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Marburg Musikalisches Corona-Tagebuch
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11:56 30.04.2020
Das Foto zeigt Dota Kehr bei einem Konzert im Marburger KFZ im Jahr 2018. Quelle: Jan Bosch/Archiv
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Marburg

Die Texte kommen von einer nahezu vergessenen Meisterin der Neuen Sachlichkeit, die Melodien von einer der besten zeitgenössischen deutschen Songwriterinnen: Dota Kehr (40) hat auf ihrem neuen Album Gedichte von Mascha Kaléko (1907–1975) vertont. Ein Interview.

Sie sind, heißt es, auf Mascha Kaléko gekommen, weil ihnen nach einem Konzert ein Buch von ihr geschenkt wurde. Wie war das?

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Dota Kehr: Und ich weiß nicht einmal mehr, in welcher Stadt das war. Es war ein Gedichtband, „Sei klug und halte dich an Wunder“, der posthum veröffentlicht wurde. Danach habe ich mir sofort ihr Debüt besorgt, „Das lyrische Stenogrammheft“. Aus dem sind die meisten Gedichte, die ich ausgewählt habe.

Aber Sie beschränken sich nicht darauf.

Nein. Es war auch nicht einfach, das zu ordnen. Anfangs wollten wir es streng chronologisch machen – was schon nicht gehen würde, weil sich nicht zu jedem Gedicht eine eindeutige Jahreszahl finden lässt. Aber am Ende muss man doch nach dem musikalischen Bogen gehen. Ich bin bei der Auswahl auch völlig unsystematisch vorgegangen: Mit allem, was mich angesprochen hat, habe ich herumprobiert.

Nun sind Sie selber eine ausgezeichnete Textdichterin. Wie kam es zu der Entscheidung, sich Kalékos Worte zu leihen?

Ich fand es ganz spannend, einmal nur Komponistin, Sängerin und Arrangeurin zu sein und den Text als gegeben hinzunehmen – zumal ich selber, wenn ich schreibe, besonders lange für die Texte brauche. So war das sehr befreiend. Und ich schätze an ihr sehr die Verdichtung: wie knapp und kurz die Sachen sind. Meine Texte werden öfter mal etwas überbordend und lang.

Duett entfaltete ganz andere Wirkung

Und nun haben Sie Texte, die zum Teil aus nur vier Zeilen bestehen ...

Da ist die Herausforderung, dass die Lieder trotzdem einen größeren musikalischen Bogen bekommen sollten. Etwas hinzuzufügen ist ja verboten, das würde ich auch gar nicht wollen. Und auch lange Gedichte sind nicht einfach: Weil sie ja nicht mit Refrain und Strophe gedacht sind, wirken sie als Lied plötzlich zu lang. So waren sie schließlich auch nicht gemeint.

Gemeint waren sie auch nicht als Duette, und doch finden sich auf dem Album gleich ganz viele davon, und es funktioniert fantastisch.

Das hat auch Spaß gemacht: Die Texte auf zwei Sprecher zu verteilen, gerade dieses Lied, „Auf eine Leierkastenmelodie“, das ich mit Hannes Wader zusammen singe ...

:... den Sie aus dem Ruhestand geholt haben ...

Er wollte! Ich hatte ihm das Lied geschickt und er fand es so schön, dass er gesagt hat, er werde das gerne mit mir singen. Und dadurch, dass hier nun beide eine verpasste Liebe beklagen, hat es eine ganz andere Wirkung.

„Ihre Texte berühren mich“

Auch der Altersunterschied zwischen Ihnen klingt als Subtext mit.

Ja. Und ich singe jetzt diese Zeilen „Tag um Tag, Jahr um Jahr hab ich nach dir gespäht./Doch da warst du auf endlosen Fahrten“. Da denkt man natürlich sofort an sein „Heute hier, morgen dort“.

Wobei auch Sie das Fernweh gut kennen. „Kein Kinderlied“ muss Ihnen doch aus der Seele gesprochen haben: „Wohin ich immer reise,/Ich fahr nach Nirgendland./Die Koffer voller Sehnsucht,/Die Hände voll von Tand“ ...

Schon. Ich fühle mich ihr auch wirklich nah. Ihre Texte berühren mich und gehen mir so leicht von den Lippen, als wären es meine eigenen. Es fühlt sich ganz vertraut an. Gerade wie sie mit Beziehungsdingen ganz schonungslos und sachlich ins Gericht geht und trotzdem ganz empfindsam und verletzlich bleibt.

„Es hat etwas Ungestümes“

Es klingt auch frappierend zeitlos, abgesehen von einzelnen Begriffen wie „Grammophon“ oder „Chlorodont“.

Oder „kognakfroh“ (lacht).

Im Gegensatz zu ihrem Zeitgenossen Erich Kästner hat sie, die damals als „weiblicher Kästner“ bezeichnet wurde, die Zeiten eher nicht überdauert. Die Geschichte kann ungerecht sein, oder?

Ich finde auch, in Sachen Dichtung steht sie Kästner in nichts nach und dass sie zu Unrecht weniger gut bekannt ist. Hoffentlich – vielleicht – kann ja das Album ein bisschen was daran ändern.

Welchen Gedichtband von ihr empfehlen Sie als Einstiegsdroge?

„Das lyrische Stenogrammheft“ ist schon super. Man merkt, dass sie ziemlich jung war, als sie es schrieb; es hat etwas Ungestümes. Und als Berlinerin gefällt mir ihr Blick auf diese Stadt vor bald 100 Jahren. Das hat mich sehr inspiriert. Unglaublich treffend – auch für die Gegenwart – ist ihr Gedicht „zeitgemäße Ansprache“.

„Das passte klanglich sehr gut“

Wie sind Sie musikalisch vorgegangen? Es ist ein sehr akustisches Album geworden.

Zum Teil sogar jazzig. Es hat sich fast ein wenig zufällig ergeben. Unser fester Keyboarder Patrick Reising hatte im Herbst keine Zeit, aber unser früherer Keyboarder Jonas Hauer hatte schon öfter signalisiert, dass er mal wieder Lust hätte, bei der Studioarbeit mitzuwirken.

Und so haben wir es gemacht. Das passte klanglich sehr gut, weil er fast keine Synthesizer benutzt, sondern nur das Rhodes-Piano und Akkordeon. Wir fanden, dass die Gedichte so verdichtet sind (und die Stücke so kurz), dass wir instrumentale Zwischenspiele und eine klare Klangwelt brauchen. Akkordeon, Trompete und Tuba-Bass aus den Instrumentalstücken finden sich als Klangfarben auch hier und da auf dem ganzen Album.

Nun bieten Sie einen ganz besonderen Fanservice: Sie geben online Gitarrenlektionen mit den Liedern des Albums. Wie kam es dazu?

Das ist der aktuellen Situation geschuldet. Mir wird die Zeit zu Hause, so stressig sie auch manchmal sein mag, gelegentlich ein wenig lang. Und wenn nur einer dabei ist, der sagt „Mir war langweilig, und jetzt habe ich meine seit Jahren verstaubte Gitarre herausgeholt“, dann hat es sich schon gelohnt.

Und tatsächlich haben zahlreiche Leute so reagiert. Es ist meine Art von Corona-Tagebuch: gemeinsam durch die Krise.

Von Stefan Gohlisch

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