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Marburg Der Einkauf will gut geplant sein
Marburg Der Einkauf will gut geplant sein
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08:13 09.03.2021
Produkte für Vegetarier und Veganer stehen in einem gekühlten Regal eines Lebensmittelhändlers.
Produkte für Vegetarier und Veganer stehen in einem gekühlten Regal eines Lebensmittelhändlers. Quelle: Friso Gentsch/dpa
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Marburg

Ja, ich gebe es zu, ich esse gerne Fleisch und Wurst. Zwar nicht in rauen Mengen, aber ein Schnitzel mit Pommes, einen hausgemachten Burger oder einfach Salami auf einer Scheibe Butterbrot – das kommt bei mir gerne mal auf den Tisch. Nun habe ich – und damit auch meine Familie (zum größten Teil jedenfalls) – eine Woche auf Fleisch und Wurst verzichtet.

Den beiden Kindern ist das gar nicht weiter aufgefallen. Sie haben ihr Schul- und Kindergartenfrühstück wie immer aufgegessen – nur eben mit Käse statt Leberwurst oder Aufschnitt. Dass das Mittag- oder Abendessen ohne Fleisch serviert wurde, fiel dem Achtjährigen und der Zweijährigen auch nicht weiter auf. Es gab eben Linsenbolognese zu den Spaghetti und Gemüsefrikadellen zum Kartoffelbrei.

Warum essen wir eigentlich so viel Fleisch? Katrin Wenz, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), weiß Antwort darauf: „Fleisch ist ganz tief als Lebensmittel in unserer Gesellschaft verankert. Vor allem in der Nachkriegszeit aufgrund der Hungerkrise im Zweiten Weltkrieg wurde die Landwirtschaft sehr stark intensiviert“, erklärt sie. Seitdem sei die Tierhaltung immer weiter ausgebaut worden. „Wir sind davon weggekommen, das ganze Tier zu essen, hin zu dem Konsumverhalten, dass wir nur noch zu ganz bestimmten Stücken greifen und der Fleischkonsum wurde immer kostengünstiger über die Jahrzehnte, sodass wir einfach massiv zu Fleisch greifen können, ohne dass es sich massiv finanziell zu Buche schlägt“, ergänzt die Expertin. Etwa 60 Kilogramm Fleisch- und Wurstwaren isst jeder Deutsche im Jahr. Zum Wohle von Gesundheit, Umwelt, Klima und Tierwohl sollte es laut Fleischatlas des BUND nur gut die Hälfte sein.

Ich habe unterdessen in der Fastenwoche auch kulinarisches Neuland betreten: Die Burritos gab es mit veganem Hackfleisch und in den Kaffee habe ich Hafermilch statt der normalen Kuhmilch gerührt. Beim ersten Schluck Kaffee war das geschmacklich noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber beim zweiten hat sich der Gaumen bereits an den leichten Hafergeschmack gewöhnt. Vorsicht ist beim Einkauf allerdings geboten, wenn die Milch aufgeschäumt werden soll. Es lohnt sich der Griff zur etwas teureren „Barista Edition“, der schäumt wenigstens ein kleines bisschen.

Einkauf ist überhaupt so ein Stichwort: der sollte gut geplant sein, wenn man sich vegetarisch oder sogar vegan ernähren möchte. Gut geplant nicht deshalb, weil es teurer wird als  sonst – nein, das ist gar nicht das Problem. Vielmehr haben die Supermärkte mittlerweile so viel Auswahl, dass man – um bei der Hafermilch zu bleiben – zwischen sechs verschiedenen Sorten wählen kann. Gleiches gilt für Fleischersatz, vegetarische Brotaufstriche und vegane Joghurtsorten – das Angebot ist reichlich. Man muss es nur mal ausprobieren, um auf den Geschmack zu kommen.

Zwölf kurze Lektionen über Fleisch und die Welt

Die globale Fleischproduktion wächst. Doch Klima und Biodiversitätkönnen nur geschützt werden, wenn die Industrieländer ihren Fleischkonsum halbieren.

Je mehr Wälder für Futtermittelgerodet werden, desto mehr schrumpfen die Lebensräumeder Wildtiere. Der Kontakt zwischen Menschen und Tieren wird enger – das begünstigt die Übertragung von Viren und die Entstehung neuer Pandemien.

Der Strukturwandelin der Landwirtschaft geht weiter. Wenige Betriebe – die ihre Tiere unter industriellen Bedingungen halten – wachsen noch.

Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltungführt zu immer mehr resistenten Keimen. Dies bedroht die Wirksamkeit von Antibiotika, einem der wichtigsten Mittel der Humanmedizin.

Die führenden Anbauländer von Futtermitteln gehören zu den größten Anwendern von Pestiziden– zum Schaden von GrundwasserundBiodiversität.

Die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren genauso viele klimaschädliche Gasewie Exxon, der größte Ölmultider Welt.

Moorflächen werden häufig für die Tierhaltung genutzt. Würde die EU drei Prozent ihrer agrarisch genutzten Moorflächen wiedervernässen, könnte sie ein Viertel der klimaschädlichen Emissionenaus der Landwirtschaft einsparen.

Unsere Gewohnheiten, Rollenbilder und die Werbung sowie gesellschaftliche Traditionen regen zum Fleischessenan. Die Ernährungsindustrie profitiert vom Status quo.

Viele junge Menschenin Deutschland haben eine kritische Haltungzum Fleischkonsum. Drei Viertel lehnen die heutige Fleischproduktion ab.

Junge Menschen ernähren sich doppelt so häufig vegetarisch und veganwie der Durchschnitt der Bevölkerung. Viele sehen Ernährung nicht nur als etwas Individuelles, sondern wollen, dass der Staat stärker eingreift.

Der Markt für Fleischersatzproduktewächst schnell. Ein großer Teil der jungen Konsumentinnen und Konsumenten findet, dass sie gut schmecken.

Trotz der globalen Auswirkungen hat kein Land der Welt eine Strategie zur Senkung des Fleischkonsums. Dabei können Regierungen durch Gesetze und finanzielle Anreize wichtige Beiträge dazu leisten.

Von Katharina Kaufmann-Hirsch