Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Eine Liebe auf Herz und Nieren getestet
Marburg Eine Liebe auf Herz und Nieren getestet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:54 16.01.2020
Klaus Zinnecker und Monika Bäcker waren zu einer Zeit auf Organspender angewiesen, als das Thema weit weniger öffentlich war als an einem Tag wie heute, wo im Bundestag über eine Art Spende-Automatismus entschieden wird. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Da steht er nun, fühlt sich elend, kraftlos, als ob ihm jemand das Leben aussaugt. Leid statt Lebenslust – mit gerade mal 20 Jahren. Denn was als Unwohlsein begann, sich in zunehmender Übelkeit zeigt, entpuppt sich als schwere, als bedrohliche Krankheit. Etwa eine Woche, so erinnert sich Klaus Zinnecker 44 Jahre später, sei zwischen den ersten Krankheitssymptomen und (Fast-)Versagen eines Organs, seiner Niere, vergangen. „Es ging von jetzt auf gleich bergab mit mir.“

Eine Entzündung führte­ bei ihm zu Schrumpfnieren, die dann gar nicht mehr funktionierten. Entgiftung des Körpers? Fehlanzeige. „Das war eine akut gefährliche Situation, ich war fast am Ende“, sagt der heute 64-Jährige.
Auf die Operation folgte das Schicksal Dialyse, also regelmäßige Blutreinigung am medizinischen Gerät. „Am Anfang ging es mir wirklich schlecht, die Zeit war schwierig. Mein Körper hatte total abgebaut, dabei war ich doch so sportlich, wollte aktiv sein und bleiben.“

Für 100 Meter Weg habe er zehn Minuten und Erholungspausen gebraucht, etwa zwei Jahre habe es gedauert, bis leichter Sport und Vollzeit arbeiten wieder gingen. „Nach und nach ging es mir besser, sogar relativ gut. Viel ist auch Kopfsache.“ Acht Jahre und Hunderte Stunden Dialyse vergingen, dann bekam er eine Spenderniere eingesetzt; das war 1985. „Das war von jetzt auf gleich ein anderes Lebensgefühl. Binnen weniger Tage entwickelte ich eine ganz neue, vergessene Kraft.“

Drei Monate nach der OP sei er in den Skiurlaub gefahren und habe in den Folgejahren sein Leistungsvermögen in zwischenzeitlich ungeahnte Höhen getrieben – bis heute ist Zinnecker 13 Marathons gelaufen, tanzt, geht oft ins Fitnessstudio – und wurde 2010 im Schwimmen Europameister der Transplantierten- und Dialysepatienten (TransDia).

Die Transplantations-Geschichte seiner Partnerin Monika Bäcker ist ebenso sportlich und spektakulär. Mit 27 Jahren wurde bei der heute 62-Jährigen eine Nierenerkrankung festgestellt, acht Monate Dialyse waren die Folge. Im Dezember 1984 bekam sie ein neues Organ; und wurde seitdem mehrfache Tennis-Weltmeisterin im TransDia-Bereich, betreibt zahlreiche weitere Sportarten.

Zuletzt 35 Spender-Nieren am Uni-Klinikum eingesetzt

„Die neue Niere war wie eine Neugeburt für mich. Erst kaum belastbar, plötzlich wieder voll im Saft. Es war ein positiver Einschnitt“, sagt Bäcker, die seit zwölf Jahren mit Zinnecker zusammen ist. Die beiden Sport-Asse lernten sich bei TransDia-Weltspielen in Australien kennen. „Uns geht es gut, wir sind glücklich“, sagen sie.

Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) ist eines der wichtigsten Transplantations-Zentren in Deutschland. In Marburg werden Nieren und Bauchspeicheldrüsen, Pankreas genannt, eingesetzt. Insgesamt sind am Uni-Klinikum seit dem Jahr 1972 mehr als 1.100 Nieren-Transplantationen durchgeführt worden, das ist einer der ­höchsten Werte in Deutschland.

Auf den Lahnbergen wurden nach UKGM-Angaben im vergangenen Jahr insgesamt 35 Transplantationen vorgenommen, davon fünf Lebendspenden von Nieren sowie drei kombinierte Niere-Pankreas-Transplantationen. Lebendspenden bedeutet: Das Organ stammt nicht von Toten, sondern von lebenden Verwandten. Im Jahr 2018 gab es laut Klinik 30 Transplantationen (davon 6 Lebendspenden), in den zwei Jahren davor waren es 32 (davon 7 Lebendspenden) beziehungsweise 16 Transplantationen (6 Lebendspenden).

Auf der Warteliste für die kombinierte Niere-Pankreas-Transplantation befinden sich laut UKGM aktuell 9 Patienten, auf der Warteliste Pankreas ein Patient sowie auf der Warte­liste Niere 114 Patienten. Kinder und Jugendliche warten in Mittelhessen durchschnittlich zwei Jahre auf ein passendes Organ, bei Erwachsenen kann es bis zu sieben Jahren dauern.

von Björn Wisker