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Marburg „Geheilt ins Grab entlassen“
Marburg „Geheilt ins Grab entlassen“
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12:41 23.08.2020
Skelett-Untersuchungen in der Radiologie am UKGM: Die Archäologen Robin Dürr (von links) und Anna-Maria Platz, Radiologe Professor Andreas Mahnken und Urologe Professor Axel Hegele. Foto: Thorsten Richter
Skelett-Untersuchungen in der Radiologie am UKGM: Die Archäologen Robin Dürr (von links) und Anna-Maria Platz, Radiologe Professor Andreas Mahnken und Urologe Professor Axel Hegele. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Patient GER-4730 aus München wird in den Räumen der Marburger Radiologie in die Röhre geschoben, weil er wegen der Diagnose Prostatakrebs eine computertomographische Untersuchung mitmachen muss.

Nachdem Radiologie-Professor Andreas Mahnken alle notwendigen Vorbereitungen getroffen hat, verfolgt er im Kontrollraum, wie der Scan-Vorgang beginnt. „Bitte einatmen und die Luft anhalten! Weiteratmen“, gibt eine freundliche Computerstimme dem Patienten einen Hinweis. Doch der Patient atmet nicht mehr und wird voraussichtlich nie mehr atmen, denn er ist seit mehr als 1.500 Jahren tot.

Bei dem „Patienten GER-4730“ handelt es sich nämlich um die sterblichen Überreste eines ehemaligen römischen Offiziers in Form von Knochen seines Skeletts. Begraben wurde er in einem spätrömischen Gräberfeld im Münchener Vorland bei Gerlingen, gefunden wurde das Skelett im Jahr 2012. Viele Jahrhunderte nach seinem per Radiocarbon-Analyse der Knochen rückdatierten Tod im 4. Jahrhundert nach Chr. geriet er jetzt ins Blickfeld der archäologischen Forschung.

Für seine Doktorarbeit an der Marburger Universität untersucht der Archäologe Robin Dürr besonders den Übergang zwischen der Römerzeit und dem frühen Mittelalter im Voralpengebiet. Ihn interessieren alle Hinweise, die mehr über den Wandel der Gesellschaft in dieser historischen Zeitenwende verraten.

„Patient“ war ein hochrangiger Offizier

Über den Patienten GER-4730 hat Dürr schon einiges herausgefunden. So muss er im Alter zwischen 50 und 60 Jahren verstorben sein. Reste der Grabbeigabe in dem Holzsarg – einer Tierkopfschnalle eines Militärgürtels – deuten darauf hin, dass er ein hochrangiger Offizier des römischen Militärs war, welches damals die nördliche Grenze des Römischen Reichs in Bayern sicherte. Zudem deuten zeitliche Analysen darauf hin, dass er der letzte derer war, der auf dem Friedhof bestattet wurde.

Spannend sind für Dürr die Knochenanalysen unter anderem, um im Nachhinein Todesursachen zu benennen. So ist bei den Skeletten eines jungen und eines älteren Mannes in einem Doppelgrab der Tod durch Schwerthiebe ziemlich zweifelsfrei nachzuweisen.

Wucherung deutete auf Prostatakrebs hin

Hinweise einer Anthropologin der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München auf Besonderheiten in der Knochenstruktur des vor vielen Jahrhunderten verstorbenen Offiziers ließen Robin Dürr besonders aufhorchen: Demnach deutete eine ungewöhnliche Wucherung an einem Beckenknochen aus ihrer Sicht darauf hin, dass „Patient GER-4730“ womöglich einen Prostatatumor hatte und der Krebs auch die Ursache für seinen Tod war.

Der Marburger Archäologe wollte es ganz genau wissen und bat deshalb bei den Medizinern des Uni-Klinikums um Amtshilfe. Radiologie-Professor Mahnken, der schon mehrmals mit den Archäologen des Vor- und Frühgeschichtlichen Seminars kooperiert hat, erklärte sich bereit, die modernen Bildgebungsmethoden seines Fachs zur Verfügung zu stellen. Und mit dem Urologen Professor Axel Hegel war auch ein Spezialist für Prostatakrebs mit anwesend.

