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Marburg Kita-Öffnungen: Aufatmen ohne Jubelstimmung
Marburg Kita-Öffnungen: Aufatmen ohne Jubelstimmung
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07:58 03.06.2020
„Schön, dass ihr wieder da seid!“: Leiterin Anke Hillig begrüßte alle Rückkehr-Kids am Eingang des Kindergartens in Ockershausen. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

„Schön, dass ihr wieder da seid!“ – ein buntes Banner mit diesen warmen Worten hängt gestern über dem Haupteingang des Kindergartens Ockershausen. Es ist die Begrüßung für all jene Jungen und Mädchen, die seit Mitte März wegen der Corona-Pandemie nicht mehr in die Betreuungs-Einrichtung kommen durften. Und wie das Erzieherinnen-Team um Ockershausen-Kita-Leiterin Anke Hillig, die vor der Tür alle Kinder und Eltern willkommen heißt, freuten sich in Marburg Dutzende Fachkräfte zu Beginn der „eingeschränkten Regelbetreuung“ auf die Rückkehr der Kinder.

Doch nirgendwo war die Freude, die Erleichterung, größer als bei den Eltern. „Ich bin weit über den Punkt hinaus, wo man auf dem Zahnfleisch geht. Man funktioniert zwar irgendwie, aber den Kindern geht es nicht gut und deshalb geht es auch Eltern schlecht. Ich hoffe jetzt trotz aller Einschränkungen einfach auf mehr Abwechslung und Anregungen für meine Kinder“, sagt Kathleen Schmidt, die ihre Tochter und ihren Sohn gestern am Richtsberg in einen Kindergarten beziehungsweise zu einer Tagesmutter bringt. Auch anderswo in der Stadt sehen Erwachsene es vor allem als Entschärfung einer „immer konfliktreicheren Situation“, wie es Sebastian Bauer nennt. Eben weil die Eltern weder dem Kind noch dem Arbeitgeber im Homeoffice gerecht werden konnten, die Ängste um die Kindesentwicklung wie auch den Job und Einkommen zunehmen, müssten „Kinder endlich wieder Kinder sein, altersgerecht spielen, toben, lernen dürfen“, sagt er. Sohn Ben (4): „Ich freue mich, wieder Freunde sehen zu können.“ Aber: Viele Eltern wollen den nun geschaffenen Zustand – geschlossene Gruppen ohne Kontakt zu Altersgenossen, abgetrennte Außenbereiche und abgespeckte pädagogische Konzepte – nicht als Dauerzustand akzeptieren. „Das eine Einsperren darf man nicht durch ein anderes Einsperren ersetzen“, sagt Bauer.

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„Eine Yippie-Stimmung gibt es unter Eltern eher nicht, vielleicht eher sowas wie vorsichtigen Optimismus“, sagt Lars Witter vom Kita-Gesamtelternbeirat gestern auf OP-Anfrage. Vieles werde sich aber erst im Laufe der Woche, wenn die einzelnen Einrichtungen die Eltern informiert und Hygiene-Konzepte umgesetzt haben, zeigen. In Hessen gibt es laut Landesregierung rund 4300 Kitas, in denen normalerweise etwa 278 000 Kinder betreut werden. In der Universitätsstadt waren es zuletzt, in Zeiten der Notbetreuung ausschließlich für Kinder deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, 1100 – das entspricht rund 36 Prozent der im Regelbetrieb verfügbaren Plätze. Wie viele mehr es gestern waren oder wie viele im Laufe der Woche zur Rückkehr angemeldet sind, ist laut Stadtverwaltung noch unklar.

In Marburg entschied sich das Jugendamt Ende vergangener Woche in Absprache mit freien Trägern wie der evangelischen Kirche und dem Gesamtelternbeirat für die Einrichtung einer kontinuierlichen Betreuung für bis zu 80 Prozent – heißt: Alle, die nach bestimmten Kriterien einen Platz bekommen, können die Einrichtungen – mitunter bei personalmangel-bedingten verkürzten Öffnungszeiten – täglich besuchen. Priorität haben dabei jene Kinder, die im August in die Schule wechseln. In Frankfurt ist das anders, dort dürfen die Kinder nur tageweise in die Betreuung kommen. Landes-Sozialminister Kai Klose (Grüne) steht auch in Marburgs Kommunalpolitik für diese je nach Gemeinde oder Träger unterschiedliche „eingeschränkte Regelbetreuung“ in der Kritik (OP berichtete).

Von Björn Wisker

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