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Marburg Die Verführung der Ulrike Meinhof
Marburg Die Verführung der Ulrike Meinhof
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18:00 06.05.2022
1958 wurde in der Dammühle ein Anwerbungsversuch zum Liebesabenteuer.
1958 wurde in der Dammühle ein Anwerbungsversuch zum Liebesabenteuer. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Pädagogik-Studentin Ulrike Meinhof staunte nicht schlecht, als am Abend des 12. September 1958, einem Freitag, plötzlich Klaus Rainer Röhl, seines Zeichen Chefredakteur der Zeitschrift „konkret“, zusammen mit Reinhard Opitz und Erika Runge, die ebenfalls zur Redaktion gehörten, in Marburg vor ihrer Tür stand. Sie wollten, gaben sie vor, mit ihr gerne das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr besprechen. Zu ihrer Überraschung blieben sie schließlich das ganze Wochenende über. Allerdings führten sie noch anderes im Schilde. Das verriet sich allein schon dadurch, dass sie der Umworbenen als Geschenk „einen Plattenspieler und einen Batzen Brecht-Platten“ mitgebracht hatten.

Am Samstagnachmittag fuhren sie mit ihr in ein außerhalb von Marburg am Waldesrand gelegenes Ausflugslokal – zur Dammühle. Es war ein lauer Spätsommertag und die Atmosphäre wurde Stunde für Stunde romantischer. Und sie glaubten offenbar, dass es nun einfacher werden würde, Meinhof in dieser Stimmung für ihre Partei anzuwerben, für die in der Bundesrepublik seit dem August 1956 verbotene Kommunistische Partei Deutschlands, die KPD.

Aus der Musikbox erschallt die Titelmusik von „Tammy“

„Ich redete wie ein Buch auf Ulrike ein“, schrieb Röhl anderthalb Jahrzehnte später in seinen Memoiren „Fünf Finger sind keine Faust“, „war nicht verkrampft, noch arrogant, hatte meinen großen Abend. Ich schilderte ihr den Sozialismus als die einzige Möglichkeit, alles zu verwirklichen, was die wirklichen Christen (ich kannte schon meine Partnerin) wirklich gewollt hatten. Was die größten Denker der Antike gewollt hatten: die größten Träume der Menschheit. Vor allem der gewaltige Traum Gerechtigkeit, er würde nur durch den Kommunismus verwirklicht werden.“ An diesem Abend habe es überhaupt nicht kühler werden wollen. Er habe Bertolt Brecht und Ernst Busch, Lenin und Christus sowie Mao und Platon zitiert. Und im Hintergrund sei aus einer Musikbox immer wieder dieselbe Platte zu hören gewesen.

Weder sei es die „Internationale“ noch „Der Osten wird rot“ gewesen, hob er hervor, sondern ein Schlager, der sie „ganz mild und wild und sensibel und schwärmerisch gemacht“ habe. Es war der im Original ursprünglich von der amerikanischen Schauspielerin Debbie Reynolds und in der deutschsprachigen Coverversion von der Schweizer Schlagersängerin Angela intonierte Song „Tammy“, die Titelmelodie des Liebesfilms „Tammy, das Mädchen vom Hausboot“. Ein regelrechter Schmachtfetzen, in dem der Refrain lautet: „Hörst du den Südwind, er flüstert dir zu: Tammy, Tammy, dein Glück bist du.“

Klaus Rainer Röhl, Publizist und Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof Quelle: Oliver Berg

Röhl kommentierte die Überraschung jenes Abends, an dem sein Anwerbeversuch als Kommunist von einem trivialen Schlager auf ungeahnte Weise befördert und zugleich in den Schatten gestellt wurde, mit den Worten: „Das wollen wir festhalten. Am Anfang stand nicht das Lob des Kommunismus oder die Einsicht in die Notwendigkeit und die Solidarität, sondern etwas ganz Privates, etwas Unpolitisches (und vielleicht stand deshalb auch am Ende etwas Unpolitisches), und das war in diesem besonderen Fall der amerikanische Schlager Tammy.“ Ihm war offenbar klar, dass sich in Meinhofs Fall Privates und Politisches miteinander verbunden und eine überraschende Einheit gebildet hatten.

An diesem ach so lauen Spätsommerabend am Waldesrand, der eher in einen Heimatfilm vom Schlage „Schwarzwaldmädel“ gepasst hätte, hatte der KPD-Kader Röhl also die so nachdrücklich umworbene Meinhof gleich in doppelter Weise „rumgekriegt“: Er hatte sie für die Partei und damit für die Sache des Kommunismus gewonnen. Aber zugleich hatte er auch erreicht, dass sie sich genau in diesem Moment in ihn selbst verliebt hatte.

In ihn, das angebliche „Scheusal mit dem Agentengesicht“! Dieser Abend, in dem ein Anwerbungsversuch ein Liebesabenteuer ausgelöst hatte, dürfte der entscheidende in Ulrike Meinhofs noch jungem Leben gewesen sein. Er hatte Folgen, viele Folgen, die sie bis zu ihrem frühen Tod in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1976 in ihrer Stammheimer Gefängniszelle nicht mehr unbeeinflusst lassen sollten.

