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Marburg Kita-Streik: „Wir sind nicht nur die Spieltanten“
Marburg Kita-Streik: „Wir sind nicht nur die Spieltanten“
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17:52 08.03.2022
Rund 200 Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsberufe beteiligten sich am Warnstreik vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg.
Rund 200 Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsberufe beteiligten sich am Warnstreik vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Ihr habt vollkommen Recht“, ruft ein Busfahrer über die Außenlautsprecher den Demonstrierenden vor dem Erwin-Piscator-Haus zu, die gerade noch damit beschäftigt sind, ein Transparent aufzuhängen. „Ihr seid echt wichtig“, sagt der Fahrer dann durch die offene Tür. „Ihr aber auch“, erwidert Gewerkschaftssekretär Holger Simon – die beiden plaudern noch kurz, dann muss der Busfahrer weiter.

Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus beispielsweise Kitas und Behinderteneinrichtungen im gesamten Kreisgebiet sind an diesem kalten Morgen auf den Platz vor dem EPH gekommen – denn die Gewerkschaft Verdi hatte zum Warnstreik im Sozial- und Erziehungsdienst aufgerufen. „Der Platz hier hat noch keinen Namen“, sagt Holger Simon, „deshalb nennen wir ihn heute einfach ,Platz für soziale Arbeit’. Vielleicht kriegt es die Stadt ja irgendwann hin, diesen Namen für den Platz beizubehalten.“

Gewerkschaftssekretärin Saskia Teepe freut sich, dass so viele Beschäftigte gekommen sind. Denn: „Gerade in Pandemiezeiten ist es für euch sehr, sehr schwierig sich bei dem Personalmangel, den es in den Einrichtungen ohnehin schon gibt, freizumachen.“

Nach und nach trudeln auch Meldungen ein, welche Kitas komplett geschlossen haben: „In Marburg sind die Erfurter Straße und auf der Weide dicht“, sagt sie, „in Cappel am Teich auch“, ruft eine Erzieherin. Auch Niederweimar oder Niederwalgern seien wegen des Warnstreiks geschlossen – so, wie viele andere auch nicht nur im Kreis, sondern bundesweit.

Streik am internationalen Weltfrauentag

Doch warum der Warnstreik? „In diesen Bereichen, die gesellschaftlich so wichtig sind, ist die Finanzierung immer unzureichend“, fasst sie zusammen. Dabei sei es egal, ob soziale Vereine darum kämpften, „die entsprechenden Förderungen zu bekommen, ob es darum geht, die Finanzausstattung der Kitas zu haben, mit der man entsprechend gutes Personal haben und halten kann – oder ob es darum geht, in anderen sozialen Einrichtungen Personal zu bekommen. Immer ist es zu wenig, und immer wird am Personal gespart.“

So sei es beispielsweise gelungen, die Lebenshilfe Marburg in den „Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst“ (TVÖD) zu bekommen. Doch als es darum gegangen sei, die Mitarbeiter entsprechend hoch einzugruppieren, sei das daran gescheitert, „dass die Finanzierungszusagen einfach nicht ausreichen. So ist es an vielen Stellen.“ Die Menschen, die bereit seien, soziale Arbeit zu leisten, „müssen sich noch rechtfertigen dafür, dass sie auch eine vernünftige Vergütung brauchen“, so Teepe. Damit müsse Schluss sein, denn: „Wer soziale Arbeit leistet, der kann nicht gezwungen sein, gleichzeitig zu verzichten und immer einzusehen, warum sein Lohn schlechter sein muss, warum er mit weniger Kollegen auskommen soll. Soziale Arbeit muss vernünftig finanziert und vernünftig bezahlt sein“, fordert die Gewerkschafterin.

