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Marburg UKGM sieht keinen Pflegenotstand
Marburg UKGM sieht keinen Pflegenotstand
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18:00 21.11.2019
Rund um die angespannte Pflegesituation am UKGM gibt es weiter heftige Diskussionen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben will – aus Angst, ihren Job zu verlieren – berichtet von „katastrophalen und fast regelmäßig patientengefährdenden Zuständen“ im UKGM Marburg, „vor allem im kardiologischen Bereich“.

Auf den Intensivstationen seien Überlastungsanzeigen an der Tagesordnung, man müsse dort bei einer regelmäßigen Unterbesetzung „mit Rufbereitschaft leben“, nur mithilfe von externen Kräften könnten Stationen am Laufen gehalten werden. Auf einigen Normalstationen seien „endlich Zimmer gesperrt“ worden, so die Insiderin.

Ignoriert Geschäftsführung die Personalgrenzen?

Ein anderer Mitarbeiter behauptet gegenüber der OP: „Gemäß der seit 1. Januar bestehenden Personaluntergrenze dürfte kaum eine Intensivstation alle vorhandenen Betten belegen, da der Personalschlüssel nicht eingehalten werden kann. Diese Tatsache wird jedoch seitens der Geschäftsführung ignoriert­ und es wird angeordnet, dass unabhängig der Personalstärke­ die Stationen voll zu belegen sind.“

Der erwähnte Pool für Intensivstationen und IMC-Bereiche verfüge über eine Anzahl von Mitarbeitern, „die den Stationen bei einer Anforderung nicht mal das Erscheinen einer zusätzlichen Kraft garantieren kann. Aber es ist schön zu lesen, dass wir in Marburg keinen Pflegenotstand haben.“

Für die Gewerkschaft Verdi ist indes klar: „Der Pflegenotstand am UKGM ist die Konsequenz der Privatisierung. Wenn ein komplettes Universitätsklinikum ohne jegliche öffentlichen Investitionsmittel, wie sie alle anderen Universitätsklinika erhalten, betrieben wird und zusätzlich noch Gewinne für Aktionäre erwirtschaften soll, sind Einsparungen beim Personal die logische Folge“, so Fabian­ Dzewas-Rehm, zuständiger ­Gewerkschaftssekretär. Die Privatisierung sei aus Verdi-Sicht ­„eine Gefahr für Patienten und Beschäftigte“.

Verantwortung für Beschäftigte und Patienten wahrnehmen

Das Land Hessen müsse sich aus Sicht von Verdi positionieren und seiner politischen ­Verantwortung nachkommen. Wenn das Land nicht bereit sei, das UKGM wieder in die öffentliche Trägerschaft zurück zu überführen, dann müsse es zumindest seine Verantwortung für Beschäftigte und Patienten wahrnehmen – also „künftig auch öffentliche Investitionsmittel für das UKGM zu zahlen – im Gegenzug zu Mindestpersonalbesetzungen in allen Arbeitsbereichen und Tarifentgelten in Höhe des für öffentliche Kliniken geltenden Tarifvertrages“.

Aktuell fänden Tarifverhandlungen für die rund 7.000 nicht-wissenschaftlichen Beschäftigten des UKGM statt. Für die Beschäftigten in der Pflege gebe es bereits Fortschritte, in den anderen Berufsfeldern werde weiter verhandelt.

Verdi fordert Gehalt wie im öffentlichen Dienst

Verdi fordert, für die Beschäftigten des UKGM gleiche Entgelte wie in öffentlichen Kliniken zu zahlen. Dr. Gunther K. Weiß, Vorsitzender der Geschäftsführung des UKGM, sagt indes: „Alle deutschen Krankenhäuser befinden sich derzeit in einer extrem schwierigen Situation, da aufgrund der neuen Pflegepersonaluntergrenzen und weiterer gesetzlicher Änderungen­ ab Januar 2020 Pflegekräfte stark nachgefragt sind und sich der Wettbewerb unter den Kliniken – unter anderem durch Abwerbeprämien – enorm verschärft hat.“

Daher empfehle er allen Beteiligten „ein besonnenes Vorgehen. Wir beteiligen uns als UKGM nicht an derartigen Abwerbekampagnen für Pflegekräfte. Mit solchen Prämien schädigen sich Kliniken aus unserer Sicht nur gegenseitig und am Ende ist niemandem geholfen“.

