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Marburg Was ist eigentlich Klimawandel?
Marburg Was ist eigentlich Klimawandel?
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13:00 17.11.2019
Touristen vor Eisbergen in der Gletscherlagune Jökulsarlon im Süden von Island. Die Erderwärmung führt auch zum Abschmelzen großer Gletscher. Quelle: Owen Humphreys
Marburg

OP: Wie definieren Sie Klima und Klimawandel?

Professor Jörg Bendix: Das Klima eines Ortes wird durch den Mittelwert atmosphärischer Messgrößen wie der Temperatur sowie deren Häufigkeitsverteilung und Extremwerte gekennzeichnet. Zur Ableitung verwendet man 30-jährige Perioden, wie es von der Weltorganisation für Meteorologie WMO in Genf international empfohlen wird (Klimanormalperiode).

Der lange Zeitraum dient dazu, dass man natürliche Jahr-zu-Jahr-Schwankungen der Witterung oder Variabilitäten des täglichen Wetters nicht als Klimawandel fehlinterpretiert. Von Klimawandel spricht man dann, wenn sich Mittelwerte, Verteilungen und Extreme aufeinanderfolgender Normalperioden deutlich verändern.

OP: Viele streiten ab, dass es überhaupt einen Klimawandel gibt.

Bendix: In den Klimawissenschaften ist es unbestritten, dass seit der Industrialisierung ein schnell voranschreitender, vom Menschen beeinflusster Klimawandel stattfindet. Ein grundlegender Mechanismus ist dabei der anthropogene Treibhauseffekt, bei dem durch die vom Menschen emittierten Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) die Wärmestrahlung in der Wetterschicht nahe der Erdoberfläche erhöht wird.

Zwar ist der anthropogene Anteil an CO2-Flüssen gegenüber den natürlichen Flüssen zwischen Erdoberfläche und Atmosphäre vergleichsweise klein, aber er addiert sich eben auf das vorhandene (und recht stabile) natürliche Konzentrationsniveau.

Und die Geschwindigkeit des Anstiegs ist enorm: Vor der Industrialisierung (vor 1750) betrug die atmosphärische CO2 Konzentration etwa 0,028 Volumenprozent, bis heute (Messungen von Mai 2019 am Mauna Loa, Hawaii) ist sie durch zunehmende Emissionen bereits auf 0,0415 Volumenprozent angestiegen.

Der anthropogene Treibhauseffekt ist physikalisch bekannt und schon in 1896 erstmals durch Arrhenius beschrieben. Lange Zeitreihen von Wetterdaten überall auf der Erde und auch aus Hessen zeigen den dadurch ausgelösten Klimawandel an, zum Beispiel in Form einer zunehmenden Erwärmung.

Vor allem die Gruppe der „Klimaleugner“ streitet den menschengemachten Klimawandel ab. Sie versuchen, mit drei Strategien gezielt Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu säen:

Durch nachweislich falsche Aussagen ohne seriöse Quellenangabe, durch aus dem Zusammenhang gerissene und meist fehlerhafte Zitate (selbst des Weltklimarats IPCC), die dann zu falschen Aussagen führen und mit Ausführungen (zum Beispiel Rückbezug auf Zeiten vor 400 Millionen Jahre in der Entstehungsphase der Erde und ihrer Atmosphäre), die für die heutige Diskussion völlig irrelevant sind. Für einen Laien sind diese angeblichen Fakten häufig schwer einzuschätzen und nur durch intensives Nachlesen aufzudecken. Dazu gibt es aber viele seriöse Quellen.

OP: Wie stehen Sie zu dem Ziel, die Erdatmosphäre dürfe sich nur um maximal 2 Grad erwärmen. Ist das nicht viel zu zurückhaltend formuliert?

Bendix: Die Begrenzung der globalen Erwärmung auf eine 2-Grad-Erhöhung würde es uns erlauben, das Klimasystem in einem relativ stabilen Zustand zu halten und die weitere Erwärmung sowie deren Auswirkungen, etwa Überflutungen, Meeresspiegelanstieg, Trockenheit und folgende Wasserknappheit auf ein durch die Menschheit handhabbares Maß zu begrenzen.

Für darüberliegende Erwärmungsraten zeigen die wissenschaftlichen Studien eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Klimasystem in einen für die Menschheit nur noch schwer handhabbaren Zustand umkippen könnte. Schon die 2 Grad sind aber nur mit gemeinsamer Anstrengung der Weltgemeinschaft zu erreichen.

