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Marburg Jounes Erojo will Rathauschef werden
Marburg Jounes Erojo will Rathauschef werden
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10:50 12.02.2021
Jounes Erojo tritt für die neue Partei Marburg24 als Oberbürgermeisterkandidat an.
Jounes Erojo tritt für die neue Partei Marburg24 als Oberbürgermeisterkandidat an. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Kneipenbesitzer Jounes Erojo aus dem Marburger Stadtteil Weidenhausen könnte eigentlich der klassische Kandidat einer Spaßpartei sein. Allein mit seinem markanten Rastazopf-Bart und seinen extravaganten Outfits sprengt er bei Weitem den Rahmen dessen, was man von einem klassischen Oberbürgermeister-Kandidaten erwartet. Und dann kommt dazu noch der Name seiner im November vergangenen Jahres gegründeten Gruppierung oder jüngsten Partei Marburgs: Sie heißt „Marburg 24, MR-24“. „Ich habe den Namen gewählt, weil ich ein Faible für Zahlen habe“, sagt der ehemalige Physikstudent, der „MR-24“ zusammen mit Rainer Wiegand – Einzelkandidat für die Marburger OB-Wahl 2015 – sowie mit Helmut Wilhelm gegründet hat.

Der Name soll aber auch andeuten, dass sich die hinter „MR-24“ stehenden Mitglieder „24/7“, also rund um die Uhr für Marburg da sein wollen. „Wir wollen uns richtig ins Zeug legen“, erklärt Erojo im Gespräch mit der OP und das nicht mit einem Augenzwinkern. Und ein Blick in das Parteiprogramm zeigt keine Nonsense-Forderungen, wie sie beispielsweise die klassische Spaßpartei „Die Partei“ noch im vorigen Marburger Wahlkampf gestellt hat.

Stattdessen findet sich vor allem eine Ansammlung von verkehrs- und stadtentwicklungspolitischen Ideen und Forderungen, die sich durchaus schon in den Parteiprogrammen aller im Stadtparlament vertretenen Parteien befinden könnten oder bereits befunden haben. Das reicht vom Klassiker der Forderung nach einem 50-Meter-Becken im städtischen Freibad Aquamar bis hin zur Verkehrsberuhigung der Bahnhofstraße. Auch Maßnahmen gegen Kinderarmut wie ein kostenloser ÖPNV für alle Kinder und Jugendliche stehen im Programm.

Der in Abadan (Iran) geborene, aber in Marburg aufgewachsene 43-jährige Jounes Erojo erklärt im Gespräch mit der OP, wieso er trotz derzeit acht in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien und Gruppierungen nun auf eine ganz neue politische Initiative setzt. Es gebe einige Forderungen von Marburger Parteien, die er als Wähler für durchaus sinnvoll angesehen habe. Dazu zählt er beispielsweise die Idee der „Marburger Linken“, die Mieten zu senken. Aber passiert sei in den meisten Fällen nie etwas.

„Wir haben uns jetzt zusammengesetzt und hatten dann eigene Thesen, was man besser machen sollte“, erzählt Erojo. „Und wieso sollen wir immer nur fordern?“, fragt er. Auf der 15 Personen umfassenden Liste von „MR-24“ finden sich jetzt noch „Freunde und Bekannte sowie Bekannte von Freunden und Bekannten“, so der OB-Kandidat.

Klein Venedig II an der Lahn

Ein Erholungs- und Baugebiet an der Lahn zwischen Schützenpfuhlbrücke und Südspange als Marburger Klein Venedig II ist ein Kernpunkt der Ideensammlung. Es könnte „MR-24“ zufolge ein Mischgebiet aus Erholung sowie sozialem und privatem Wohnungsbau entstehen, mit Highlights wie Hausbooten, dem Wiederaufbau des Wirtshauses an der Lahn, einem Hochhaus als Rundbau als Pendant zum Affenfelsen sowie einem Bauernhof mit Streichelzoo und einem fest installierten Riesenrad.

Eine andere Idee ist der Technologie- und Wissenschaftspark Lahnberge. Dort könnten im Uni-Umfeld Wohnungen, Geschäfte, Gaststätten und Start-up-Unternehmen ihren Sitz bekommen. Eine Forderung, die grundsätzlich so ähnlich auch im Programm der OB-Kandidatin Andrea Suntheim-Pichler (Bürger für Marburg) zu finden ist. Und auch der von der CDU jetzt wieder aufs Tapet gebrachte Behring-Tunnel findet sich im Programm von „MR-24“, verbunden mit der Idee für die damit verbundenen Planungen, Elon Musk und seine Tunnelbaufirma nach Marburg einzuladen.

Grundsätzlich wird Jounes Erojo, als die Sprache auf Verkehrspolitik kommt: „Der Marburger Verkehr ist seit Jahren ein Chaos“, meint er und würde es gerne als Oberbürgermeister besser machen.

Doch bei allem Ernst in den politischen Forderungen kommt der Spaß bei Erojo trotzdem nicht zu kurz. So befindet sich das Wahlkampf-Hauptquartier in der von ihm seit einigen Jahren geleiteten Raucherkneipe mit dem malerischen Namen Höllentor, dem ehemaligen Blues in der Weidenhäuser Straße. Seit November ist es coronabedingt dicht. Das knallbunte und zugleich düstere Ambiente der Kneipe mit jeder Menge gruseliger Accessoires ist fast schon ein Unikat.

Und dort stand Erojo in der Vor-Corona-Zeit regelmäßig bis in den frühen Morgen hinter dem Tresen. „Hier lernt man die Menschen kennen“, sagt der Barkeeper, der bereits seit 1999 in der Gastronomie-Szene aktiv war und eigenen Angaben nach Erfahrungen vom „Alten Ritter“ in Marburg bis zum „Adlon“ in Berlin gesammelt hat. Zuvor hatte er erst sein Abitur an der Elisabethschule gemacht und nach einem Aufenthalt in den USA dann mit dem Physikstudium begonnen, bis er dann doch auf die Karriere im Gastgewerbe umschwenkte.

Zum in der Schule geäußerten Berufswunsch Astronaut wird es Erojo wohl nicht mehr schaffen. Und Oberbürgermeister? „Wenn jeder denken würde, ich schaffe das nicht, dann würden wir gar nichts schaffen“, meint Erojo und lässt dabei offen, für wie realistisch er seine OB-Kandidatur hält.

Von Manfred Hitzeroth

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