Mehr Ausbildung, mehr Angebote zum Wiedereinstieg in den Pflegeberuf, bessere Bedingungen in der Pflege – das seien für die Geschäftsführung „die Leitideen, an denen wir uns als Universitätsklinikum orientieren“.

Weder Stations- noch Bettenschließungen

In Marburg gebe es derzeit weder Stations- noch Bettenschließungen. Und auch die Überlastungsanzeigen seien seit dem Jahr 2018 rückläufig, so das UKGM – ohne Zahlen zu nennen.

„Wenn Überlastungsanzeigen gestellt werden, so beruhen diese meist auf der Tatsache, dass Mitarbeiter kurzfristig erkranken. Aus diesem Grund haben wir Kompensationsinstrumente­ in Form von flexibel einsetzbaren Teams geschaffen, einmal für die Normalpflege und einmal für den Intensiv- und IMC-Bereich“, heißt es vonseiten des Klinikums.

Insgesamt habe das UKGM ausreichend Mitarbeiter auch für die Intensivstationen gewinnen können. Auch dort gelte seit diesem Jahr die Pflegepersonaluntergrenzenverordnung. Kliniken, die die Untergrenzen nicht einhalten, könnten sanktioniert werden.

Flexible Teams sollen Entlastung schaffen

Auf den Intensivstationen seien die Untergrenzen gar übererfüllt worden, so das UKGM. Jeden Morgen werde aufgrund der Versorgungssituation „tagesaktuell entschieden, wie viele Patienten betreut werden können“.

Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische Geschäftsführerin des UKGM Marburg, betont, dass man „sowohl unserem Pflegepersonal als auch unseren Ärzten attraktive Gehalts- und ­Arbeitsbedingungen“ biete – so habe es 2019 für die Pflege zunächst drei und später noch einmal ein Prozent mehr Geld gegeben.

Auch befinde man sich „mit der Gewerkschaft in Tarifverhandlungen zur Eingruppierung und werden diese zeitnah mit einem guten Ergebnis zur Verbesserung von Gehaltsbedingungen abschließen können“.

von Andreas Schmidt

Hintergrund

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz soll Krankenhäuser dazu animieren, neue Pflegekräfte einzustellen. Hierzu werden ab dem Jahr 2020 die Kosten für die Pflege eines Patienten von den regulären medizinischen Behandlungskosten im Krankenhaus getrennt.

Bisher werden Pflegekräfte im Krankenhaus über sogenannte­ Fallpauschalen, welche die Krankenversicherung für die Behandlung ihres Versicherten an das Krankenhaus zahlt, mitvergütet. Da sich die Fallpauschalen jedoch nur an der Erkrankung des Patienten orientieren und den eigentlichen Aufwand für die pflegerische Versorgung nur teilweise widerspiegeln, wird eine krankenhausindividuelle, unabhängige Personalkostenvergütung eingeführt.

Das führt dazu, dass Krankenhäuser verstärkt Pflegekräfte einstellen wollen – auf einem ohnehin bereits recht angespannten und leergefegten Markt.
Daher werben viele Kliniken bundesweit sich gegenseitig Pflegekräfte ab, es werden sogar Kopfprämien in Höhe von mehreren Tausend Euro gezahlt, berichten Insider aus dem ­Gesundheitssektor.

Gemeldet sind indes nur relativ wenige freie Stellen: Stand gestern gab es bei der Arbeitsagentur Marburg 15 Stellenaufträge für dreijährig examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger.