtlich?

Nelke: Ich glaube da an die vielen Menschen, die sich wirklich für Musik interessieren und diese gezielt in Sendungen suchen, die nicht diesen ganzen Mainstream-Kram dudeln. Im normalen Formatradio ist für eine Band wie uns natürlich kaum oder kein Platz.

Das Debütalbum wird begeistert aufgenommen. Hätten Sie das gedacht mitten in einer solch schwierigen Zeit?

Dohle: Das es so begeistert aufgenommen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Aber ich glaube auch nicht, dass jemand schreibt: Tolle Platte, aber wegen Corona find ich die jetzt scheiße. Im Gegenteil, ich glaube, es ist eigentlich eine gute Zeit, um neue Musik zu veröffentlichen, die die Leute dann zuhause entdecken und erkunden können. Konzerte sind ja gerade keine gute Quelle.

Es gab früher tolle Kölner Bands wie etwa Supreme Machine, The Pleasure Principle, Violet, King Candy oder Bagdad Babies. Keine hat sich lange gehalten. Keine Angst, dass es Ihnen auch passieren könnte, dass es nicht lange hält?

Nelke: Wer kann schon in die Zukunft schauen? Ich muss leider zugeben, ich kenne die ganzen Bands nicht, ich komme aus dem Norden. Aber vielleicht hat bei denen die Chemie nicht gestimmt. Bei uns stimmt sie.

Wie hat sich die Kölner Musikszene verändert? Gibt es die überhaupt noch?

Dohle: Es gibt immer eine Szene, aber die ist in jedem Viertel, in jeder Generation eine andere.

Nelke: Und eine gesunde Szene lebt von Veränderung.

Wie schlimm ist es für Sie durch Corona? Streaming-Konzerte sind für eine Newcomer-Band keine Option, oder?

Dohle: Leider eher nicht, zum jetzigen Zeitpunkt unserer Karriere wäre der Aufwand wahrscheinlich größer als die Zuschauerzahlen. Im Moment ist es sogar unmöglich, zu fünft in einem Raum zu stehen und zu musizieren. Wir nutzen die Zeit und treffen uns in Schichten, um neue Songs aufzunehmen. Immer nur zwei Haushalte, also maximal zu dritt, Inga und ich wohnen ja zusammen.

Was für Ziele und Träume haben Sie für 2021?

Dohle: Zweites Album, Impfung, Tour.

Die OP verlost drei CDs der Band. Einfach eine Mail mit dem Stichwort „Gong Wah“ an kultur@op-marburg.de schicken – Einsendeschluss ist Freitag, 19. Februar.

Von Reinhard Franke

19.02.2021