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Marburg Klinikspitze gesteht Fehler ein
Marburg Klinikspitze gesteht Fehler ein
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07:55 24.01.2020
Rhön-Vorstandsvorsitzender Stephan Holzinger (von links), Wissenschaftsministerin Angela Dorn, Medizin-Dekan Professor Helmut Schäfer, Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause, Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, Erster Kreisbeigeordneter Marian  Zachow und Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne während des UKGM-Neujahrsempfangs. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es habe bereits einen ersten Kontakt zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat gegeben, sagte Dr. Gunther K. Weiß, Vorsitzender der Geschäftsführung des UKGM-Standorts Marburg am Dienstagabend auf dem gemeinsamen Neujahrsempfang von UKGM und dem Fachbereich Medizin. Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Demper bestätigte das und gab im Gespräch mit der OP seiner Erwartung Ausdruck, dass man die hohe Zahl von Überlastungsanzeigen schnell abarbeiten könne. Geplant sind offenbar regelmäßige monatliche Treffen zu diesem Thema, ein erstes habe bereits kurzfristig „in sehr konstruktiver Atmosphäre“ stattgefunden, so Demper auf Nachfrage.

Die OP hatte in den vergangenen Tagen erneut über eine Zunahme der Überlastungsanzeigen berichtet und zahlreiche Eingaben von Mitarbeitern zitiert.

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Auch in einem Treffen zwischen der UKGM-Führung und dem Wissenschaftsausschuss des Hessischen Landtags am Freitag ging es um die Überlastungsanzeigen und die Situation in der Pflege, aber auch um die Finanzierung der Universitätsmedizin. Teilnehmer berichten von einer „großen Offenheit“ der UKGM-Vertreter, die man so lange nicht mehr erlebt habe.

Die Tarifeinigung zwischen UKGM und der Gewerkschaft Verdi mag zu der friedlichen Stimmung am Dienstag beigetragen haben. Die beinhaltet eine durchschnittliche Lohnerhöhung von vier Prozent und eine überdurchschnittliche Erhöhung für die unteren Lohngruppen – der Abstand zu den Beschäftigten in öffentlichen Krankenhäusern wird geringer.

Weiß gestand in seiner Rede, auch er habe in der Frage der Beurteilung der Pflege Fehler gemacht und trug so zu der guten Gesamtstimmung bei – redete aber auch Klartext: Der „selbstgemachte Pflegenotstand“, der sich in einer zu hohen Anzahl von Krankenhäusern äußere, werde nicht dazu führen, dass das UKGM in einen Bieterwettstreit um Pflegekräfte eintrete.

Und die kaufmännische Geschäftsführerin Dr. Silvia Heinis nutzte ihre Redezeit, um ihre Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern zu betonen. Sie berichtete von Übergriffen auf Klinikpersonal, „Mitarbeiter werden verletzt, getreten, bespuckt“. Es mangele vielfach an Respekt.

Der ärztliche Direktor des Standorts, Professor Dr. Harald Renz, gestand zu, dass die „dramatische Umbruchzeit im Krankenhauswesen“ verständlicherweise zu „Unsicherheit, zum Teil Unzufriedenheit“ bei den Mitarbeitern geführt habe. Die „veröffentlichte Meinung“ rücke aber die negativen Dinge in den Vordergrund, und das werde den Leistungen der Universitätsmedizin nicht gerecht. Denn, so Renz: Das UKGM sei die Nahtstelle von Forschung an und für Patienten.

Letztendlich brauchen aber Rhön-Konzern und UKGM mehr Geld. Erneut angesprochen wurde der Investitionskostenzuschuss des Landes, auf den der Rhön-Konzern bei der Privatisierung 2005 ausdrücklich verzichtet habe. Dadurch gingen dem UKGM jährlich 30 bis 35 Millionen Euro verloren, sagte Renz, insgesamt 500 Millionen Euro.

Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen), in ihren Zeiten als Abgeordnete klare Gegnerin der Privatisierung, will die Diskussion über die Rechtsform – privat versus öffentlich-rechtlich – nicht mehr führen: „Ich habe ­eine Meinung dazu, aber meine Verantwortung ist eine andere“, sagte Dorn.

Sie sagte zu, mit Rhön auch über Investitionsförderung zu reden. Und sie ergänzte, die Universitätsmedizin müsse anders finanziert werden. „Ein Universitätsklinikum ist mehr als ein normales Krankenhaus“, sagte Dorn, die eine Reform der Finanzierung der Universitätsmedizin durch den Bund forderte – nötig sei ein Systemzuschlag. Damit stieß sie beim Publikum auf offene Ohren.

Schließlich, so formulierte es Renz, betreibe das UKGM die Universitätsmedizin für die Menschen und mit den Menschen – in Marburg komme die Regionalisierung der Universitätsmedizin hinzu, will heißen die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern der Umgebung, etwa in Biedenkopf oder in Schwalmstadt.

Investitionszuschüsse, Neuregelung der Finanzierung von Universitätsklinika, Trennungsrechnung: Egal woher öffentliches Geld fürs UKGM kommt, die Klinik muss jedes Jahr allein 37 Millionen Euro an Zinsen und Abschreibungen zusätzlich zu den rund 40 Millionen Euro Überschuss erwirtschaften.

Viele von denen, die am Dienstag auf diese Tatsache hinwiesen, sehen offenbar auch deswegen die Privatisierung nicht mehr in so positivem Licht wie 2005.

von Till Conrad