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Marburg „Das super Angebot heißt: Nix gibt’s“
Marburg „Das super Angebot heißt: Nix gibt’s“
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19:39 06.04.2022
Gestern traten die Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes in den Warnstreik, protestierten für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen.
Gestern traten die Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes in den Warnstreik, protestierten für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Gebt Geld für Erzieher“ steht auf einem Schild, das eine Warnstreik-Teilnehmerin hochhält, „Stell dir vor, die Arbeit ist systemrelevant – und niemand will sie“ auf einem anderen: Gestern protestierten rund 120 Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsdienste vor dem Erwin-Piscator-Haus für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen.

Denn: Die zweite Verhandlungsrunde zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgeberverbänden war ohne Erfolg geblieben – vor der nächsten Runde Anfang Mai wollen Gewerkschaft und Beschäftigte nun Druck aufbauen. Zahlreiche Kitas blieben geschlossen.

Susanne Pitzer-Schild, Geschäftsführerin von Verdi Mittelhessen, verdeutlichte: „Die Arbeitgeber haben in der letzten Runde der Tarifverhandlungen ein super Angebot gemacht – das Angebot lautet: Nix gibt’s. Damit haben sie zum Ausdruck gebracht, was sie von eurer Arbeit halten“, so die Gewerkschafterin.

Langsamer als Schnecken

Man wolle den Arbeitgebern zeigen, „dass sie sich nicht noch langsamer als Schnecken bewegen können – und uns nichts zukommen lassen“.

Gewerkschaftssekretärin Saskia Teepe verdeutlichte: „Es ist jedes Mal ein Trauerspiel: Auf Personal- und Betriebsversammlung dieser Tage erklären die Arbeitgeber uns, wie hoch der Fachkräftemangel ist – dass sie aber keine bekommen.“ Es gebe Stellenanzeigen ohne Ende für soziale Arbeit – doch keine Bewerber. „Und gleichzeitig sitzt in den Tarifverhandlungen der Vertreter der Arbeitgeber und erzählt uns, es gäbe keinen Fachkräftemangel in der Behindertenhilfe.“ Bei den Kitas vielleicht schon, „aber das hätte nichts mit den Löhnen zu tun“, so Teepe – die seien ja bereits mehrfach angehoben worden in den vergangenen Jahren.

Die Gewerkschafterin thematisierte auch noch einmal, dass Andreas Schulz (SPD), Bürgermeister im Ebsdorfergrund und Sprecher des kommunalen Arbeitgeberverbands Hessen, sich nicht nur nach dem ersten Streik am 8. März geweigert habe, mit den Gewerkschaftsvertretern zu reden, „sondern auch danach mehrfach“. Er wolle sich „zu laufenden Tarifverhandlungen nicht äußern“, so Saskia Teepe. „Dabei müsste er das gerade jetzt, denn wir müssten ihm dringend mitteilen, was die Beschäftigten wollen.“

Entlastungstagen hätten die Arbeitgeber beispielsweise eine Absage erteilt, „aber das Angebot gemacht, vielleicht betriebliche Massagen in den Mittagspausen anzubieten“, schilderte Teepe, was die Menge mit Gelächter quittierte. Denn die Realität sehe so aus, dass es keine Mittagspause gebe.

Tiefer ins Portemonnaie greifen

Cordula Tschirschnitz von der Kita „Auf der Weide“ und Vertrauensleutesprecherin der Kitas in Marburg, verdeutlichte, dass es ein Unding sei, die geforderten Stunden für Vorbereitung als „verdeckte Arbeitszeitverkürzung“ zu beschreiben. „Wenn ich mal was schriftlich verfassen muss, dann muss ich das zu Hause machen“, so Tschirschnitz. „Es ist scheinbar gewollt, dass wir nur noch Betreuungseinrichtungen, aber keine Bildungseinrichtungen mehr sind.“

Der DGB-Kreisvorsitzende Pit Metz sagte: „Wenn bislang immer gesagt worden ist, es sei kein Geld da und dann urplötzlich wegen eines schäbigen, mörderischen Kriegs in der Ukraine 100 Milliarden Euro Sondervermögen freigebaggert werden können, um die Bundeswehr hochzurüsten, dann ist das ein Skandal, der im krassen Widerspruch dazu steht, was Sozial- und Erziehungsdienst seit Jahren fordert.“

Und für Dunja Hilgenberg vom Betreuungsangebot der Marburger Grundschulen ist schon jetzt klar: Ab 2026 gebe es einen gesetzlichen Ganztagsbetreuungsanspruch. „Wenn ihr uns als Fachkräfte behalten wollt, müsst ihr schon mal tiefer ins Portemonnaie greifen – und auch die Schulen ausbauen.“

Darum geht es

Hintergrund des Tarifkonflikts sind die laufenden Verhandlungen für die bundesweit rund 330 000 Kita-Erzieherinnen und -Erzieher sowie von Angehörigen anderer sozialer Berufe im kommunalen Bereich. In Hessen sind nach Angaben von Verdi rund 40 000 Beschäftigte von der Tarifauseinandersetzung betroffen.

Die Gewerkschaften wollen neben einer besseren Bezahlung auch attraktivere Arbeitsbedingungen erreichen – beispielsweise mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung von Erziehungsarbeit. In der zweiten Runde Ende März hatte es keine Annäherung gegeben. Die dritte Verhandlungsrunde ist für Mitte Mai in Potsdam geplant, am 4. Mai soll erneut gestreikt werden.

Von Andreas Schmidt

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