Eine nachträgliche Diagnose eines Prostatatumors wäre schon eine medizinhistorische Sensation, machte Hegele kurz vor dem Start der CT-Untersuchung im Gespräch mit der OP deutlich. „Medizinisch beschrieben wurde Prostatakrebs zum ersten Mal im 19. Jahrhundert“, sagte Hegele. Das schließt natürlich nicht aus, dass die Krankheit auch schon in früheren Jahrhunderten Patienten befallen hat. Nur: Diese wurde dann nicht als solche erkannt, es standen auch keine Therapiemöglichkeiten zur Verfügung.

Krebsdiagnose aus der Vergangenheit

Im Fall einer Krebsdiagnose aus der Vergangenheit hätte Archäologie-Doktorand Robin Dürr einige Anschlussfragen: Wie ging eine Gesellschaft mit Krebskranken um, wenn sie die Krankheit gar nicht kannte? Welche Einschränkungen hatten die Erkrankten und wie lange konnten sie überleben?

Bisher gibt es in der Wissenschaft nach Dürrs Angaben nur einige Verdachtsfälle: So vermuteten zwei ungarische Forscher eben die Diagnose Prostatakrebs bei Knochenfunden aus der römischen Zeit, und auch für einen Fall aus der Bronzezeit gab es ähnliche Vermutungen, die aber noch nicht zweifelsfrei bestätigt wurden.

Doch das vergleichsweise gut erhaltene Skelett aus dem Gräberfeld bei München machte Hoffnung auf einen wissenschaftlichen Durchbruch. Insofern war die Spannung groß, als am Mittwoch im Beisein der heimischen Presse Robin Dürr und die Archäologin Anna-Maria Platz die Knochen aus der von München nach Marburg gereisten Kiste holten und die Einzelteile des Mannes aus der Vergangenheit möglichst anatomisch korrekt auf dem CT-Tisch platzierten.

3-D-Animation hilft Wissenschaftlern

Dann wurde es ernst, und nach einigen Anlaufschwierigkeiten sah Professor Mahnken das Ergebnis der Durchleuchtung als 3-D-Animation auf dem Computerbildschirm. Besonders unter die Lupe nahm Mahnken die Stelle am Scharnier zwischen Oberschenkelgelenk und Beckenknochen, die per Augenschein als eine porös verformte Masse durchaus Unregelmäßigkeiten gezeigt hatte. Spannend war es jetzt für den Spezialisten vor allem, ein wenig unter die Knochenoberfläche schauen zu können.

Doch was er nach einigen Vergrößerungen am Bildschirm sowie anhand der Art der Veränderung der Knochendichte sah, ließ ihn schnell feststellen, dass es sich dabei wohl nicht um einen Tumor gehandelt haben kann. Stattdessen waren die Stellen nach Meinung des Experten wohl eher Ergebnisse einer dauerhaften Überlastung sowie eventuell Folgen einer Verletzung, die sich der Offizier durchaus im Laufe seines Lebens im soldatischen Kampf zugezogen haben kann. Und auch eine weitere frühere Verletzung des Mannes entdeckte Mahnken bei der Durchleuchtung: Spuren eines Wadenbeinbruchs, der ebenfalls auf Kampffolgen hindeuten könnte.

Die klare Aussage des Radiologen sorgt nun allerdings dafür, dass weitere Diagnosemethoden wie die Entnahme einer Biopsie aus dem Knochengewebe oder DNA-Untersuchungen erst gar nicht in Angriff genommen werden müssen. Auch die Suche nach möglichen weiteren Stellen ehemaliger Metastasen fällt aus. Für den Archäologen Dürr sind trotzdem auch die jetzt erfolgten Informationen weitere wichtige Details in einem Lernprozess, die immer mehr Puzzleteilchen aus dem bewegten Leben eines Mannes hinzufügen und ihm auch helfen, ein Gesamtbild der Epoche zu formen.

Der Radiologe Andreas Mahnken fasste am Ende der ungewöhnlichen Untersuchung das Ergebnis in einem kurzen Satz zusammen: „Geheilt ins Grab entlassen.“

Von Manfred Hitzeroth

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