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Marburg Mit Bio ist auch nicht alles super
Marburg Mit Bio ist auch nicht alles super
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00:17 02.06.2019
Innen Bio, außen Plastik: Darauf muss man erst mal kommen. Quelle: Friederike Heitz
Marburg

Ich bin kein Greenpeace-Mitglied, grille mir hin und wieder sogar ein Steak. Aber wenn möglich, kaufe ich Obst, Fleisch und Co. aus ökologischer Landwirtschaft. Der Umwelt zuliebe und wegen der Tierhaltung. Und natürlich esse ich lieber Äpfel ohne Pestizidrückstände.

In Deutschland sehen das immer mehr Leute so. Die Bio-Branche wächst von Jahr zu Jahr. Von einem Bio-Boom zu sprechen, wäre zwar übertrieben. Denn nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft machen Bio-Produkte lediglich 5,1 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus (Stand: 2016). Und doch gibt es Bio inzwischen nicht nur in Naturkostläden, sondern längst auch in Supermärkten und Discountern.

Ein Beispiel ist der Tegut in Cappel. Bei vielen Obst- und Gemüsesorten habe ich hier die Wahl: Bio oder nicht Bio. Sticker kleben aber nur auf den Öko-Äpfeln. Und es ist nur das Bio-Suppengemüse, das nochmal in Folie verpackt ist, das konventionelle gibt es ohne.

Dass das absurd scheint, weiß auch Tegut-Sprecherin Anne Biendara. Doch hat sie Argumente für das Supermarkt-Phänomen „Bio in Plastik“. Kunden müssten auf einen Blick zwischen Bio und Nicht-Bio unterscheiden können, sagt sie. Dazu sei Tegut per Gesetz verpflichtet. „Da derzeit noch wesentlich mehr konventionelle als Bio-Produkte gekauft werden, kennzeichnen wir in der Regel die Bio-Produkte, um so die Gesamtverpackungsmenge gering zu halten.”

Tipps für Klimaretter

Kein Auto fahren, keine Flugreisen machen, kein Fleisch essen – mit diesen drei Maßnahmen lässt sich der eigene CO₂-Ausstoß um einige Tonnen pro Jahr verringern. Beim klimafreundlichen Lebensmittel-Einkauf geht es im Vergleich dazu um Kleckerbeträge. Das Bundesumweltministerium rät beispielsweise: Bio essen (spart laut Umweltbundesamt etwa 100 Kilo CO₂), regionale und saisonale Lebensmittel kaufen (260), keine Lebensmittel wegwerfen (spart laut Recherchen des Magazins Fluter 370 Kilo). Anders gesagt: Bio einkaufen und dann guten Klimagewissens zwei Mal im Jahr nach Mallorca fliegen (verursacht laut Non-Profit-Organisation Atmosfair gut 1.100 CO₂) – die Rechnung geht leider nicht auf.

Bio in Plastik ist also Teil einer Müllvermeidungs-Strategie. Mich bringt es beim Einkauf in ein Dilemma. Macht das Plastik den Umweltnutzen zunichte, den ich mir vom Öko-Gemüse verspreche? Und was ist jetzt unterm Strich besser fürs Klima: das Bio-Suppengemüse mit Plastik oder das konventionelle ohne? Tegut bleibt mir in diesem Punkt eine Antwort schuldig. „Das bedürfte einer wissenschaftlichen Untersuchung”, sagt Anne Biendara.

Man könnte den CO₂-Abdruck beider Produkte berechnen, also die Menge klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO₂), die jeweils ausgestoßen wird bei Erzeugung, Lagerung, Transport, Verpackung und so weiter. Da sehr viele Faktoren eine Rolle spielen, wäre die Berechnung allerdings sehr aufwendig.

Derzeit ist sich die Wissenschaft nicht mal darin einig, dass Bio ohne Plastik besser fürs Klima ist als konventionell. Die einen sagen: Um die gleiche Menge Nahrungsmittel zu erzeugen, verbraucht der Öko-Landbau weniger Energie als die konventionelle Landwirtschaft, beispielsweise wegen des Verzichts auf energieintensiven Mineraldünger, welcher der konventionellen Landwirtschaft die Klimabilanz verhagelt.

Die anderen argumentieren: Für die Produktion von Bio-Lebensmitteln wird mehr Fläche benötigt. Und jede Fläche, die nicht landwirtschaftlich genutzt wird, könnte ein Wald sein, der CO₂ speichert. Das Bundeszentrum für Ernährung sieht Bio derzeit etwas vorn. „Bio-Obst und Bio-Gemüse sind im Vergleich zu den konventionell angebauten Sorten oft die klimafreundlichere Varianten”, informiert das Zentrum.

Plastic Attacs: Verpackungen im Laden lassen

Es rät aber auch: „Lassen Sie Produkte mit zu viel Verpackung links liegen, denn auch dieser Müll verschlechtert die CO₂-Bilanz.” Also, was denn jetzt? Der CO₂-Rechner des Umweltbundesamt fasst das Problem in Zahlen zusammen. Wer hauptsächlich Bio isst, kann demnach gut 100 Kilo CO₂ im Jahr einsparen. Um exakt die gleiche Menge kann ich meine Klimabilanz aber auch durchs Vermeiden von Plastikverpackungen verbessern.

Es gibt Lösungen für mein Einkaufsdilemma. Plastikfreie Ware bekomme ich zum Beispiel im Bio-Laden, auf dem Wochenmarkt oder in Unverpackt-Läden wie dem „Kauf’s lose“, der demnächst neben der Stadthalle öffnen will. Eine andere Option wäre Druck von unten.

Ich könnte dem Beispiel der belgischen Plastic Attacs folgen und nach dem Bezahlen einfach alle unnötigen Verpackungen aus Protest im Laden zurücklassen, um so Politik und Handel zum Einlenken zu drängen. Anne Biendara macht mir gleichwohl wenig Hoffnung, dass ich in naher Zukunft verpackungsfrei im Tegut einkaufen kann.

Auch weil die Verpackung mitunter dem Nachhaltigkeitsgedanken diene,­ zum Beispiel bei Himbeeren. Da verhindere die Schale, dass die Früchte zerdrückt und weggeworfen werden müssten, erklärt sie mir. Denn nicht nur die Produktion von Plastik kostet Wasser und Energie, sondern auch die von Beeren. Verderben sie, werden Ressourcen verschwendet. 

So machen Sie mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten? Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre Ideen und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen. Per Post an die Oberhessische Presse, Stichwort: Klimaretter, Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine E-Mail an feedback@op-marburg.de

Tegut – wie im Übrigen auch Aldi, Lidl und Co. – arbeitet deshalb nach eigenen Angaben daran, den Plastikanteil bei Verpackungen zu reduzieren. So gibt es die Tegut-Bio-Äpfel jetzt in einer plastikfreien Papierverpackung und die Cranberrys wechseln im Netz statt in Folie den Besitzer. Bei Rewe wiederum tragen die Bio-Süßkartoffeln ein Laser-Logo. Und Aldi versprach, ab April nur noch plastikfreie Gurken zu verkaufen.

Retten wir so das Klima? Vermutlich nicht ganz. 11.600 Kilo­ CO₂ verursacht der Deutsche im Schnitt pro Jahr. Das sind langfristig 10.600 Kilo zu viel, sagt das Umweltbundesamt. Zumindest, wenn wir die Erderwärmung in erträglichen Grenzen halten wollen. Plastikvermeider sparen aber keine 10.000, sondern nur 100 Kilo CO₂ im Jahr. Dasselbe gilt für Bio-Esser.

Selbst ohne das Plastik-Problem rettet mein Bio-Einkauf also wohl keinen einzigen Eisbären. Indirekt verbessert er meine persönliche Klimabilanz aber eben doch ein gutes Stück. Der Grund: Seitdem ich konsequent Bio einkaufe, kommt bei mir viel seltener Fleisch auf den Tisch. Wer mal Bio-Rinderfilet für die ganze Familie gekauft hat, weiß warum. Es ist teuer.

Und anders als beim Thema Bio geht es bei der Fleischfrage um eine große Menge an Treibhausgasen. Wer sich dazu durchringen kann, auf Fleisch zu verzichten, kann gut 1.000 Kilo CO₂ im Jahr sparen. Zugegeben: Dieser Effekt lässt sich auch mit konventionellem Gemüse erreichen.

von Friederike Heitz