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Marburg Kritiker stellen sich gegen Windräder-Pläne
Marburg Kritiker stellen sich gegen Windräder-Pläne
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18:37 21.12.2020
Die Debatte um weitere Windkraftanlagen rund um Marburg hat wieder Fahrt aufgenommen. Archivfoto: Jan Woitas/dpa
Die Debatte um weitere Windkraftanlagen rund um Marburg hat wieder Fahrt aufgenommen. Quelle: Jan Woitas/dpa/Archiv
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Marburg

Die sich abzeichnende Zustimmung zu einer Wiederaufnahme der Windpark-Pläne am „Lichter Küppel“ (die OP berichtete) ruft in der Universitätsstadt Kritik hervor.

Die Bürgerinitiative Görzhausen um Thomas Riedel bezeichnet die neue Windkraft-Offenheit der SPD und des Oberbürgermeisters, die im Verkehrsausschuss deutlich wurde, als „ideologisch motivierte Entscheidung im Sinne des Mainstream“.

Es sei ein auf den Kommunalwahlkampf 2021 ausgerichteter Schritt, um etwa eine rot-grün-rote Koalition zu ermöglichen. Es sei abzusehen gewesen, dass in der Klima- und speziell der Windkraftfrage von OB Spies „die Bürgerbeteiligung auf den Schild gehoben wird“, sagt Riedel.

Dabei sei davon auszugehen, dass die Inhalte des Klimaaktionsplans eben nicht mit Experten-Hintergrund, schon gar nicht mit neutraler Perspektive zustande kamen.

Kritik an „unrealistischen Szenarien“

Die Notwendigkeit, sich dem Klimaschutz auch vor Ort zu widmen, stehe für ihn außer Frage. Aber: Nun wieder alle Vorranggebiete – neben „Lichter Küppel“ sorgt Riedel sich vor allem um Görzhausen – seitens der öffentlichen Hand wieder in den Blick zu nehmen, sei ein Fehler. „Das Maximale machen zu wollen, nur weil es geht, macht Windkraft in unserer Stadt nicht sinnvoller“, sagt er.

Es würden in der Kommunalpolitik, angetrieben von Grünen-Vertretern bezüglich der CO2-Einsparpotenziale, „unrealistische Szenarien durchgespielt“, die von Stadtbewohnern aus dem Gefühl heraus akzeptiert würden, „weil viele das Gefühl haben, eben irgendetwas machen zu müssen“.

Solarenergie kann „gut versteckt werden“

Der von Stadtregierungs-Politikern genannte Verweis auf Bad Endbach oder andere Gemeinden, wo Windräder akzeptiert und keinen stören würden, zeichne ebenfalls ein falsches Bild. Denn nicht nur gebe es im Landkreis etwa mit Holzhausen ein Gegenbeispiel, auch seien die optischen Voraussetzungen in der Universitätsstadt ganz andere.

Vom Schloss und der Oberstadt bis zu anderen historischen Gebäuden – „davon zehrt Marburg, das macht es aus. Das Stadtbild mit Windrädern zu verschandeln, kann doch im Interesse von niemandem, erst recht nicht von einem Oberbürgermeister sein“, sagt Riedel. Aussagen, wie dass Windräder als „Normalität im Landschaftsbild“ wahrgenommen werden sollen, seien gerade in Marburg „aberwitzig“.

Er streite nicht ab, dass Windräder als Ergänzung sinnvoll sein könnten – „Die Frage ist, zu welchem Preis. In Marburg, wo der Wind – siehe Wehrda – nicht stark bläst, ist der jedenfalls zu hoch.“ Der Beitrag in Marburg müsse vielmehr ein weiterer Ausbau der Solarenergie sein. Die könne einen Beitrag leisten und zudem „gut versteckt werden“, um das Stadtbild nicht zu trüben.

Kritik auch aus Schröck und Moischt

Auch wenn der „Lichter Küppel“ auf der Nicht-Altstadtseite liege, würde auch die schiere Höhe der Windräder für Probleme sorgen. Riedel regt eher sogar eine Windräder-Bannmeile an – einen Radius von mehreren Kilometern um das Schloss herum, an dem keine Anlagen errichtet werden dürften. Je nach Radius könnte das dann auch das Küppel-Areal einschließen.

Der Ortsbeirat Schröck hat schon im Juni, nachdem die öffentliche Diskussion um den Standort wieder aufflammte, einen ablehnenden Beschluss gefasst: Die Stadt Marburg solle „aufgrund erheblicher natur- und artenschutzrechtlicher Bedenken, die Pläne für Windkraftanlagen auf dem Lichter Küppel nicht weiter verfolgen“. Ähnlich sieht es im benachbarten Moischt aus, der Ortsbeirat lehnt den Bau der Anlagen im Waldgebiet, das einen Naherholungswert für die Außenstadtteil-Bewohner habe, einstimmig ab.

Thema der Woche – von Björn Wisker

Der Wind dreht sich

Der Wind scheint sich zu drehen: Jetzt, nach Jahren des politisch gewollten Stillstands ebnet die dauerregierende SPD den Weg für den Bau von Windrädern auf Marburger Vorranggebieten, speziell dem „Lichter Küppel“. Das ist, wo man doch jahrzehntelang mit den stets nach Windkraftanlagen rufenden Grünen regierte und es trotzdem bei den drei Alt-Windrädern in Wehrda blieb, ein bemerkenswerter Sinneswandel.

Noch vor fünf Jahren, als die vom grünen Ex-Bürgermeister Dr. Franz Kahle angetriebenen Stadtwerke krachend am Küppel-Projekt scheiterten, rieb sich mancher rote Koalitionär gar nicht mal ganz so heimlich die Hände. Doch nun nehmen es die Sozialdemokraten offenbar selbst in die Hände, können sich eine Wiederaufnahme der Planungen zwischen Moischt und Schröck vorstellen.

Klar: Mit dem in großen Teilen bürger-gemachten Klimaaktionsplan im Rücken, lässt sich der Schritt als Befolgen des Bürgerwillens verkaufen. Gute Politik, das hat die SPD erkannt, ist aber eben auch populistische Politik – zumindest insofern, als dass sie Trends, Stimmungen erkennen, aufgreifen muss. Gerade Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hat sich von Tag eins der Fridays-For-Future-Demos an keinen Protestzug durch die Stadt entgehen lassen – jetzt wird sich zeigen, ob Überzeugung oder Symbolik hinter der Dauer-Teilnahme steckt.

Die aktuelle Windkraft-Wende steht aber auch in einer Logik-Linie, wenn man sich die Tatsache anschaut, dass Marburg-Biedenkopf sich seit einem Jahr als Modellregion für grünen Wasserstoff aufstellt.

Dass Windräder, so umstritten sie sind, einen Beitrag zu Klimaschutz leisten können, ist unstrittig. Ob Fridays- oder andere erstarkte Öko-Lobbygruppen: Viele sind bei der Kommunalwahl 2021 Erstwähler, sie werden die Marburger Politik, allen voran der SPD-geführten ZIMT-Regierung und OB Spies auf konkrete Umsetzungen festnageln.

Vor aller Neuauflage soll aber Windkraft-Fieber gemessen werden, auf extern organisierten Info-Veranstaltungen sollen Pro und Contra Raum finden.

Von Björn Wisker

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