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Marburg Werden in Marburg Windräder gebaut?
Marburg Werden in Marburg Windräder gebaut?
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07:56 20.08.2020
Windräder im Nebel. Für Windkraftanlagen auf dem „Lichten Küppel“ gibt es neue Pläne. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Türöffner für Windräder-Bau in Marburg: Ein halbes Jahr vor der Kommunalwahl zeigen sich SPD und der Oberbürgermeister offen für den Bau von Windkraftanlagen. Ein Signal der Sozialdemokraten an die Grünen und gegen die Noch-ZIMT-Regierungspartner CDU und BfM, die das Vorhaben ablehnen?

Die Überraschung steht Uwe Volz ins Gesicht geschrieben. Der Grünen-Stadtverordnete, Energiepolitik-Experte seiner Fraktion, hat soeben in einem zentralen kommunalpolitischen Feld ein Linksbündnis-Votum bewirkt. Grüne, Linke und SPD stimmen im Verkehrsausschuss diesmal nicht nur für eher Symbolisches wie ein Verbot von Atomwaffen, sondern für einen Neubeginn der Windkraft-Planungen in der Universitätsstadt.

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„Die Windkraft-Potenziale, die dafür geeigneten Flächen, die wir in und um die Stadt herum haben, müssen wir ausnutzen“, sagt Volz in der vorangegangenen Debatte. Der Klimanotstands-Beschluss im Sommer 2019 erfordere zwingend Schritte in Richtung CO2-freier Energieerzeugung – und im Vergleich aller infrage kommenden erneuerbaren Energieträger sei Windkraft „herausragend, hat eine ganz andere Dimension als Solar“.

Frage ist nicht, ob, sondern wer

Während in der Stadt, das geht aus aktuellen Daten der Verwaltung hervor, im seit Jahren massiv ausgebauten Photovoltaik-Bereich neun Millionen Kilowattstunden erzeugt werden, könnten fünf Windräder diese Menge „deutlich toppen“.

Vor allem der „Lichter Küppel“, das Gebiet zwischen Moischt und Schröck rückt nun wieder in den Fokus. Oberbürgermeister Spies: Die Stadtwerke sollten „neu über das Projekt nachdenken“. Denn die Frage auf den drei Marburger Vorranggebieten sei nicht, ob diese früher oder später mit Windrädern bebaut werden, sondern nur, wer sie bebaue: Privatinvestoren oder öffentliche Hand. Der „Lichter Küppel“ sei für die Stadtwerke nicht zuletzt wegen der vorliegenden Winddaten der „vielversprechendste Standort“.

OB unterstützt Überprüfung

Im Frühjahr, als die Küppel-Diskussion nach Jahren des Stillstands wieder aufkam, gab es scharfe Kritik speziell aus den betroffenen Stadtteilen. Die Ortsbeiräte kündigten Widerstand an, wie schon vor fünf Jahren als das Stadtwerke-Vorhaben an einem plötzlich entdeckten Rotmilan-Vorkommen scheiterte. Schon damals wurde in der Kommunalpolitik gemutmaßt, dass der Vogel von Stadtwerke- und Magistrats-Spitze eher als günstige Gelegenheit zum Ausstieg aus dem Projekt denn als tatsächlicher Hinderungsgrund genutzt wurde.

OB Spies: „Es ist an der Zeit zu schauen, ob der Rotmilan jetzt vielleicht woanders fliegt.“ Wenn die Konditionen stimmten – also nicht nur Winddaten, sondern auch Verpachtungsgebühr vom Land Hessen beziehungsweise Hessen Forst – sollte sich „eine Neu-Planung für einen Windpark anschließen“, sagt Spies. Unterstützung kommt von SPD-Mann Dr. Fabio Longo: „Wenn es sich rechnet, das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt, sollten wir da ran.“

Longo betont „Akzeptanz-Vorbehalt“

OB und SPD-Fraktion argumentieren nach jahrelangem Windkraft-Stillstand, einer eher ablehnenden Haltung nun mit dem kürzlich vorgelegten Klimaaktionsplan. Dieses von Bürgern mitentwickelte Konzept empfiehlt tatsächlich einen Pro-Windkraft-Kurs.

Entscheidender Teil des im Verkehrsausschuss, aber noch nicht im Parlament gefassten Beschlusses: Die mögliche Neuplanung soll erst nach extern moderierten Info-Veranstaltungen, in die Windkraft-Gegner wie etwa die Bürgerinitiative Michelbach ausdrücklich miteinbezogen werden sollen, begonnen werden. Es gebe also einen „Akzeptanz-Vorbehalt“, wie Longo sagt.

Ziel des Verfahrens: Akzeptanz von Windrädern durch vielfältige Sachinformationen und Prozess-Transparenz herstellen. Nur wenn sich Zustimmung abzeichne – etwa über wirtschaftliche Beteiligung der Bürger an den Erträgen, was auch für Stefanie Wittich (Linke) zentral ist – solle ein konkreter Planungsprozess beginnen. Man will in der Unistadt erreichen, was etwa in Neustadt oder Bad Endbach schon lange gegeben ist: Windräder als Normalität im Landschaftsbild.

Windkraft-Wende spaltet ZIMT-Regierung

Die ZIMT-Regierungspartner CDU und BfM lehnen das ab, gehen die SPD-Wende nicht mit. „Allen Aufklärungs-Gedanken zum Trotz bleibt das ein Überstülp-Ansatz“, sagt Karin Schaffner (CDU). BfM-Frau Andrea Suntheim-Pichler warnt vor einer „fahrlässigen Potenzial-Überschätzung“. Selbstverständlich könne auch in heimischen Hügellagen mehr Energie gewonnen werden, das liege aber an immer größeren Narbenhöhen, also höheren Anlagen. „Solar ist akzeptiert und leistet auch einen Energiewende-Beitrag. Wir sollten uns darauf beschränken“, sagt sie.

Die oppositionelle FDP lehnt Windräder ebenfalls, mehr aber noch die Stadtwerke als Betreiber ab. „Dass sie der falsche Akteur sind, haben sie nicht nur in Marburg schon bewiesen. Den Wollenberg als Geldverschwendungs-Maschine darf man nicht vergessen“, sagt Hanke Bokelmann.

Von Björn Wisker

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