Die Baader-Meinhof-Gruppe

Als „Fräulein stud. phil. Ulrike Meinhof“ – wie es damals ja üblicherweise noch hieß – im April 1955 in Marburg eintraf, um als 20-Jährige an der Philipps-Universität ein Studium der Pädagogik, Germanistik und Psychologie zu beginnen, galt sie als hochbegabt. Das war vielversprechend und ließ Gutes, ja Außergewöhnliches erhoffen. Doch es sollte anders kommen.

Zusammen mit Andreas Baader gehörte Ulrike Meinhof zu den Gründern der 1970 in West-Berlin gegründete „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die anfangs in der Öffentlichkeit entweder nur „Baader-Meinhof-Gruppe“ oder „Baader-Meinhof-Bande“ genannt wurde. Diese verstand sich allgemein als „Stadtguerilla“, insbesondere aber als die bewaffnete Vorhut einer kommunistischen Partei, die es in Wirklichkeit jedoch noch gar nicht gab. Sie existierte insgesamt 28 Jahre lang und bekämpfte in dieser Zeit den bundesdeutschen Staat, die Justiz, verschiedene Industriekonzerne und die Springer-Presse sowie wegen des Vietnamkriegs, vor allem aber die als imperialistisch angeprangerten USA und den als ihren Vorposten im Nahen Osten angesehenen Staat Israel. Sie scheute dabei nicht davor zurück, Wirtschaftsbosse, Bankiers und andere Top-Leute zu entführen und im Zweifelsfall auch zu ermorden.

Der Abend in der Dammühle führte in Meinhofs Leben einen regelrechten Dammbruch herbei. Wie in einem Zeitraffer änderte sich in nur wenigen Wochen Entscheidendes für sie. Privates ebenso wie Politisches kurz hintereinander:

Das Hauptanliegen ihres politischen Engagements war nun nicht mehr der Kampf gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr, sondern der gegen das kapitalistische System. Nach nur wenigen Tagen schrieb sie in einem Brief, dass „die politische Alternative zur westlichen Politik im Sozialismus zu sehen“ sei. Es ging ihr von nun also in erster Linie um die sogenannte Systemfrage.

Meinhofs erster großer öffentlicher Auftritt als Sprecherin der „konkret“-Gruppe spielte sich während des „Studentenkongresses gegen Atomrüstung“ im Januar 1959 an der Freien Universität in West-Berlin ab. Sie trat dort als Kontrahentin des SPD-Bundestagsabgeordneten Helmut Schmidt auf, der ein Jahrzehnt zuvor noch Bundesvorsitzender des SDS gewesen war. Der Kongress erregte bundesweit Aufmerksamkeit, weil dort eine von der „konkret“-Gruppe eingebrachte und vom Plenum mehrheitlich befürwortete Resolution zur deutschen Frage, in der Verhandlungen mit der DDR über „eine interimistische Konföderation“ vorgeschlagen worden waren, insbesondere Sozialdemokraten auf die Palme gebracht hatte.

Ulrike Meinhof. Quelle: Sammlung Bettina Röhl/Wikimedia Commons

Schmidt war vor Empörung bebend zum Podium gelaufen, um von oben in den Saal zu rufen, dass diese Resolution „an anderem Ort psychologisch vorbereitet worden“ sei, hatte dennoch aber nichts an der Niederlage ändern können. Nur einen Tag später wurden Meinhof, Opitz und Röhl vom ZK der KPD in deren im brandenburgischen Caputh gelegenen Gästehaus empfangen, um den „Sieg“ über die als Verräterin an der proletarischen Klasse verachtete SPD gebührend zu feiern.

Der Parteivorstand der SPD nahm nach dieser krachenden Niederlage die Rolle der „konkret“-Gruppe genauer unter die Lupe. Zahlreiche Indizien sprachen dafür, dass sie von Ost-Berlin ferngesteuert wurde und der Bundesrepublik zu schaden versuchte, der Sozialdemokratie ebenso wie der Bundesregierung. Ein von ihm in Auftrag gegebenes „konkret“-Dossier ergab, dass es insgesamt 13 „Schlüsselpersonen“ gab, die den SDS angeblich zu unterwandern versuchten. Eine der Genannten war Ulrike Meinhof.

Diese hatte derweil ihre Verlobung mit einem aufstrebenden Diplomphysiker aufgelöst und war eine Verbindung mit dem von ihr bis dahin voller Argwohn betrachteten Röhl eingegangen. Mit dem alerten Illegalen betrieb sie bei den Bundestagswahlen 1961 einen angesichts des Baus der Berliner Mauer völlig aussichtslosen Wahlkampf für die ebenfalls von der SED ferngesteuerte DFU. Noch im selben Jahr schlossen sie während der Weihnachtstage den Bund der Ehe und setzten ihre Parteiarbeit nun unter einem überaus bourgeoisen Deckmantel vom Hamburger Nobelvorort Blankenese aus weiter fort.

Der Gastautor

Unser Gastautor, der Politikwissenschaftler Dr. Wolfgang Kraushaar, ist Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Zu seinen Forschungsgebieten zählen die 68-er Bewegung und die Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF). Sein vorliegender Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Aufsatzes im Buch „Skandal!? Stadtgeschichten aus Marburg im 20. Jahrhundert“ (transcript Verlag, 356 Seiten, 25,99 Euro).

Von Wolfgang Kraushaaar

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