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Marburg Ein teures Risiko für Jannik Schestag
Marburg Ein teures Risiko für Jannik Schestag
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17:58 11.06.2019
Jannik Schestag erwartet für die von ihm organisierte Klima-Demo in Aachen zwischen 15.000 und 20.000 Menschen. Quelle: Tobias Kunz
Marburg

Seit fast zwei Wochen tourt Jannik Schestag durch Europa. Jeden Tag besucht er eine andere Stadt. An einem Abend mobilisiert er Menschen in Prag, anderntags Jugendliche in Wien. Der 24-jährige Informatikstudent investiert momentan viel Zeit und Geld, denn er hat sich einer Sache vollends verschrieben: der „Fridays for Future“-­Bewegung.

Der Klimaschutz ist Schestags Kernthema. Schon als Kind habe er versucht, weniger Strom zu verbrauchen, sagt er. Schestag ist Mitglied in der Marburger „Fridays for Future“-­Ortsgruppe und bei Greenpeace. Mit sechs Jahren wurde er Vegetarier, seit zwei Jahren lebt er vegan. Im Winter zieht er lieber einen Pullover an, anstatt die Heizung ­anzumachen, sagt er.

Dass es das Klima zu schützen gilt, haben ihm seine Eltern beigebracht. Seine Familie sei aber weniger „radikal“ als er. Im Gegensatz zu seiner Schwester beispielsweise kann Schestag es „nicht mehr mit mir selbst vereinbaren, zu fliegen“. Zu seinen Vorträgen reist er mit Bus und Bahn, einen Führerschein besitzt er nicht.

Schestag rechnet mit 20.000 Teilnehmern

Schestag riskiert im Moment einiges. „Ich spiele mit unglaublich viel – auch mit Sympathien innerhalb der Bewegung“, sagt er. Gemeinsam mit vielen anderen hat er den ersten internationalen Klimastreik von „Fridays for Future“ geplant. Am Freitag, 21. Juni, erwartet er 15.000 bis 20.000 Demonstranten in Aachen. Die Polizei rechne mit 50.000. „Das halte ich aber für absurd“, sagt Schestag.

Der 24-Jährige ist der Hauptverantwortliche für den Transfer. Es sollen Teilnehmer aus 16 EU-Ländern kommen. Auf Schestags Idee hin wird es Sonderzüge geben. Er plant zurzeit die Routen – und trägt fast das gesamte Risiko. Ein Sonderzug koste etwa 50.000 Euro. Geplant sind derzeit drei: Einer soll an der deutsch-österreichischen Grenze, einer in Tschechien und einer in der Schweiz starten. Für den letztgenannten haften Schestags Schweizer Kollegen. Für ihn bleiben aber noch zwei.

Schestag weiß, was auf dem Spiel steht, „wenn es in die ­Hose geht“. Dann muss er für die knapp 100.000 Euro haften. „Ich halte meinen Kopf hin, weil ich daran glaube“, sagt Schestag. Der Plan: Wenn der Klimastreik in Aachen läuft wie geplant, gibt es einen enormen Schub für die Bewegung.

Tagesausflug zur Tagebaukante

Für Hessen war ebenfalls ein Sonderzug vorgesehen, den musste Schestag aber am Donnerstag absagen, weil sich zu wenige Menschen angemeldet hatten. Das hat nicht jedem gefallen. Seine Kollegen in Frankfurt beispielsweise habe das aufgebracht. Sie soll jetzt der Zug aus Süddeutschland in der Mainmetropole einsammeln. Dort können auch Marburger mitfahren – oder aber mit einem Bus direkt aus der Universitätsstadt. 35 Euro kostet ein Ticket für Hin- und Rückfahrt sowie eine Unterkunft. Mehr als 800 Schlafplätze haben die Aktivisten über eine Bettenbörse organisiert. Zudem soll es eine etwa zwölf Fußballfelder große Fläche sowie kleinere Hallen im Umland zum Zelten geben.

Mit 35 Euro pro Kopf ist das alles nicht zu bezahlen. Deshalb suchen die Klimakämpfer noch Spender. Schestag glaubt, dass er auf einem fünfstelligen Betrag sitzenbleiben wird. Das Geld will er durch eine Fundraising-Kampagne im Anschluss auftreiben. Erst einmal soll aber die Demo ein großer Erfolg werden. Denn: „Wir haben die Chance, wirklich viel zu bewegen“, sagt er.

Neben dem Verkehr sei vor allem die Kohle der große Klimagegner, sagt Schestag. Deshalb wollen die Aktivisten am Samstag nach der Demo gemeinsam zu einer Tagebaukante in Nordrhein-Westfalen fahren. Dort sollen Einheimische ihnen von ­ihrem Schicksal erzählen.

Er selbst hat bereits mit einigen Menschen vor Ort gesprochen. Unter anderem mit ­einem Mann, dessen Wohnort weggebaggert wurde. Darunter auch der Friedhof, auf dem seine Frau beerdigt war. Dieses Schicksal blieb Schestag besonders in Erinnerung. Durch den Kohleabbau werde Menschen mit „brachialen Methoden“ ihre Lebenswelt entrissen, sagt er.

  • Informationen zu den Tickets finden Sie unter https://tickets.fridaysforfuture.de/FFF/Aachen/ im Internet. Dort gibt es auch die Möglichkeiten, Geld zu spenden. Wer nicht online überweisen möchte, kann zudem im Weltladen, der Buchhandlung Roter Stern oder dem Unverpacktladen „Kauf‘s lose“ in der Biegenstraße Gutscheine erwerben.

von Tobias Kunz