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Marburg Klimakrise: Mit Verboten will niemand agieren
Marburg Klimakrise: Mit Verboten will niemand agieren
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13:58 27.08.2021
„Marburg Zero“ lud ein zur Podiumsdiskussion zum Thema Klima im Stadtverordneten-Sitzungssaal mit Maximilian Peter (Die Linke, im Halbkreis von links), Stephanie Theiss (Grüne), Moderatorin Merle Drusenbaum, Sören Bartol (SPD), Niklas Hannott (FDP) und Dr. Stefan Heck (CDU).
„Marburg Zero“ lud ein zur Podiumsdiskussion zum Thema Klima im Stadtverordneten-Sitzungssaal mit Maximilian Peter (Die Linke, im Halbkreis von links), Stephanie Theiss (Grüne), Moderatorin Merle Drusenbaum, Sören Bartol (SPD), Niklas Hannott (FDP) und Dr. Stefan Heck (CDU). Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

„Marburg Zero“, eine Ortsgruppe der German-Zero-Initiative, will genau wissen, was sie von den maßgeblichen Direktkandidaten zum Bundestag in Sachen Klimaschutz erwarten darf und hatte sie zum Direktvergleich im Marburger Stadtverordnetensaal eingeladen.

Sören Bartol (SPD), der aktuell auch im Bundestag vertreten ist, Dr. Stefan Heck (CDU), der über vier Jahre Bundestagserfahrung verfügt, sowie Stephanie Theiss (Bündnis 90/Die Grünen), Niklas Hannott (FDP) und Maximilian Peter (Die Linke) nahmen entsprechend Stellung. Die Initiative German Zero selbst hatte bereits deutlich gemacht, dass ihr die Politik kein ausreichendes Angebot gemacht hat, und setzt sich nun selbst für ein klimaneutrales Deutschland für 2035 ein. Rund 40 Bürger verfolgten die Debatte. Unter der Gastmoderation von Merle Drusenbaum vom „Kollektiv von morgen“ skizzierten die Kandidaten und die Kandidatin ihre Konzepte zum Thema Klimaschutz. Sie gaben aber auch zu bedenken, dass man politisch in gewisser Weise davon abhängig sei, wie sehr die Bürgerinnen und Bürger mitziehen und einen Umdenkprozess zulassen. Denn über Verbote, da waren sich alle fünf Kandidaten einig, könne man keine Akzeptanz für die notwendigen Veränderungen schaffen. Die Konzepte variierten derweil schon.

Niklas Hannott etwa will ganz auf FDP-Linie den CO2-Zertifikatehandel gestärkt sehen. Die FDP will einen nationalen CO2-Deckel als Obergrenze für die Jahresausstoßmenge. Die Ausstoßmengen könne man dann kaufen oder verkaufen. Der Handel belohne automatisch diejenigen, die CO2 einsparen. So stiegen die Anreize, entsprechende Investitionen in Technologien zu tätigen, die weniger CO2 verursachen. Dr. Stefan Heck setzt auch auf den Erfindergeist, der Deutschland Wohlstand gebracht habe. Gerade das massive Umdenken in der Autoindustrie vom Verbrenner zum E-Auto zeige als Paradebeispiel, was alles möglich gemacht wird. Auf den Kreis bezogen nannte er die vielen positiven Beispiele, die aus Bürgerbewegungen heraus entstanden, etwa die Bio-Energiedörfer. Bund und Land sollen weiterhin Fördergelder für Projekte, die den Klimaschutz stärken, zur Verfügung stellen.

Bartol erinnerte daran, dass es schon klare Ziele gebe, die Realität aber anders aussehe. Reden sei das eine, handeln das andere. Wenn der Ausstieg aus Kohle und Atomkraft in einer ambitionierten Zeitspanne gelingen soll, müssten beschlossene Vorhaben auch verlässlich vorangebracht werden, etwa der Ausbau der Windenergie. Doch gebe es auch viel Widerstand. Ernüchtert müsse er feststellen, dass ausgerechnet in Baden Württemberg, wo ein Grüner Landesvater ist, in diesem Jahr gerade mal 12 Windräder gebaut wurden, hingegen in Brandenburg 70. Das „schwarze Bayern“ drücke sich hingegen, wo es nur könne. Die dort geltenden Abstandsregeln zur nächsten Wohnbebauung machten einen Windkraftausbau nahezu unmöglich. Dann müsse man auch an die Windräder denken, die jetzt schon wieder abgebaut werden müssen. Sie müssten unverzüglich ersetzt werden. Solange die Windkraft ausgebremst werde, könne man auch keinen Kohleausstieg sofort fordern, weil dann die Energieversorgung gefährdet sei.

Peter und Theiss warben auch für den Ausbau der Windenergie. Sehr wohl sehen beide auch die Skepsis in der Bevölkerung. Deshalb plädieren sie dafür, dass Bürger und Kommunen an den Windrädern, die bei ihnen gebaut werden, beteiligt werden. Es könne nicht sein, dass die finanziellen Gewinne aus den Kommunen rausgezogen werden und nur in der Kasse großer Konzerne landen.

Um bis 2045, wie es aktuell vorgesehen ist, wirklich klimaneutral zu werden, bedürfe es viel Arbeit, sagen alle fünf, allein German Zero will es bis 2035 erreichen, um eine Chance zu haben, das Klima noch einmal in den Griff zu bekommen. Darauf angesprochen, was sie nach der Wahl in den ersten 100 Tagen auf den Weg bringen wollen, nannte Heck den massiven Ausbau der Lade-Infrastruktur für E-Autos. Stephanie Theiss möchte den Haushalt noch einmal aufmachen, um ihn zu einem echten „Klima-Haushalt“ umzugestalten.

Sören Bartol sind die ersten 100 Tage weniger wichtig als ein gut ausgehandelter Koalitionsvertrag, der die wichtigen Umsetzungen für den Klimaschutz sichert. Maximilian Peter setzt auf die Verkehrswende und einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr. Bis 2030 sollen die Nutzerzahlen verdoppelt werden und niemand aufgrund eines weniger gefüllten Geldbeutels vergessen werden. Mit Blick auf die kommenden Generationen, aber auch die jetzt erlebten Ereignisse wie Dürre, Hitze, Sturm und Starkregen in Deutschland, müsse sich was bewegen, sagten alle fünf. „Sonst ist in letzter Konsequenz auch der soziale Frieden in Gefahr, fügte Bartol an.

Viele Zuhörer zeigten Sympathie mit den Zielen von German Zero und hoffen darauf, dass doch mehr auf 2035 hingearbeitet werde. 2045 könne man sich gar nicht mehr leisten. Besucher Axel Erdmann zeigte sich wenig zufrieden. Bei allem Bemühen werde seiner Ansicht nach das „physikalische Kernproblem“ außer Acht gelassen. 200 Jahre ungebremste Verbrennungsprozesse hätten die jetzt immer klarer werdende Situation geschaffen. Um gegenzusteuern, müssten eigentlich jetzt alle fossilen Verbrennungsprozesse eingestellt werden.

Von Götz Schaub