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Marburg Spaziergänge und Komplimente
Marburg Spaziergänge und Komplimente
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09:58 15.03.2021
In vielen Ecken stecken Dinge, die wir nicht nutzen.
In vielen Ecken stecken Dinge, die wir nicht nutzen. Quelle: Foto: Bodo Marks/dpa
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Marburg

Die Klimafastenaktion „Soviel du brauchst...“ der evangelischen Kirchen in Deutschland geht in die fünfte Woche. In den kommenden Tagen wird es um das Thema „Einfaches Leben“ gehen, und zwar nicht im Sinne Oscar Wildes, der diesen Satz gesagt haben soll: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack – ich bin stets mit dem Besten zufrieden.“ Doch was ist im Zusammenhang mit einer Fastenaktion wirklich mit einfachem Leben gemeint? Die Organisatoren von „So viel du brauchst...“ schlagen zum Beispiel vor, viel spazieren zu gehen, den Kontakt mit der Natur zu suchen und für „Gottes Schöpfung zu danken“. Na ja, das mit den Spaziergängen ist – bedingt durch den Corona-Lockdown – für die meisten Menschen ja fast schon zur Freizeitbeschäftigung Nummer 1 geworden.

Großvater sagte: „Mach langsam, Junge!“

Da ist der Kontakt zur Natur zwangsläufig hergestellt und wer in seiner näheren Umgebung immer mal wieder auf den gleichen Pfaden unterwegs ist, nimmt den Wechsel der Jahreszeiten und die damit verbundenen Veränderungen in der Natur sehr viel intensiver wahr. Ein zweiter Punkt der aktuellen Fastenwoche ist die Frage, wie sich das Leben entschleunigen lässt. Entschleunigung – das ist so eine Trendvokabel wie Achtsamkeit oder Resilienz, obwohl Entschleunigung nicht viel mehr bedeutet als Großvaters Sprüche wie „Mach langsam, Junge“ oder „Immer mit der Ruhe – und dann mit ’nem Ruck“. Wir wissen allerdings, dass wir uns im durchgetakteten Alltag immer wieder dazu zwingen müssen, auf die Bremse zu treten. Vielleicht hilft es, sich morgens zu überlegen, was im Tagesverlauf wirklich dringend zu erledigen ist und was vielleicht überflüssige Aktivitäten sind.

„Du wolltest doch schon längst...“

Gutes Timing bedeutet nicht zwingend, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Sprüche wie „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ oder „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ setzen wir in dieser Woche einfach mal außer Kraft und wenn irgendjemand aus der Familie einen Satz sagt, der mit „Du wolltest doch schon längst...“ beginnt, lautet die simple Antwort: „Später, ich entschleunige gerade.“ Familie, Freunde und Bekannte können in dieser Woche allerdings auch Adressat netterer Kommentare werden: „Ich betrachte die Menschen um mich herum. Als Zeichen der Achtung spreche ich jemanden ein Kompliment oder meinen Dank aus“, schlagen die Macher der Fastenaktion vor. Na, das sollte doch machbar sein, und nach dem Austausch von Komplimenten oder einem einfachen „Dankeschön!“ setzen wir uns mit der Familie an den Tisch und „diskutieren die Frage, was Lebensqualität ausmacht und was uns Lebensglück, Erfüllung und Zufriedenheit bringt“.

Jeder Mensch in Westeuropa besitzt 10 000 Dinge

Der letzte Punkt, den es in dieser Woche zu beachten gilt, könnte für den einen oder die andere ein bisschen komplizierter werden: Beim Gang durch alle Zimmer der Wohnung geht es darum, Gegenstände zu entdecken, die man zwar besitzt, aber nicht nutzt. Hand aufs Herz: Wir haben sie alle, diese vielen Dinge, die irgendwann einmal angeschafft, die uns vielleicht geschenkt wurden, die allerdings nie oder extrem selten genutzt werden. Schätzungen zufolge besitzt jeder in Westeuropa lebende Mensch – festhalten: 10 000 Dinge. Zehntausend. Das muss man nicht nachzählen beim Gang durch die Wohnung, aber vielleicht finden sich ja in jedem Raum drei bis vier Objekte, die man gezielt spenden oder verschenken könnte. Viel Spaß bei der Suche nach dem „einfachen Leben“!

Von Carsten Beckmann

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