Um zwischen 2033 und 2055 die notwendige, kohlenstoffneutrale Lebensweise realisieren zu können, müssen alle gesellschaftlichen Akteure an einem Strang ziehen. Die Industrieländer stehen hier besonders in der Verantwortung, da sie einerseits für den Großteil der Emissionen seit der Industrialisierung verantwortlich sind und andererseits über das Kapital und die innovativen Technologien verfügen, notwendige Maßnahmen umsetzen zu können.

OP: Wie zuverlässig sind denn überhaupt Klimaprojektionen?

Bendix: Klimaprojektionen, zum Beispiel für das Jahr 2100, werden mit Klimamodellen erstellt, die von den weltweit führenden Zentren der Klimamodellierung entwickelt wurden. Dass die Modelle gut funktionieren wird darin deutlich, dass sie das vergangene Klima im Vergleich zu den physikalischen Messdaten mit sehr guter Genauigkeit wiedergeben können.

Eine Zukunftsprojek­tion mit einem Klimamodell beinhaltet aber immer Unsicherheiten, da dafür bekannt sein muss, wie sich die Menschheit, ihr Verbrauch fossiler Energieträger und damit die Abgabe von Treibhausgasen an die Atmosphäre weiter entwickeln wird.

Um das abzuschätzen, hat der Weltklimarat IPCC verschiedene Szenarien formuliert, wie viel Treibhausgase unter sehr optimistischen Bedingungen (die völlige Umstellung auf eine kohlenstoffneutrale Lebensweise) bis hin zu einer sehr ungünstigen Entwicklung (weiterhin starkes Bevölkerungswachstum mit alleiniger Nutzung fossiler Energien) freigesetzt werden.

Die Ergebnisse aller Modelle werden jeweils zu einem Mittelwert und den Unsicherheitsbereichen verrechnet und zeigen ein eindeutiges Bild: Im ungünstigsten Szenario wird sich die mittlere Temperatur der Erde bis 2100 um 4 Grad erhöhen.

OP: Es gibt aber wichtige Klimafaktoren, die vom Menschen nicht beeinflussbar sind?

Bendix: Das ist zum Beispiel die Sonne als Energielieferant unseres Erdsystems, ohne die das Leben auf der Erde nicht möglich wäre. Ihre Strahlungsleistung ist zwar variabel, aber diese Variabilität ist in den kurzen, für den derzeitigen schnellen Klimawandel relevanten Zeitperioden so gering, dass sie für die rezente Klimaentwicklung keine bedeutende Rolle spielt.

Viele andere Klimafaktoren, die von Klimaleugnern als nicht beeinflusst dargestellt werden, sind es aber. Die Ozeane werden beispielsweise bereits durch den Klimawandel beeinträchtigt. Der Meeresspiegel steigt durch thermische Expansion (= Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung) und (bisher noch in geringerem Maße) durch das Abschmelzen insbesondere der polaren Festlandseisschilde (Grönland, Westantarktis).

Eine höhere Wassertemperatur bedeutet gleichzeitig einen Rückgang der Löslichkeit für das Treibhausgas CO2 und damit einen weiteren Anstieg in der Atmosphäre. Hier zeigen sich also negative Rückkopplungen, die den Klimawandel noch beschleunigen können.

OP: Die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA hat schon Entwarnung gefunkt und das Ende der gegenwärtigen Warmzeit ausgerufen.

Bendix: Ein gutes Beispiel für ein Falschzitat der Klimaleugner. Nach den mir vorliegenden Unterlagen hat die NASA das so nicht gesagt sondern es sind wie so häufig Aussagen in den falschen Zusammenhang gestellt worden.

Es wird von NASA-Wissenschaftlern darauf hingewiesen, dass sich die langfristigen solaren Zyklen – wir reden hier von den Milankovitch-Zyklen mit Phasen von 41.000 Jahren und mehr – auf die Temperatur der Erde auswirken. Das ist völlig unbestritten und als ein Mechanismus für den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten diskutiert. Für die Frage des beschleunigten anthropogenen Klimawandels der letzten 250 Jahre ist die betrachtete Zeitskala aber absolut nicht relevant.

von Till Conrad