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Marburg Klicks für Glückshormone
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14:58 08.02.2020
Der Gebrauch von sozialen Medien wie Instagram, Facebook und YouTube hat gerade beim Smartphone einige Tücken mit Suchtpotenzial. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein Häkchen heißt gesendet, zwei Häkchen bedeuten gelesen: Wer Messenger nutzt, fragt sich vielleicht häufiger: Wann kommt denn endlich die Antwort? Referentin Saskia Rößner sagt im Hörsaalgebäude dazu: „Wenn zehn Minuten vergangen sind, ruft man den Notarzt.“ Und meint es höchstens halb als Scherz.

„Digitale Droge: Machen die sozialen ­Medien uns süchtig?“, fragt der Titel der jüngsten Veranstaltung aus der Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“. Saskia Rößner fragt einfach das Publikum: „Was meinen Sie, wie viele Social-Media-Süchtige gibt es?“ „100 Prozent!“, ist die erste Antwort, die kommt.

Ein Like ist wie Schokolade

Tatsächlich wird Rößner ein überraschendes Fazit ziehen: „Die allerwenigsten sind wirklich süchtig im medizinischen Sinne. Ein Großteil hat sich einfach an die ständige Verfügbarkeit sozialer Medien gewöhnt.“ Aber tatsächlich: Bekommt ein Beitrag in Netzwerken wie Face­book, Instagram oder Twitter ein „Like“, dann führt das zum inneren Belohnungssystem der Dopamin-Ausschüttung – ähnlich wie beim Konsum von Substanzen.

Dann sind da noch sperrige Anglizismen, wie: „Infinite Scrolling“ oder „Pull to refresh“ – heißt nichts anderes, als dass man etwa beim Durchscrollen einer Facebook-Seite nie zum Ende kommt. Und immer weiter wischt, um nichts zu verpassen.

„Erinnert Sie diese Bewegung an etwas? Kennen Sie den Einarmigen Banditen? Im Silicon Valley hat ein Mann namens Nir Eyal sogar ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen“. Denn all die Komponenten, die bei Social-Media-Nutzung eine Rolle spielen – sozialer Druck, Vergleich mit perfekten Bildern, Angst etwas zu verpassen – machen sich soziale Medien laut Saskia Rößner auch zunutze.

Die Angst was zu verpassen

Beispiel: „Facebook will uns animieren, möglichst oft zu reagieren.“ Indem heute alle „Emojis“ gemäß den Grundemotionen nach Charles Darwin zur Verfügung stehen, mit denen man reagieren kann. Dann gibt es unter anderem bei Instagram, Facebook und WhatsApp – was alles einem Unternehmen gehört – sogenannte „Storys“.

Diese sind lediglich für 24 Stunden sichtbar. Diese Angst, etwas zu verpassen, spielt den Verantwortlichen perfekt in die Karten und hat einen Namen: „Fear of missing out“, kurz: „Fomo“. Auch Messenger gehören laut Saskia Rößner zu sozialen Medien, und auch hier gibt es eine Falle mit Suchtpotenzial.

Saskia Rößner nennt beim Thema Soziale Medien Vergleiche mit Konditionierung und Glücksspiel. Foto: Beatrix Achinger

Bei einer Neuigkeit erscheint ein Punkt auf dem Symbol oder „Icon“. „Es ist ein bisschen, wie bei einem Glücksspiel, denn man weiß nicht, was die Neuigkeit ist, ob eine Nachricht, ein Beitrag oder eine Erinnerung.“

Rößner lässt in dem Zusammenhang den Ausdruck „operante Konditionierung“ fallen: Bei einem Experiment von Bur­rhus Frederic Skinner wurden Ratten im Käfig beim Betätigen eines Hebels durch Futter belohnt – bis das Futter im Lauf des Experiments auch mal ausblieb, was dazu führte, dass die Ratten den Hebel immer öfter betätigten.

Ebenso tückisch wie Punkte auf Apps seien laut Saskia Rößner sogenannte „Push-Notifications“. Also Nachrichten, die von allein auf dem Display aufploppen. Und so klicken viele einfach mal auf das Symbol oder die Nachricht. Es könnte ja das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet werden.

Filterblasen sind Problem 
bei Radikalisierung

Ein ganz großes Problem auch in politischer Hinsicht, wenn es nämlich um Radikalisierung geht, sind laut Rößner Filterblasen. Soziale Medien zeigen ihren Nutzern solche Beiträge an, welche die Nutzer interessieren könnten – Algorithmen stehen hinter der Berechnung. „Man sieht also das, was man eh schon denkt oder mag – und wird immer weiter bestätigt“, sagt die Referentin.

Oder um es generell zu formulieren: „Jeder hat sein eigenes Internet.“ Bei der Frage, welche Beiträge dem Großteil gezeigt werden, spielen die Reaktionsraten eine Rolle. Heißt im Umkehrschluss, dass gerade „Fake News“ und 
„Hate Speech“ häufig Platz finden – denn viele regen sich darüber auf, viele kommentieren.

Tipp: Privatsphäre-Einstellungen kennen

Im deutschsprachigen Raum gibt es laut Saskia Rößner kaum verlässliche Studien, die die Sucht nach sozialen Medien sichtbar machen. Nach Zahlen der DAK-Krankenkasse sind 2,6 Prozent der Jugendlichen im medizinischen Sinne süchtig, 0,4 Prozent der Erwerbstätigen. Zum Vergleich: Die häufigsten Süchte sind die Tabaksucht mit 10 Prozent der Bevölkerung, Alkohol mit 3,4 Prozent und Medikamente mit 2,3 Prozent.

Zum Fazit fügt Saskia Rößner auch hinzu: „Nicht die digitalen Medien sind das Schlimme, sondern unser Umgang damit.“ Und weiter: „Man muss die Privatsphäre-Einstellungen der Apps kennen und vornehmen.“ Auch könne man sich etwa bei Facebook am Smart­phone einen Alarm einstellen, um die Zeit der Nutzung zu kontrollieren. Manche Apps testen demnach auch die Wirkung von nicht sichtbaren Likes. Definitiv gebe es aber professionelle Hilfe wie Beratungsstellen und Kliniken für Internet-Süchtige.

von Beatrix Achinger

Zur Person

Saskia Rößner studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg. Seit Januar arbeitet Rößner bei der hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Sie ist im Rahmen dessen Koordinatorin des Projekts „webcare+“, einem Informationsportal, das sich dem Gedanken der Selbsthilfeförderung verpflichtet sieht.