Daher auch der Streik am internationalen Weltfrauentag: In den betroffenen Bereichen gebe es einen Frauenanteil von 89 Prozent – „und auch das ist ein Grund dafür, warum viele glauben, in diesen Bereichen könnte man schlechter bezahlen“, so Teepe. „Damit muss endlich Schluss sein.“

Schalauske: Wo politischer Wille ist, ist auch Möglichkeit

Cordula Tschirschnitz, von der Kita „Auf der Weide“ und Vertrauensleutesprecherin der Kitas in Marburg, verdeutlichte: „Es gibt einen großen Personalmangel.“ Der wäre ohnehin 2024 aufgrund der demografischen Entwicklung gekommen – doch Corona habe die Entwicklung noch beschleunigt, denn aufgrund erhöhter Belastung hätten viele den Job hingeschmissen oder Arbeitszeit verkürzt. Die Folge: „Eine Erzieherin ist ganz oft mit der ganzen Gruppe alleine.“

Dabei würde in den Kitas schon die Grundlage für die Bildung gelegt – daher sei das Personal zu schlecht bezahlt. „Wir haben ja auch einen hohen Anspruch an unsere Arbeit“ – daher müsse der Arbeitgeber „entsprechend Geld in die Hand nehmen“. Die zu niedrige Bezahlung würde Bewerber abhalten, „oder es entscheiden sich Nachwuchskräfte für den Beruf, merken dann, wie herausfordernd er ist – und steigen wieder aus“. Tschirschnitz verdeutlicht: „Wir sind nicht nur die Spieltanten, sondern etwa für sprachliche Bildung verantwortlich, für das ganze soziale Miteinander“ – in den Kitas werde der Grundstein gelegt.

Jan Schalauske, Vorsitzender der Linken-Fraktion im Hessischen Landtag, hat auch direkt gemerkt, dass die Kita „Auf der Weide“ bestreikt wurde, „deswegen bin ich heute zu zweit da“, sagt er und zeigt auf seine kleine Tochter, die er kurzerhand zum Protest mitgebracht hat. Für ihn kann es keine Ausreden dafür geben, die Berufsgruppen besser zu bezahlen: „In der Wirtschafts- und Finanzkrise sind über Nacht Milliarden zur Abstützung der Banken mobilisiert worden. In der Corona-Pandemie sind hunderte Milliarden zur Abstützung der Wirtschaft mobilisiert worden“ – und auch 100 Milliarden für die Rüstung gebe es. „Das alles zeigt: Wo ein politischer Wille ist, ist auch eine Möglichkeit.“ Für Schalauske steht fest: „Eure Arbeit ist es, die unsere Gesellschaft zusammenhält – und die den Laden am Laufen hält.“

Das sind die Forderungen

Verdi fordert „eine bessere Vergütung für Erzieherinnen und Erzieher, aber auch eine bessere Vergütung für Assistenzberufe“, sagt Saskia Teepe. Diese würden nämlich im Zuge der Ambulantisierung in der Behindertenhilfe immer wichtiger, würden derzeit häufig lediglich nach Mindestlohn bezahlt. Auch gehe es um eine wesentliche Veränderung der Eingruppierung bei den Berufsgruppen. „Der Arbeitgeber hat uns vorgeworfen, das führe zu einer Verschiebung des Entgeltsystems – aber genau das ist das Ziel.“ Und: „Wir wollen eine Entlastung am Arbeitsplatz – mit Entlastungstagen für besonders schwierige Dienste“, erläutert die Gewerkschaftssekretärin – also beispielsweise wegen Personalmangels, weil man für Erkrankte eingesprungen sei.

Karin Welge, Präsidentin der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände und Verhandlungsführerin, erläutert, dass den Arbeitgebern „gute Arbeitsbedingungen sowie eine angemessene Bezahlung“ wichtig seien. Die geforderten höheren Eingruppierungen der jeweiligen Beschäftigten würden zu großen Personalkostensteigerungen führen. Die VKA habe bereits in der letzten Tarifrunde 2015 erneut eine erhebliche Aufwertung der Berufsgruppen vorgenommen. „Die Entgelte der kommunalen Beschäftigten liegen vielfach über den Entgelten bei anderen Trägern im Sozial- und Erziehungsdienst“, so Welge.

Niklas Benrath, Hauptgeschäftsführer der VKA, ergänzt: „Das Gehalt von Erzieherinnen und Erziehern ist im Übrigen bereits in den letzten Jahren überdurchschnittlich gestiegen, wenn man es mit anderen Berufsgruppen des kommunalen Öffentlichen Dienstes vergleicht – allein seit 2009 um bis zu 61 Prozent.“ Schon die bisher konkreten Forderungen würden Kosten von mindestens einer halben Milliarde Euro verursachen. „Etliche Forderungen können wir bislang überhaupt nicht beziffern, weil sie von den Gewerkschaften noch konkretisiert werden müssen.“

Von Andreas Schmidt